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Modellbau-Affäre: Die Haderthauers und der Mörder

Die Modellbau-Affäre um die CSU-Politikerin Christine Haderthauer offenbart, dass in der Psychiatrie Ansbach schwere Sicherheitsmängel herrschten. Dem stern liegen interne Klinik-Dokumente vor.

Von Helmut Reister und Johannes Röhrig

Christine und Hubert Haderthauer beschäftigten über eine Firma Psychiatrie-Patienten

Christine und Hubert Haderthauer beschäftigten über eine Firma Psychiatrie-Patienten

Am späten Abend des 30. Dezember 1985 geht der Mann, den die Medien in der Affäre um die bayerische Staatsministerin Christine Haderthauer den "Dreifachmörder Roland S." nennen, noch mal raus, er geht zum Nürnberger Bahnhof Zigaretten holen. Auf dem Weg lernt er Marek kennen, einen jungen Polen. Die beiden brauchen nicht viele Worte, es ist gegen 24 Uhr, als sie in der Wohnung von Roland S. ankommen. Elf Stunden später ist Marek tot, erwürgt mit einem Halstuch. Die Leiche fand man später in einzelne Teile zerlegt. Marek war Roland S.' drittes Opfer, sein letztes.

Heute ist der Täter Roland S. eine der Schlüsselfiguren in der sogenannten Modellbau-Affäre. Fast zwei Jahrzehnte lang ließen zunächst die heutige CSU-Spitzenpolitikerin Christine Haderthauer und später ihr Mann Hubert, ein Psychiater, über eine Firma von straffälligen Psychiatriepatienten zu Niedriglöhnen exklusive Oldtimermodelle anfertigen. Die Produktion fand als so genannte Werktherapie statt. Der Vertrieb der mindestens 15.000 Euro teuren Modellautos lag bis 2008 in den Händen der Haderthauers, bei ihnen blieb das Gros des Profits. Roland S., der seit seiner Festnahme bis heute in der Psychiatrie einsitzt, leitete de facto den Modellbau hinter Gittern.

Schlüsselfigur in der Modellbau-Affäre: der Dreifach-Mörder Roland S.

Schlüsselfigur in der Modellbau-Affäre: der Dreifach-Mörder Roland S.

Sicherheitsmängel in der Psychiatrie Ansbach

Gegen Hubert Haderthauer ermittelt heute die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts, einen Kompagnon bei den Modellbaugeschäften betrogen zu haben. Und auch Christine Haderthauer geriet ins Visier der Ermittler. Beide weisen die Vorwürfe als "völlig absurd" und "unzutreffend" zurück. Das Ganze sei "kein fragwürdiges Geschäftsmodell, sondern ein von Idealismus geprägtes Engagement finanzieller Art" gewesen, erklärt die Ministerin. Die Staatskanzlei will sich zu dem Fall gar nicht äußern.

Längst geht es in diesem Fall jedoch nicht mehr allein um Geld und Fragen des Anstands. Die Affäre legt zudem die Zustände auf der forensischen Station des Bezirkskrankenhauses im mittelfränkischen Ansbach offen, wo Roland S. bis Herbst 2000 einsaß. Die Opposition im bayerischen Landtag will nun einen Untersuchungsausschuss. Dem stern liegen interne Protokolle aus der Klinik sowie Berichte von Ärzten, Pflegepersonal und Wachdienst vor, die diese an die Bezirksverwaltung schickten. Sie offenbaren schwere Sicherheitsmängel sowie eine erstaunliche Sonderbehandlung des Modellbaubereichs und seines Vorarbeiters Roland S.

  • Aus einem Aktenvermerk des Bezirkskrankenhauses Ansbach vom 3. Oktober 1997 über den Suizidversuch eines Patienten: "Das Skalpell stammte ... eindeutig aus dem Modellbaubereich von Herrn S.".
  • Aus einem Aktenvermerk vom August 1998 zur "Sicherstellung eines Generalfensterschlüssels bei Patient S.": "Am 6.8.98 wurde gegen 7:45 Uhr der Modellbau wegen einer beschädigten, vermutlich eingedrückten, Fensterscheibe aufgesucht. Der Pat. (Patient S., Anm. der Red.) wurde von mir befragt, ob er denn einen Generalschlüssel habe, der überall im Haus, auch auf Station, zum Schließen der Fenster verwendet wird. Dies wurde zuerst entschieden von Seiten des Patienten verneinet. Daraufhin wurde ein Schrank im Modellbaubereich geöffnet, in dem sich ein Generalschlüssel befand... Der Schlüssel wurde sichergestellt."
  • Aus einer "Gesamtdarstellung der Sicherheitsrisiken im Modellbau des Hochsicherheitstraktes" der Pflegedirektion vom 25. März 1999: "Werkzeugbestand ist nicht bekannt; Werkzeuge sind vorhanden, die die Vorbereitung und Ausführung von Einbrüchen zulassen; Herstellung von Gegenständen, die als Waffe eingesetzt werden können."
Laut Aktenvermerken des Bezirkskrankenhauses Ansbach verfügte Roland S. über einen Schlüssel für sämtliche Fenster im Gebäude - ohne Erlaubnis

