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Neue Armut: Wenn die "Stütze" nicht mehr reicht

Immer mehr junge Familien geraten in Not. Oft haben die frisch gebackenen Eltern nicht einmal finanzielle Reserven für die Grundausstattung des Nachwuchses. Und auch sonst können immer weniger Familien ihre laufenden Kosten decken.

Mehrere Kinderwagen in der einen Ecke, Regale mit Babybekleidung in der anderen, dazwischen zwei Sitzschalen, ein Hochstuhl und ein Bettchen: Im so genannten "Babykorb" im Keller der Schwangeren- und Sexualberatungsstelle der Caritas in der Nürnberger Tuchergasse finden bedürftige Familien vieles, was sie für ihre Neugeborenen benötigen, sich auf dem freien Markt aber nicht leisten können. "Manchmal schickt uns das Klinikum auch frisch gebackene Eltern nach der Entbindung. Da fehlt es dann am Geld für die Grundausstattung des Nachwuchses", sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Heidi Winter-Schwarz.

Starke Nachfrage nach karitativen Angeboten

Eine entspannte Shopping-Atmosphäre will sich zwischen Betonwänden und Lichtschächten nicht einstellen. Trotzdem werde das Angebot der Caritas zunehmend stärker nachgefragt. "Dabei sinken die Geburtenraten stetig", sagt Winter-Schwarz. Für die Sozialpädagogin ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Armut auf dem Vormarsch ist. Betroffen sind nach der Erfahrung der Caritas vor allem junge Familien.

Seit das Arbeitslosengeld II (ALG II) für Erwerbsfähige und die Grundsicherung für Kranke und Alte an die Stelle von Arbeitslosen- und Sozialhilfe rückte, könnten immer weniger Menschen ihre laufenden Kosten decken. Wenn dann noch die Waschmaschine oder der Kühlschrank kaputt geht, der Energieversorger eine Heizkosten-Nachzahlung fordert oder die Einschulung der Kinder ansteht, sei das finanzielle Desaster perfekt. Früher wurden solche Spitzen durch einmalige Leistungen wie etwa die Schulmittelpauschale abgefedert, die der Gesetzgeber zusätzlich zur regulären Sozialhilfe gewährte. Doch die wurden mit dem ALG II Anfang 2005 abgeschafft, berichtet die Sozialpädagogin Judit Alexander von der Allgemeinen Sozialen Beratung der Caritas.

Vier Euro Stundenlohn reichen nicht

In Westdeutschland erhält ein Single derzeit 345 Euro monatlich, ein Paar 311 Euro pro Person, für Kinder gibt es je nach Alter zwischen 207 und 276 Euro extra - plus Mietkostenzuschuss. "Daraus müssen alle Ausgaben beglichen werden. Doch das Geld reicht nicht, um etwas auf die Seite zu legen", unterstreicht Alexander. Auch Geringverdiener gehörten zu den Verlierern der Gesellschaft. "Mit einem Stundenlohn von drei bis vier Euro kommt man nicht über die Runde", kritisieren die Caritas-Mitarbeiterinnen. Viele wüssten nicht einmal, dass sie zusätzlich Anspruch auf Leistungen aus dem ALG II haben.

Die bayerischen Wohlfahrtsverbände warnen unterdessen vor einem regelrechten Armutsschub. Sie fordern eine Anhebung des Regelsatzes um 20 Prozent. Aber auch die regulären Löhne müssten wieder steigen. Denn das Phänomen der "Working-poor" sei auch in Deutschland angekommen. So werden in den USA Menschen genannt, deren Verdienst nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Armut vererbt sich"

"Armut verstetigt sich, Armut vererbt sich", sagt der Leiter des Allgemeinen Sozial-Dienstes der Stadt Nürnberg, Dieter Maly. Kinder von Geringverdienern und Leistungsbeziehern hätten nur eine minimale Chance, sich aus dem langen Schatten der Armut zu befreien. Hoffnung, dass die Wirtschaft das Millionenheer der Arbeitslosen in den nächsten 15 Jahren in Lohn und Brot bringe, habe er keine.

Deshalb sei es nötig, die befristeten Ein-Euro-Jobs zu verstetigen, einen zweiten Arbeitsmarkt zuzulassen und einen Mindestlohn einzuführen. "Diese Menschen müssen dann zwar weiter an der Armutsgrenze existieren, haben aber eine Chance, den Teufelskreislauf der Vereinsamung zu durchbrechen und ihre Kinder durch das Bildungssystem zu schleusen", ist Maly überzeugt.

Einige schaffen es

Jasmin Ziegler ist das bereits gelungen. Als Ein-Euro-Jobberin betreut die zweifache Mutter den "Babykorb" der Caritas und sortiert die gespendeten und gebrauchten Kleidungsstücke fein säuberlich in die Regale. Nach der Geburt ihres ersten Kindes vor sechs Jahren war die damals 17-Jährige als Klientin zur Caritas gekommen, mittellos und ohne Ausbildung. Inzwischen hat sich ihre Familiensituation stabilisiert.

Thomas Meiler/DPA / DPA
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