Münteferings Hochzeit Wenn wir schreiten Seit' an Seit'


In Essen haben sich Franz Müntefering und Michelle Schumann das Ja-Wort gegeben. Auf großen Pomp und Prominenz wurde verzichtet - sogar seinen roten Schal ließ Müntefering zu Hause.
Von Frank Gerstenberg

Unter den Besuchern der Zeche Zollverein in Essen gab es an diesem tristen, trüben Dezembernachmittag niemanden, der dem alten Polit-Fuchs Franz Müntefering (69) und seiner jungen Liebe Michelle Schumann (29) ihr Glück nicht gegönnt hätte. "Was, der Münte heiratet heute hier? Das ist ja ein Ding", sagt eine Besucherin der Dauerausstellung im Unesco-Weltkulturerbe. "Na denn, congratulations und Glück auf." Alexander Herbst kam sogar eigens aus Münster, um einen Blick auf das neue Polit-Promipaar der SPD zu erhaschen. Dass jemand "in seinem Alter noch so eine hübsche junge Frau abbekommt", findet er gut. Eine Boulevard-Zeitung schwärmte sogar von einer "Märchenhochzeit", die der ehemalige Vizekanzler und zweimalige SPD-Vorsitzende und die SPD-Stadträtin aus Herne am Samstag im Erich-Brost-Pavillon der Zeche Zollverein feiern wollten.

Auch die Journalisten hätten "Münte und Michelle" gerne gratuliert. Die Liebe der beiden - altersmäßig - so unterschiedlichen Genossen hat ja auch in der Tat etwas Spektakuläres, Dramatisches: Hier der SPD-Leitwolf, der im Herbst 2007 von allen Ämtern zurücktritt, um seine krebskranke Frau Ankepetra zu pflegen. Der mit ansehen muss, wie sie im Juli 2008 stirbt und der gleichzeitig mit ansehen muss, wie die SPD unter dem damaligen Vorsitzenden Kurt Beck am Abgrund taumelt, schließlich im Oktober 2008 die Rückkehr auf den Posten, den der knorrige Sauerländer in einem seiner flotten Sprüche einmal als "schönstes Amt nach dem Papst" bezeichnet hatte: den des SPD-Vorsitzenden.

Gefeiert wird nur im kleinen Kreis

Dort die aufstrebende, schöne SPD-Genossin aus Herne, die als Polittalent gilt und kluge Programme zur Bildungspolitik schreibt. Mitte des Jahres, mitten im Wahlkampf, plötzlich die Meldung: Die beiden sind ein Paar, sie sind glücklich, sie pfeifen auf den Altersunterschied. Und dann heiraten sie auch noch mitten im Pott, in der SPD-Herzkammer. Moderne und Tradition versöhnt. Von wegen "wir waren nicht interessant genug", wie Franz Müntefering in seiner Abschiedsrede am 13. November auf dem Dresdner Parteitag einräumte. Er war offenbar nie interessanter. Man schien sich an diesem Samstag im 1929 gebauten Schachts XII auf ein lockeres Paar freuen zu dürfen. Lange schon war das Politische nicht mehr so privat und das Private nicht mehr so politisch.

Doch bereits im Vorfeld der Hochzeit im rustikalen Industrieambiente, die zur SPD passt wie kaum eine andere Kulisse und zu der eigens ein Standesbeamter anreiste, deutete sich an, dass Münte heute wieder die Sphinx geben wollte: Feier im kleinen Kreis, nur Freunde und Verwandte. Höchstens 20 Gäste seien geladen, hieß es zunächst. Tatsächlich waren es wohl etwas mehr. Selbst Rolf Kuhlmann, der Pressesprecher der Zeche Zollverein, hatte sich die Zähne ausgebissen, als er im Büro von Franz Müntefering versuchte, einen kleinen Pressetermin anberaumen zu dürfen: "Wir wurden gar nicht involviert. Ich bin nicht sauer, aber Franz Müntefering muss klar sein, dass er eine öffentliche Person und dies ein öffentlicher Ort ist." Dennoch freue es ihn, dass er hier heirate. Das zeige, welche Bedeutung die Zeche Zollverein habe.

