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Peer Steinbrück: Der Phantom-Kanzlerkandidat

Einflussreiche Medien mühen sich, Peer Steinbrück zum nächsten SPD-Kanzlerkandidaten hoch zu schreiben. Die meisten Genossen schütteln den Kopf.

Von Hans Peter Schütz

Der "Spiegel" marschierte wacker vorneweg. Sigmar Gabriel wolle und könne nicht Kanzlerkandidat der SPD werden. Viel zu unseriös, urteilte das Magazin. Zurück an die Macht würde nur Peer Steinbrück die Genossen bringen. "Bild" nahm die Spur auf. Mit "fulminanter Rede" auf dem jüngsten SPD-Parteitag habe sich Steinbrück als Kanzlerkandidat politisch zurück gemeldet. Die Interpretation per Schlagzeile: "Lässt Gabriel Steinbrück den Vortritt?" Und das "Handelsblatt" analysierte mit der Sarrazin-Methode: "Steinbrück besitzt das Kanzler-Gen."

Dazu passten auch die Umfragen. Bei Forsa teilten die Befragten ihm die größte Wirtschaftskompetenz zu. 21 Prozent kürten ihn zum zweitbesten SPD-Kanzlerkandidaten. Gabriel lag mit 16 Prozent hinter ihm, Frank-Walter Steinmeier mit 30 Prozent vor ihm.

Steinbrück spricht Klartext

Der gefeierte Genosse sieht sich selbst offenbar ebenso. Er könnte Klartext reden und der SPD sagen: Nicht mit mir. Das tut er nicht. Im Gegenteil, er rückt sich bei allen Nachfragen ins Licht. Mal sagt er, er stünde "zur Verfügung", wenn er gerufen würde. Mal lästert er über "leckermäulige Personalgeschichten" und macht sich dann selbst schmackhaft: "Wenn es Spitz auf Knopf käme, könnte ich mich nicht verweigern."

Nimmt man den Beifall, der Steinbrücks Rede auf dem SPD-Parteitag belohnte, als Maßstab, wird die Partei ihn ganz gewiss nicht rufen. Er war wieder einmal in seine Lieblingsrolle geschlüpft, die des alleinigen Helmut-Schmidt-Epigonen in der SPD. Er prügelte auf die Delegierten ein wegen ihrer Abkehr von der Rente mit 67. Bekrittelte den neuen Kurs als zu links und nicht breit genug. Mehr marktwirtschaftlicher Zug müsse in den SPD-Kamin. Steinbrück hätte sich die Bemerkung "Das ist keine Bewerbungsrede" schenken können. Es war eine. Nur war der "fulminante" Beifall kaum zu hören, die Pfiffe dazwischen schon.

Scheer: "Steinbrück hat Lunte der Finanzkrise mitgelegt"

Wie es um den politischen Stellenwert Steinbrücks in der SPD bestellt ist, formulieren nur wenige Genossen eindeutig. Dazu gehört der linke SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer. Steinbrück habe zunächst mit der "rot-grünen Finanzpolitik die Lunte der Finanzkrise mitgelegt" und dann als Bundesfinanzminister aktiv betrieben. Die geplatzte globale Finanzblase gehe weithin auch auf sein Wirken mit einem "hochtrabenden Denk- und Handlungsverständnis" zurück, sagte Scheer zu stern.de.

Aber auch der in der Wirtschafts- und Finanzwelt bis in die höchsten Konzern- und Banketagen geachtete SPD-Mann Dieter Spöri, einst Wirtschaftminister in Baden-Württemberg, sieht Steinbrück "wieder einmal auf einem Ego-Trip im Zweifel auch gegen die eigene Partei". In der Vergangenheit habe Steinbrück sich profiliert, indem er die SPD als "finanzpolitisch unseriös dargestellt hat". stern.de sagte Spöri: "Wer sich als Kanzlerkandidat darstellt, indem er die Partei als unfähig kritisiert, disqualifiziert sich doch nur." Das diene nur der Kreislaufbelebung all jener Bürger, die ohnehin ein gestörtes Verhältnis zur SPD besäßen. Unterm Strich nennt Spöri Steinbrück rücksichtslos, er sei ein Mann mit Persönlichkeitsdefiziten. "Unter Kanzlerin Merkel gab er fleißig den Ministranten."

Der weiße Raabe

In der SPD-Zentrale tippt man sich energisch an die Stirn als Antwort auf die Frage nach einem Kanzlerkandidaten Steinbrück. "Das ist doch eine Phantomdebatte." Schon gar nicht komme er nach seiner rundum geschönten Selbstdarstellung in dem 480-Seiten-Buch "Unterm Strich" in Betracht. Da nehme ausgerechnet einer, der sich ein Jahr aus der aktiven Politik abgemeldet und sich am Sanierungsprozess der Partei nach der bösen Wahlschlappe 2009 nicht beteiligt habe, in der SPD "eine Schicht von Parteiaktivisten, die einem intoleranten Jakobinismus" anhängen, aufs Korn.

Es trifft ja zu, dass Steinbrück in der SPD-Spitze eine Art weißer Rabe ist. Einer mit einem Examen in Nationalökonomie. Kein Autodidakt in den Themen Wirtschaft und Finanzen. Und nichts liebt er mehr in der Politik als die Rolle des Spielmachers. Aber es fehlt ihm jeglicher Stallgeruch, obwohl er seit 1969 in der Partei ist. "Ich habe das politische Geschäft von der Pike auf gelernt," sagt Steinbrück gerne. Tatsächlich machte er Karriere nicht über die Ortsvereine, sondern über die Ministerialbürokratie. Zu Beginn bei Helmut Schmidt, später bei Johannes Rau als dessen Büroleiter. Unter ihm als Ministerpräsidenten verlor die SPD ihr Stammland Nordrhein-Westfalen, mit ihm als Bundesfinanzminister stürzte sie bei der Bundestagswahl 2009 von rund 34 auf 23 Prozent.

Dass sich Steinbrück jetzt als potentieller Retter der SPD und als führender Rückeroberer der Macht sieht, zeigt sein ungebrochenes Selbstverständnis. In der SPD-Zentrale gibt es jedoch keine Antwort auf die Frage nach der Kanzlerkandidatur bei der nächsten Bundestagswahl, in der sein Name vorkommt. "Die Führung der SPD besteht aus Gabriel, Steinmeier und Anrea Nahles," lautet die lakonische Auskunft. Und letztlich werde die Kanzlerkandidatur zwischen dem Parteichef Gabriel und dem Fraktionsvorsitzenden Steinmeier entschieden.

Hans Peter Schütz