Nach umstrittener Rede CDU-Außenpolitiker verteidigt Erdogan


Die umstrittene Rede des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan vor 16.000 Deutsch-Türken schlägt hohe Wellen. Nach heftiger Kritik aus den Reihen der Union, hat ein CDU-Außenpolitiker Erdogan verteidigt. Ruprecht Polenz lobte sein Integrationsverständnis.

Grünen-Chefin Claudia Roth hat der Union vorgeworfen, den jüngsten Deutschland-Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu Wahlkampfzwecken missbrauchen zu wollen. "Hier wird wieder unglaublich viel Porzellan zerschlagen", sagte die Grünen-Vorsitzende der "Augsburger Allgemeinen". Sie warf Unionspolitikern "eine bewusste Missinterpretation" von Erdogans Aussagen gegen eine Assimilation der in Deutschland lebenden Türken vor.

"Erdogan hat klar gesagt: 'Integriert Euch, lernt Deutsch'". Noch nie zuvor habe ein türkischer Ministerpräsident so deutlich zur Integration aufgerufen. "Herr Erdogan wird behandelt wie früher ein Gastarbeiter aus Südostanatolien", fügte Roth hinzu.

Polenz lobt türkische Integrationsbemühungen

Auch der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, distanzierte sich von der Kritik am türkischen Ministerpräsidenten. Dessen Regierung sei "die erste in der Türkei, die nicht nur erkannt hat, dass die Türken, die dauerhaft in Deutschland leben, sich hier integrieren müssen, sondern die auch etwas dafür tut", sagte der frühere CDU-Generalsekretär der "Frankfurter Rundschau". So sorge sie etwa für eine bessere Vorbereitung der muslimischen Imame, die in die Bundesrepublik kämen.

In seiner Kölner Rede habe Erdogan die Türken in Deutschland aufgefordert, Deutsch zu lernen, sich zu bilden und so den gesellschaftlichen Aufstieg hierzulande anzustreben. Polenz: "Wir sollten verstehen, dass Heimatgefühl nichts exklusives ist. Man kann sich sehr wohl in seiner Heimat Deutschland zu Hause fühlen, ohne das Land der Eltern oder Großeltern zu vergessen."

"Erdogan schießt gern mal übers Ziel hinaus"

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel gab in der "FR" zu bedenken: "Die angemessenen Worte der Mäßigung zur Bewertung der Lage nach der schmerzlichen Brandkatastrophe von Ludwigshafen stehen im krassen Widerspruch zu der Kundgebung für eine Klein-Türkei in Deutschland." So wirkten Erdogans Aufforderungen zur sprachlichen Integration eher wie ein Lippenbekenntnis.

Der SPD-Europaparlamentarier und Unternehmer Vural Öger forderte, die Äußerungen des türkischen Regierungschefs nicht überzubewerten: "Erdogan ist ein emotionaler Mensch und schießt auch schon mal übers Ziel heraus", sagte Öger der "Berliner Zeitung". Er habe Erdogans Rede vor allem als Aufruf an die türkischstämmigen Menschen in Deutschland verstanden, sich zu integrieren und zugleich ihre Kultur zu bewahren.

Zentralrat der Ex-Muslime warnt vor Radikalisierung

Der Zentralrat der Ex-Muslime in Deutschland dagegen lehnt die Erdogan-Äußerungen strikt ab. "Wer Integration ernst meint, der kann keine türkischen Schulen und damit eine weitere Isolation von Migranten zulassen", sagte Zentralratsvorsitzende Mina Ahadi der "Leipziger Volkszeitung". Türkische Schulen könnten der Anfang einer islamischen Radikalisierung sein, argumentierte sie.

Dahinter stecke auch der Versuch radikaler islamischer Organisationen, ihr Netzwerk in Deutschland auszubauen. "Gibt es erst türkische Schulen, dann gibt es auch bald islamische Schulen, Kliniken und den Kopftuchzwang. Wir müssen ernsthaft nachdenken, ob dass in Deutschland wirklich gewollt ist."

DPA/sh/msg DPA

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