VG-Wort Pixel

Nach 92 Stunden Der Castor ist am Ziel


Am Ende ging es ganz schnell: Am Morgen ist der Castortransport nach fast vier Tagen im Zwischenlager Gorleben angekommen. Mit spektakulären Aktionen hatten Aktivisten den Transport massiv verzögert.

Mit mehr als eintägiger Verspätung ist der Castor-Atommülltransport am Dienstag im Zwischenlager Gorleben eingetroffen. Der Konvoi der Schwerlaster machte sich am Morgen um 8.34 Uhr vom Verladebahnhof Dannenberg auf den Weg. Tausende Polizisten sicherten die Strecke im niedersächsischen Wendland. Das 20 Kilometer lange Teilstück zwischen dem Verladebahnhof und dem Atommüll-Zwischenlager war in den Vorjahren oft das schwierigste, weil es zwischen Polizei und Transportgegnern am härtesten umkämpft war.

Vor dem Zwischenlager wurde erst am Morgen die letzte Sitzblockade mit mehreren tausend Demonstranten geräumt. Die Menschen hatten dort insgesamt 44 Stunden ausgeharrt und den Weg versperrt. Vor dem Verladebahnhof Dannenberg verzögerten am Montagabend zwei Greenpeace-Mitglieder die Abfahrt der Tieflader mehr als zwölf Stunden lang. Sie hatten sich in einem als Bierlaster getarnten Lkw an einen Betonblock fixiert. Die Polizei setzte Bohrhämmer und schweres Spezialwerkzeug ein, um die beiden loszubekommen.

Insgesamt waren 20.000 Polizisten im Einsatz. Bei den viertägigen Protesten seien bundesweit 11.836 Beamte der Länderpolizeien und 8156 Bundespolizisten eingesetzt worden, teilte die Einsatzleitung mit. Dabei seien insgesamt 131 Polizisten verletzt worden, davon 78 durch Castor-Gegner. So hätten etwa Würfe mit Steinen oder Flaschen Verletzungen zur Folge gehabt. Während der Protestaktionen nahm die Polizei nach eigenen Angaben 1316 Atomkraftgegner in Gewahrsam und erteilte 306 Platzverweise. Außerdem stellte sie 117 Traktoren von protestierenden Bauern sicher. Die Einsatzleitung betonte, die Dauer des Transportes habe für sie keine Rolle gespielt. Dass Ziel, die Behälter sicher in das Zwischenlager zu bringen, habe man trotz der massiven Proteste erreicht, sagte Einsatzleiter Friedrich Niehörster.

Längster Castortransport aller Zeiten

Auch die Aktivisten ziehen ein positives Fazit: Der Transport der elf Castorbehälter dauerte mit rund 92 Stunden deutlich länger als seine elf Vorgänger seit 1995. Noch nie war der Widerstand so heftig wie in diesem Jahr. Demonstranten reisten aus ganz Deutschland an, um gegen den Transport zu protestieren. Sie campierten teilweise tagelang auf der Straße oder übernachteten auf den Gleisen, um den Zug aufzuhalten. Bis auf wenige Ausschreitungen am Sonntag blieb der Protest allerdings weitgehend friedlich.

"Wir haben gezeigt, dass mit uns gerechnet werden muss", sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek. Die Absicht von Bundesregierung und Energiewirtschaft, hochradioaktiven Atommüll in den Salzstock Gorleben zu bringen, sei "durch diese Proteste hinfällig" geworden.

Die Menschen im Wendland befürchten, dass das Zwischenlager zum atomaren Endlager werden könnte. Die Wut der Menschen richtet sich auch gegen die Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) stellte am Dienstag klar, dass alternative Standorte für ein Endlager erst erkundet würden, wenn Gorleben sich als ungeeignet erweise. "Man kann nicht zwei- oder dreimal Gorleben in Deutschland stemmen", sagte er im Nachrichtensender N-TV.

Suche nach dem Endlager

Der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Jürgen Trittin, forderte eine transparente und ergebnisoffene Suche nach einem Endlager. Er habe Zweifel an der Eignung von Gorleben, sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Der Bundestag will am Mittwoch über die Demonstrationen im Wendland diskutieren.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, machte die Bundesregierung mitverantwortlich für die Heftigkeit der Proteste. Wer den Grundkonsens in der Atompolitik aufgebe, müsse damit rechnen, dass dies in der Gesellschaft zu Konflikten führe, sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung".

Der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, befürwortet Sitzblockaden gegen den Castor-Transport nach Gorleben als legitime Protestform. "Wenn es in dieser Weise geschieht, denke ich, ist es ein gutes Zeichen für unsere Demokratie", sagte Schneider am Dienstag im ARD-"Morgenmagazin". Gewalttätige Auseinandersetzungen wie zwischen Atomkraftgegnern und Polizisten am Wochenende lehnte der rheinische Präses aber deutlich ab.

be/DPA/AP/DAPD AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker