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OB-Abwahl in Duisburg: Sauerland mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt

Das Votum war eindeutig: Duisburgs OB Adolf Sauerland muss wegen der Loveparade-Katastrophe vorzeitig seinen Platz räumen. Die Stadt hofft jetzt, ihre innere Spaltung zu überwinden.

Von Frank Gerstenberg, Duisburg

Um 19.30 Uhr drangen die ersten Freudengesänge in den ersten Stock des Duisburger Rathauses. Als Stadtdirektor Peter Greulich um 19.37 Uhr das vorläufige Ergebnis verkündete, brach lauter Jubel aus. Vor dem bisherigen Amtssitz von Adolf Sauerland gingen Raketen in die Luft, die Duisburger klatschten, pfiffen und fielen sich in die Arme. Autokorsi bildeten sich, "Danke"-Plakate wurden in die Luft gereckt.

Der Grund: Adolf Sauerland (CDU) ist nicht mehr Oberbürgermeister der Stadt. 129.833 Duisburger wählten an diesem Sonntag ihr 56-jähriges Stadtoberhaupt per Bürgerenscheid ab. 35,5 Prozent aller 365.000 wahlberechtigten Duisburger ab 16 Jahren zogen Sauerland damit für die Katastrophe der Loveparade vom 24. Juli 2010 mit 21 Toten und 500 Verletzten zur Verantwortung. Genügt hätten bereits 91.250 Stimmen (25 Prozent aller Wahlberechtigten), sofern nicht genauso viele Bürger für Sauerland gestimmt hätten. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Wahlbeteiligung lag nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis bei 41,6 Prozent. Das endgültige Ergebnis wird am kommenden Mittwoch bekannt gegeben, das vorläufige gilt unter den Duisburgern aber bereits als Sensation.

Die Opposition und viele Duisburger hoffen, dass die Abwahl Sauerlands zum Befreiungsschlag wird: "Wir sind erleichtert, weil jetzt ein Neuanfang möglich ist", sagt Rainer Bischof, 53, Regionalvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Duisburger SPD-Abgeordneter im nordrhein-westfälischen Landtag im Gespräch mit stern.de. Auf die Stadt komme viel Arbeit zu: "Wir müssen Gräben zuschütten, Duisburg ist durch die Loveparade traumatisiert und durch das Verhalten des Bürgermeisters polarisiert." CDU-Politiker waren an diesem geschichtsträchtigen Abend im Duisburger Rathaus nicht zu ersehen. Sie sollen sich an einem "geheimen" Ort getroffen haben.

"Ich akzeptiere das Wahlergebnis"

Allein Adolf Sauerland hatte die Courage, sich zu stellen. Um 20.05 Uhr bahnt er sich einen Weg durch Menschen, die ihn vor dem Rathaus teils mit hämischen Gesängen empfingen. Nach seiner Abwahl tritt der kleine dicke Mann, der seit der Loveparade zwei Konfektionsgrößen zugelegt hat, mit dem wie immer sauber ausrasierten Kinnbart im dunkelblauen Anzug vor die Kameras und Mikrophone, äußert sich überrascht über das Ergebnis und sagt mit belegter, stockender Stimme: "Ich akzeptiere das Wahlergebnis. Ich bedaure, dass es bei allen Erfolgen, die wir vorzuweisen haben, zu diesem Ergebnis gekommen ist. Es gab viele positive Momente in meiner Amtszeit, aber es gab eben auch die Loveparade. Damit werde ich leben müssen."

Die Journalisten, die Ratsmitglieder und die vielen anderen Teilnehmer der Pressekonferenz halten inne, als Sauerland Tränen in die Augen schießen und er erklärt: "Ich war gerne Oberbürgermeister, ich habe das Amt mit Herzblut und Leidenschaft Leidenschaft ausgeführt. Ich hoffe, dass die politischen Parteien die Kraft finden, aufeinander zuzugehen. Am Mittwoch werde ich meinen Platz räumen. Gott schütze diese Stadt." In eigener Sache fand Sauerland in diesem Moment das Gefühl, das er für viele Duisburger nach der Katastrophe vermissen ließ. Zaghafter Applaus war die Reaktion im Publikum. Ein gebrochener Mann.

