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SPD-Parteitag "Wow, Olaf on crack" – wie sich Scholz in die zweite Reihe fügt

SPD-Vizekanzler Olaf Scholz auf dem Parteitag
Olaf Scholz wurde auf dem SPD-Parteitag mit Streicheleinheiten bedacht
© Michele Tantussi / Getty Images
Er gilt als großer Verlierer des SPD-Mitgliedervotums: Olaf Scholz, Vizekanzler und der Unterlegene im Rennen um den Parteivorsitz. Auf dem Parteitag in Berlin ließen die Genossen kaum eine Gelegenheit aus, den Frust des Verlierers zu mildern. Der ist unter dem Eindruck der Streicheleinheiten erstaunlich wandlungsfähig.

Olaf Scholz hätte gern in der allerersten Reihe gesessen. Nun sitzt er in der zweiten Reihe, sozusagen im Orchestergraben, vor der Parteitagsbühne. Und die gehört an diesem Freitag den neuen Dirigenten der SPD, nun auch amtlich: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die von den Delegierten in Berlin als SPD-Parteivorsitzende bestätigt wurden (lesen Sie hier im stern-Liveblog mehr dazu).

Bei ihnen spielt die Musik. Nicht bei Olaf Scholz und Klara Geywitz, die sich eine Woche zuvor in der Stichwahl der SPD-Mitgliederbefragung gegen das Gewinnerduo geschlagen geben mussten. Für Scholz war es sichtlich ein Paukenschlag: Bei der Verkündung des Ergebnisses verzog er kaum eine Miene, sagte etwas ungelenk: "Ich glaube, die SPD hat eine Entscheidung getroffen." Es war eine Entscheidung gegen das "Weiter so", den Regierungskurs und damit auch gegen ihn. Das dürfte Scholz gewusst haben.

Olaf Scholz lächelt sein Scholz-Lächeln

Und so waren die Augen auf dem Parteitag dennoch auch auf Scholz gerichtet: Wie geht es ihm, wie reagiert er? Kurz: So, wie er es oft tut. Hanseatisch zurückhaltend, seine Mimik lässt kaum erahnen, wie es in ihm aussieht. So nimmt er die Redebeiträge entgegen. Sowohl Delegierte als auch führende Genossinnen und Genossen verabreichen ihm darin geradezu Streicheleinheiten. Danksagungen, verbale Umarmungen, großes Lob.

So preist die (nun: ehemalige) kommissarische SPD-Parteichefin Malu Dreyer in ihrer Eröffnungsrede "die Erfahrung und das Verhandlungsgeschick" des Vizekanzlers, ohne den "vieles, was wir für Menschen in unserem Land erreicht haben, nicht möglich gewesen" wäre. Auch Ralf Mützenich, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, will ausdrücklich sagen: "Ich möchte Olaf danken." Ohne Scholz und seinem "unermüdlichen Einsatz" wäre die Grundrente nicht möglich gewesen. Später stimmen noch viele weitere Genossinnen und Genossen auf das Loblied mit ein.

Scholz lächelt dabei oftmals sein Scholz-Lächeln: verhalten, irgendwie verschmitzt, aber doch nordisch-unterkühlt. Es ändert ja nichts: Scholz wird vielleicht die Strophe gewidmet, aber den Refrain singen die Genossen für ihr neues Führungsduo.

Und das spart nicht mit Pathos: "Hört ihr die Signale? Die neue Zeit, sie ruft", sagt Esken in Anlehnung an die "Internationale". Etwas später ruft Walter-Borjans den rund 600 Delegierten zu: "Dieser Kampf für ein besseres Morgen, der beginnt heute, der beginnt jetzt, in dieser Minute hier in Berlin." Beide recken die Hände in die Luft, es klatscht minutenlang Beifall. Die meisten stehen. Auch Olaf Scholz, der aber nur jeden zweiten Beifallsschlag mitmacht. 

Die neue Führungsspitze möchte Scholz weiter in der Verantwortung haben. Sicherlich auch, um den Frust des Verlierer-Lagers zu mildern, Brücken zu bauen und eine Spaltung der Partei zu verhindern. Denn eines hat die SPD-Mitgliederbefragung auch gezeigt: 45,33 Prozent wollten Scholz und Geywitz, Walter-Borjans und Esken kamen auf 53,06 Prozent der Stimmen – eine Mehrheit, aber keine überwältigende.  

Die zweite Geige kann Scholz offenbar auch ganz gut

Auch Scholz beschwört die Geschlossenheit der Partei, sichert den Parteivorsitzenden seine Unterstützung zu –und beweist am Ende, dass er auch überraschen kann, wenn er denn will. Dabei sorgt er mit einer geradezu leidenschaftlichen Episode über Zuversicht und Standhaltigkeit für Aufsehen. Es gehe darum, "dass man sich etwas zutraut", sagt der Finanzminister in der Debatte zur Halbzeitbilanz der GroKo. Eine starke SPD sei wichtig für die Gesellschaft. "Niemand anders außer uns steht für Fairness und Gerechtigkeit", so Scholz. Auch er hat nur drei Minuten Redezeit. Die Kürze wirkt sich positiv aus. Der Scholzomat bleibt im Publikum zurück. Emotionalität verdrängt die gewohnt roboterhaften Politikersätze. Applaus von den Delegierten, Zustimmung in den sozialen Netzwerken, wohlwollende Verwunderung bei einem englischsprachigen Journalisten: "Wow, Olaf on crack!"

Die zweite Geige kann Olaf Scholz offenbar auch ganz gut.

wue

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