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Niedrige Geburtenrate: Applaus für Schröders Befruchtungs-Offensive

Familienministerin Schröder will kinderlosen Paaren die künstliche Befruchtung finanzieren und so die Geburtenrate steigern. Experten applaudieren, doch Kritiker zweifeln an der Umsetzung.

Von Friederike Ott

Kristina Schröder (CDU) lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich zum Thema Geburtenrate in Deutschland zu äußern und Vorschläge zu unterbreiten, wie man sie steigern kann. Nun will sie die finanziellen Hilfen bei der künstlichen Befruchtung aufstocken, um so Paare zu unterstützen, die ungewollt kinderlos sind. Ihr zufolge ist beinahe jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 betroffen.

Schon Ursula von der Leyen sprach sich in ihrer Zeit als Familienministerin für mehr Hilfe bei künstlicher Befruchtung aus, die im Zuge der Gesundheitsreform 2004 drastisch gekürzt wurde. Zwar unterstützen inzwischen einige Bundesländer ungewollt kinderlose Paare zusätzlich, wenn die gesetzlichen Kassen nicht zahlen. In Sachsen etwa bekommen sie seit 2009 für die zweite und dritte Behandlung jeweils bis zu 900 Euro, für die vierte bis zu 1800 Euro.

Doch die meisten Paare müssen bundesweit kräftig zuzahlen, wenn sie Probleme bei der Fortpflanzung haben. Vor der Gesundheitsreform wurden bis zu vier Versuche bei der künstlichen Befruchtung voll finanziert. Seitdem werden nur noch drei Versuche zur Hälfte bezahlt. Pro Behandlung belaufen sich die Kosten auf 3200 bis 5000 Euro. Außerdem werden Paare nicht unterstützt, wenn die Frau älter als 40 Jahre ist oder der Mann über 50. Ist die Frau jünger als 25 Jahre, muss sie ebenfalls die Kosten voll tragen.

"Man demonstriert nicht bei zu langsamen Spermien"

Christian Thaler, Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält das für einen Skandal. "Ständig reden wir davon, dass zu wenige Kinder geboren werden und gleichzeitig wird Frauen, die nicht mindestens 25 Jahre alt sind, die finanzielle Unterstützung verweigert."

Tatsächlich ist die Zahl der künstlichen Befruchtungen seit der Gesetzesänderung drastisch zurückgegangen. Experten schätzen, dass deshalb jedes Jahr etwa 10.000 Kindern weniger auf die Welt kommen. Insgesamt wurden 2009 in Deutschland 665.000 Menschen geboren. Aktuellere Zahlen liegen dem Statistischen Bundesamt nicht vor.

Thaler glaubt, dass die Zahl der Geburten wieder um mindestens 10.000 steigen wird, wenn die künstliche Befruchtung wieder komplett finanziert wird. Er rechnet sogar mit einer noch höheren Zahl, weil die Anzahl kinderloser Paare in den vergangenen Jahren gestiegen ist. "Was Frau Schröder plant, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit effektiv sein", so der Wissenschaftler. Das Problem fände aber wenig Öffentlichkeit, kritisiert Thaler. "Man demonstriert nicht, weil man eine verschlossene Eileiter hat oder zu langsame Spermien."

"Wir kennen Frau Schröder als Ankündigungsministerin"

Tatsächlich zeigt das Beispiel Sachsen, dass das Instrument erfolgversprechend sein kann. Nach Angaben des sächsischen Familienministeriums sind die Behandlungszahlen seit der Förderung um 30 Prozent gestiegen. 2010 wurden knapp 600.000 Euro in zusätzliche Behandlungen gesteckt, die nach Angaben des Ministeriums zu 162 Extra-Babys geführt haben.

Zahlreiche Politiker begrüßen denn auch den Vorstoß von Schröder. Ein Kinderwunsch dürfe weder am Geld noch an veralteten Vorstellungen von Familie scheitern, erklärte etwa die familienpolitische Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Miriam Gruß. Damit greife die Ministerin eine langjährige Forderung der FDP auf.

Auch bei Oppositionspolitikern stößt der Vorschlag prinzipiell auf Zustimmung. "Ich habe durchaus Sympathien für die Vollfinanzierung der künstlichen Befruchtung", sagt Caren Marks, familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Sie äußert sich jedoch kritisch gegenüber der Familienministerin. "Sie wildert in fremden Fachbereichen. Es ist der hilflose Versuch, in die Öffentlichkeit zu kommen." Schröder würde sich zudem nicht für unverheiratete Paare einsetzen, die derzeit noch von der Förderung ausgeschlossen würden, kritisierte sie.

"Die Risiken sollten nicht unterschätzt werden"

"Es ist hochgradig ungerecht, wenn sich Paare, die ein niedriges Einkommen haben, die künstliche Befruchtung nicht leisten können", sagt Grünen-Familienpolitikerin Katja Dörner, die eine Aufstockung der Finanzierung begrüßen würde. Jedoch sei sie skeptisch, ob die Familienministerin wirklich etwas unternehme. "Wir kennen sie leider bisher als Ankündigungsministerin."

Tatsächlich scheint der Vorschlag noch nicht besonders ausgereift zu sein: Schröder habe eine Diskussion anstoßen wollen, heißt es aus dem Familienministerium. Ihre Vorschläge müsse sie noch der Bundesregierung vorlegen.

mit AFP