Das gab es noch nie in NRW

Der einstige Berufsschullehrer Adolf Sauerland ist der erste Bürgermeister in der 63-jährigen Geschichte Nordrhein-Westfalens, der durch ein Bürgerbegehren sein Amt verloren hat. Der vierfache Familienvater Adolf Sauerland war seit 2004 im Amt. Bei vielen Duisburgern galt der hemdsärmelige Kommunalpolitiker lange als Macher, der nah an den Menschen und sich für kein Schützenfest und kein Jubiläum zu schade war, gleichzeitig aber auch wichtige städtische Projekte wie den Ausbau der Innenstadt und des Innenhafens vorantrieb. Sauerland selbst war bis zuletzt fest davon ausgegangen, dass er im Amt bleibt. Im ARD-Fernsehen hatte er noch am Sonntagmorgen gesagt: "Ich gehe davon aus, dass ich am Montag ganz normal zur Arbeit gehe."

"Normal" war seine Arbeit als OB nach dem Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 jedoch nie wieder. "An Normalität war in den gesamten 18 Monaten nicht zu denken", sagt die SPD-Ratsfrau Angelika Wagner. "Jeder hatte Angst eine Genehmigung zu unterschreiben, weil er befürchten musste, dass der Chef ihn im Zweifel nicht schützt." Sauerland beruft sich bis heute auf die Tatsache, dass er, der die Loveparade maßgeblich forciert hatte, ihre Genehmigung nicht unterschrieben habe. Sauerland erklärte auf eine Anfrage der SPD, dass alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden seien. "Danach konnten ich und viele meiner Ratskollegen diesem Bürgermeister nichts mehr glauben. Mein Vertrauen war völlig erschüttert, eine Normalität gab es an keinem Tag seit dem 24. Juli 2010", sagt Wagner.

Allein in seiner eigenen Welt

Dies zur Kenntnis zu nehmen war Sauerland offenbar nicht in der Lage. Der Menschenfreund und -fischer Sauerland, der Mann aus dem Leben und des Volkes, der Fan des MSV Duisburg, hatte sich, so sehen es viele Duisburger, von den Menschen und der Realität mehr und mehr entfernt. Er lebt in "seiner eigenen Welt", dies war auf den Plätzen und in den Fußgängerzonen Duisburgs immer wieder zu hören in den vergangenen 18 Monaten. In dieser eigenen Welt hatte er keine Genehmigung unterschrieben, hatte er keine Schuld an der Katastrophe, darin trug er wie jedes der 75 Ratsmitglieder nur zu einem Fünfundsiebzigstel Verantwortung. In dieser eigenen Welt gab es keine politische Verantwortung. In dieser eigenen Welt wollte er den Duisburgern beweisen, dass er an der Katastrophe nicht schuld war und fand so ein Jahr lang kein Wort der Entschuldigung für die Opfer und deren Angehörigen. Und in dieser eigenen Welt endete die Zuständigkeit der Stadt vor den Toren des Veranstaltungsgeländes, obwohl die Stadt das Sicherheitskonzept des Veranstalters Lopavent genehmigt hatte.

Sein Verhalten nach der Loveparade und nicht die Katastrophe selbst war es, das Sauerland schließlich zu Fall brachte. Bei der Pressekonferenz kurz nach der Tragödie am 25. Juli sitzt der erste Mann der Stadt wie entrückt auf dem Podium, liest gestanzte Floskeln ab und versteigt sich obendrein zu einer Schelte gegen die Besucher der Mammut-Techno-Party, die Sauerland allen Sicherheitsbedenken und Warnungen der Duisburger zum Trotz unbedingt in seiner Stadt haben wollte. Die Pressekonferenz ist der Auslöser der Anti-Sauerland-Bewegung.

Ein Abwahlantrag der Duisburger Opposition aus SPD, FDP und Linken im September 2010 scheitert noch an der Zweidrittelmehrheit im Stadtrat. Sauerland sagt damals, er wolle an der Aufklärung des Unglücks in seiner Funktion als Oberbürgermeister mitwirken, obwohl dies allein Angelegenheit der Staatsanwaltschaft ist, die inzwischen gegen 17 Beschuldigte ermittelt. Sauerland erhält in den Monaten nach der Loveparade Morddrohungen, der OB versteckt sich und seine Familie in seinem Ferienhaus im 160 Kilometer entfernten Rothaargebirge. Öffentliche Auftritte werden von Trillerpfeif-Konzerten begleitet, Sauerland wird bei der Einweihung eines Marktplatzes in Rheinhausen von oben bis unten mit Ketchup bespritzt. Weder bei der Trauerfeier im MSV-Stadion noch bei der Enthüllung des Mahnmals oder bei der Jahresgedenkfeier möchte ihn irgendjemand dabei haben.

Mehltau über der Stadt

An eine "normale" Führung der Amtsgeschäfte war mithin nicht zu denken. Mehltau legte sich über die Stadt, die nach den Mafia-Morden im August 2007 zum zweiten Mal unrühmlich im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stand. "Ein Bürgermeister ist das Gesicht einer Stadt, er muss sich zeigen", sagt Ex-OB Josef Krings, 85, von der SPD. Sauerland war dies nicht mehr möglich.