"Der ist doch nicht Michael Jackson"

Die ersten Gäste kamen gegen 12.30 Uhr. Ein Pärchen brachte einen weißen Luftballon als Geschenk mit, darin zwei rote Herzen mit der Aufschrift "Just married". Zwei Worte zur Hochzeit: "Alles Gute." Im Vergleich zu den anderen Gästen war dies bereits eine Presseerklärung. Unter denen ist kein bekanntes Gesicht aus der Politik zu sehen.

Um 13.14 Uhr fährt er schließlich im silbernen Audi mit Bonner Kennzeichen vor: Schwarzer Anzug, weißes Hemd, silberne Krawatte, beiger Mantel: Franz Müntefering. Er hat so vieles erreicht im Leben, war Vizekanzler, Arbeitsminister, er hatte entscheidenden Anteil daran, dass die SPD 1998 nach 16 Jahren in der Opposition wieder an die Macht kam. Und jetzt mit 68 noch einmal "Glück auf" in die dritte Ehe, mit einer bildhübschen, blutjungen Frau. Dieser Mann muss glücklich sein, welchen Spruch hat er heute? "Ich kann nicht nur Wahlkampf" oder "Alleinsein ist Mist"?

Doch sein Auftritt kann enttäuschender kaum sein: Münte geht schnurstracks durch die Journalisten hindurch, kein Lachen, kein kurzes Innehalten, stattdessen ein barsches "'n schönen Tach noch". Der Pächter des Erich-Brost-Pavillons und Veranstalter der Hochzeit, Hans-Hubert Imhoff, darf noch nicht einmal das Hochzeitsmenü nennen, darf nicht sagen, ob sich "M&M" vielleicht für Ruhrwiesenkräutersüppchen mit Markklößchen und gefüllter Perlhuhnbrust oder Roulade mit Rotkohl entschieden haben. "Meinem Vater hat eine Indiskretion beinahe die Karriere gekostet", sagt der Edel-Gastronom. Ein Fotograf ist nach zwei Stunden Ausharren in bitterer Kälte am Hintereingang der Zeche Zollverein sauer: "Was soll denn das? Der ist doch nicht Michael Jackson."

Kein Ring, kein Schmuck, keine lackierten Fingernägel

Doch es sollte noch schroffer kommen: 13 Minuten nach Münte wird Michelle Schumann im weißen Nissan-Geländewagen vorgefahren: Sie steigt alleine aus, ob ihr Vater noch kommt oder schon da ist, weiß niemand. Michelle Schumann, Vorwärts-Volontärin und einstige Mitarbeiterin im Münte-Büro, trägt ein weißes Taftkleid, einen weißen Hermelin-Umhang, keinen Ring, keinen Schmuck, keine lackierten Fingernägel, die braunen Haare hat sie hinten streng zu einem Flechtkranz gebunden. In den Händen hält sie einen kleinen Strauß roter Blumen, wahrscheinlich Callas, die nicht wie Brautschmuck, sondern wie ein Weihnachtsgesteck aussehen.

Die SPD-Stadträtin aus Herne, die in knapp einer halben Stunde die Frau Müntefering sein wird, ist sich mit ihrem Verlobten in punkto Pressearbeit einig: Das dezent geschminkte Gesicht zeigt kein Lächeln, sondern eher eine Maske: der grell rot geschminkte Mund ist zusammengekniffen, der Blick starr. Ohne ein Wort huscht sie durch die Journalistenschar. Sieht so eine glückliche Braut aus, fragen sich die verdutzten Journalisten. Gastronom Imhoff erklärt noch, dass es "kein Foto" von dem Paar geben wird, das sich in 40 Meter Höhe in der Nähe der alten Kohlenwäscherei und der Sieberei mit Blick auf den Gasometer und die Arena "Auf Schalke" das Ja-Wort geben wollen. Zumindest in diesem Teil der SPD scheint die neue Basisarbeit, die Müntes Nachfolger Sigmar Gabriel einfordert, noch nicht zu greifen.


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