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OECD-Bericht: Unterricht mit Urgesteinen

In deutschen Klassen unterrichten immer mehr Lehrer jenseits des 50. Lebensjahres. Dies geht aus einem aktuellen OECD-Bericht hervor. Auch die Zahl der Studenten in Deutschland ist rückläufig.

Deutschlands Lehrer sind im Schnitt deutlich älter als ihre Kollegen in anderen Industriestaaten. In der Bundesrepublik ist mehr als jeder zweite Pädagoge, der Schüler bis zur zehnten Klasse unterrichtet, 50 Jahre alt oder älter. Im Mittel der OECD-Staaten ist dies weniger als ein Drittel, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

Der neue Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) löste unterdessen eine breite Reformdebatte aus. Angesichts der geringen deutschen Studentenzahlen und des drohenden Akademikermangels forderte die SPD die Abschaffung von Studiengebühren. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) machte sich für einen parteiübergreifenden Kompromiss im Streit um das gegliederte Schulsystem stark.

Nach der Übersicht des Statistischen Bundesamtes haben an den Grundschulen die Länder Bremen (65,6 Prozent) und Saarland (62,5) die höchsten Anteile von Lehrern über 50. in Klasse fünf bis zehn sind es Bremen (56,2) und Hessen (55,9 Prozent).

Ideologische Gräben überwinden

Die GEW-Vizevorsitzende Marianne Demmer forderte angesichts der jüngsten OECD-Analyse die Parteivorsitzenden von CDU und SPD auf, Deutschlands Bildungsprobleme zur "Chefsache" zu machen. Die fehlende Chancengleichheit für Arbeiter- und Migrantenkinder verlange ein parteiübergreifendes Handeln der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und des SPD-Chefs Kurt Beck, sagte Demmer der Deutschen Presse-Agentur dpa. Auch andere Staaten hätten es in den vergangenen Jahrzehnten geschafft, ideologische Gräben und überkommene Schulstrukturen zu überwinden. Ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder sei heute weltweit die Regel.

Als die eigentliche "Horrormeldung" des diesjährigen OECD- Berichtes bezeichnete Demmer die Aussage, dass in Deutschland nur 21 Prozent der 15-Jährigen ein Studium überhaupt in Betracht ziehen. Im OECD-Schnitt sind dies 57 Prozent, in Südkorea sogar 80 Prozent.

Nur in Deutschland wird nach Schulformen sortiert

"Deutschland ist in der Wissensgesellschaft noch nicht angekommen", sagte Demmer. Nur noch im deutschen Sprachraum würden bereits Zehnjährige nach unterschiedlichen Schulformen sortiert und damit so früh Bildungs- und Lebenschancen verteilt. "Wer aber gleich im zehnten Lebensjahr zwei Dritteln der Kinder signalisiert, für das Gymnasium zu dumm zu sein, der muss sich nicht wundern, wenn diese in ihrem Ehrgeiz gebremst werden." Die Gewerkschafterin sagte weiter: "Das deutsche Schulsystem treibt einem Großteil unserer Jugendlichen die Motivation für das weitere Lernen aus."

Die Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), forderte die Abschaffung von Studiengebühren in den CDU/CSU- geführten Bundesländern. Mit seinen spärlichen Abiturienten- und Studentenzahlen sei Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin Schlusslicht. Weil aber mehr Studenten benötigt würden, müssten "die neuen Studienhürden" jetzt umgehend wieder abgeschafft werden.

Nach der OECD-Analyse stieg in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Studenten um 5 Prozent. Dagegen legten die 29 wichtigsten Industrienationen im Schnitt um 41 Prozent zu. Deutschland sei nicht mehr in der Lage, alle in den nächsten Jahren aus Altersgründen frei werdenden Arbeitsplätze für Ingenieure oder Lehrer mit eigenem akademischem Nachwuchs zu besetzen.

DPA / DPA