Einige Duisburger waren im August 2010 überzeugt, dass ihre Stadt einen "Neuanfang" braucht und gründeten eine Bürgerinitiative. Nach der Änderung der NRW-Gemeindeordnung im Mai 2011, durch die ein Bürgermeister von den Bürgern direkt abgewählt werden kann, sammelten sie innerhalb von vier Monaten rund 79.000 Stimmen, 55.000 hätten für einen Abwahlantrag genügt. Der Vorwurf an den Oberbürgermeister blieb immer derselbe: Sauerland sei unfähig, seine moralische und politische Verantwortung anzuerkennen und den Menschen in der Stadt Trost zu spenden. "Eine Rede am Tag danach hätte genügt. Er hätte sofort sagen müssen, wie leid ihm alles tut und die Angehörigen der Opfer und die Verletzten besuchen sollen", sagt Theo Steegmann, Sprecher der Bürgerinitiative.

Geschrumpft auf die Maße einer trotteligen Comicfigur

Doch Sauerlands ignorante Haltung blieb ebenfalls dieselbe. Die 79.000 Stimmen seien in Altenheimen gesammelt worden, der Bürgerinitiative unterstellte er parteipolitische Motive, die von SPD, Grünen und Linken beschlossene Änderung der Gemeindeordnung sei eine "Lex Sauerland". Man wollte ihn, den letzten CDU-Bürgermeister einer Großstadt im Ruhrgebiet, weg haben, um die SPD wieder ans Ruder zu bringen. Seit Dezember zog er in Duisburg einen versteckten Mini-Wahlkampf durch: Sogar in der türkischen Zeitung Hürriyet warb er um Stimmen der türkischen Migranten in der 485.000-Einwohner-Stadt Duisburg.

Am Ende hat es für ihn nicht gereicht, war die Wut der Bürger doch zu groß. "Wir brauchen niemanden, der mit dem MSV-Schal wedelt und den Karnevalsprinzen begrüßt. Wir brauchen jemanden, der weiß, was zu tun ist, wenn es eng wird", sagt Dagmar Zimmermann, 56, deren Schwiegertochter der Katastrophe nur knapp entkommen ist. Sauerland wusste dies offensichtlich nicht und wird nun drei Jahre vor dem Ende seiner regulären Amtszeit mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt. Der einst so beliebte Verwaltungschef, der strahlende Wahlsieger in der SPD-Hochburg Duisburg ist auf die Maße einer trotteligen Comicfigur geschrumpft. "Der kleine Bürgermeister" des Karikaturisten Martin Tazl, der von seinem Hund Fips den traurigen Hundeblick lernt und die Welt nicht versteht, dürfte die Abwahl noch einige Tage überleben. Die Landes-CDU ignoriert den einst umjubelten Bürgermeister. "Das hätte er sich mit einer frühzeitigen Entschuldigung und einem ehrenvollen Rücktritt alles ersparen können", sagt der langjährige Oberbürgermeister Krings, der Sauerland für "schwer traumatisiert" hält.

Sechs Monate Zeit für einen Neuanfang

Wenn Adolf Sauerland sein Büro am Mittwoch räumt, hinterlässt er die Verwaltung und die Stadt tief gespalten. "Man kann nur hoffen, dass ab Montag extremst an der Versöhnung gearbeitet wird", sagt ein WDR-Journalist. Mit welcher Frau oder welchem Mann an der Spitze, ist zur Stunde völlig offen, nur eins scheint sicher: "Es muss ein Kandidat sein, der von allen Parteien anerkannt wird", sagt Theo Steegmann. Sechs Monate haben die Parteien Zeit, ein neues Stadtoberhaupt zu finden. Solange werden Stadtdirektor Peter Greulich (Grüne) und der ehrenamtliche Bürgermeister Benno Lensdorf (CDU) die Amtsgeschäfte führen.

Die Duisburger sind optimistisch, dass der Neuanfang gelingt: "Ich habe in dieser Stadt seit der Krupp-Krise in Rheinhausen vor 25 Jahren noch nie soviel Engagement erlebt", sagt die 53-jährige Petra Swegat. Die Bewohner der einstigen Kohle- und Stahl-Metropole hätten gezeigt, dass ihnen ihre Stadt, vor allem aber die Opfer der Loveparade nicht gleichgültig seien.

Was aus Sauerland wird, bleibt offen. Der Ex-OB erhält noch drei Monate Gehalt, danach Ruhegehalt in Höhe von 71,75 Prozent seiner Dienstbezüge bis 2015 und danach eine Pension.