Laut Aktenvermerken des Bezirkskrankenhauses Ansbach verfügte Roland S. über einen Schlüssel für sämtliche Fenster im Gebäude - ohne Erlaubnis

Täter hatte Generalschlüssel für die Fenster

Bereits kurz nach seiner Einweisung erhielt Roland S. die Genehmigung, regelmäßig die Klinik zu verlassen – etwa um in Begleitung einer Aufsicht Einkäufe in der Stadt zu tätigen oder um mit Hubert Haderthauer in einer der umliegenden Gasthöfe essen zu gehen und die Modellbaupläne zu besprechen. Haderthauer hatte damals nahezu unbeschränkt Zugang zu dem klinikinternen Modellbaubetrieb.

Später bekam S. zudem auch Wochenendurlaub. Dabei übernahm bisweilen ein Polizeibeamter außerhalb seiner Dienstzeit die Aufsicht und nahm Roland S. mit zu seiner Familie. Der Wachdienst kritisierte die Ausflüge: "Patient S. kam in den Jahren 1992 bis 1995 des Öfteren klar ersichtlich alkoholisiert vom Wochenendurlaub zurück", heißt es einer Notiz. Ob das zutrifft, ist umstritten. Der Nachweis eines Alkoholtests fehlt.

"Die Sonderstellung des Patienten S. resultiert aus dem Modellbau", rechtfertigte die Ärzteschaft laut Besprechungsprotokoll von Februar 1999 die laxe Linie: Der Ausgang sei zudem von der Staatanwaltschaft genehmigt. Er sei "nötig, um die Pläne maßstabsgetreu anzufertigen (z.B. Ausmessen der Autos in Museen)."

Werkstatt hinter Gittern: In den 90er Jahren fertigten Psychiatrie-Patienten im Betriebskrankenhaus Ansbach Modellautos

Werkstatt hinter Gittern: In den 90er Jahren fertigten Psychiatrie-Patienten im Betriebskrankenhaus Ansbach Modellautos

Zustände beschäftigten Innenministerium

In dem Krankenhaus herrschte damals ein Sicherheits- und Kompetenz-Chaos. Folge war eine Serie von Ausbrüchen und Fluchtversuchen aus der Forensik. Ärzte, Pflege- und Wachpersonal machten sich gegenseitig für die Missstände verantwortlich. Am 30. Dezember 1998 schrieb die ärztliche Direktion in einem Mahnbrief: "Das Haus 9 beherbergt bekanntlich die gefährlichsten psychisch kranken Rechtsbrecher ... Die Aufzeichnung der Videokamera beweist gravierende Sicherheitsmängel und schwere Versäumnisse der Sicherheitskräfte."

Nach stern-Informationen wurde der Fall im August 1999 auch an das bayerische Innenministerium herangetragen, das damals vom späteren Ministerpräsident Günther Beckstein geleitet wurde. Ein Landtagsabgeordneter machte per Brief auf die lokale Berichterstattung über die Sicherheitspannen aufmerksam. "Ihre Besorgnis über die Entwicklung in der forensischen Abteilung im Bezirkskrankenhaus Ansbach kann ich gut verstehen", heißt es in dem Antwortschreiben des Ministeriums. Der Fall sei an das zuständige Arbeits- und Sozialministerium weitergeleitet worden. Dort werde Sorge getragen "dass die Dinge wieder ins Lot kommen".

Im Jahr 2000 wurde das Arbeitstherapieprojekt Modellbau in die geschlossene Psychiatrie nach Straubing verlegt. Auch Roland S. sitzt seitdem dort ein, man kann ihn anrufen. So wird er in letzter Zeit häufiger von Journalisten befragt, wie das war mit den Haderthauers und dem Modellbau. Es kursieren wilde Geschichten aus Ansbach über angebliche Wochenendtrips von Roland S. nach Frankreich und Urlaub in einer Jagdhütte. "Patient S. allein in der Stadt", heißt es in einer weiteren Notiz des Wachpersonals.

Mal bestätigt Roland S. derartige Angaben, dann wieder weicht er aus und will gar nichts mehr sagen. Man kann sich nie ganz sicher sein bei ihm.