HOME

Peer Steinbrück: Der rote Bulldozer

Er ist Finanzminister, SPD-Vize und schwer von sich überzeugt. "Wenn ich scheitere, ist das schlecht für Deutschland", sagt er. Doch die Niederlagen für Peer Steinbrück häufen sich. Die SPD rutscht nach links, und die Regierung weicht seinen Sparkurs auf. Unterwegs mit einem Polit-Macho, der - fast - nur Gegner kennt.

Von Tilman Gerwien

Könn Sie alles schreiben", ruft Peer Steinbrück. "Der Steinbrück is 'n arroganter Sack. Die SPD is' völlig fertig. Wissen Sie doch alles schon. Könn' Sie alles so schreiben!" Er meint das natürlich nicht so, es ist erst mal nur ein Scherz, so was wie ein sportlicher Rempler. Breitbeinig steht er in der Bar eines Hamburger Hotels, Hände in den Hosentaschen. Gleich gibt es den ersten Gin Tonic.

Es macht Spaß, mit Peer Steinbrück zu reden. Es ist amüsant, und man erfährt unglaublich viel. Weltfinanzkrise und Steueroasen, Angela Merkel und die Führungsetage der SPD - stundenlang kann das so gehen. Zwischendurch fordert er einen gern zu kleinen Wetten heraus über fußballhistorische Kenntnisse: "Wer schoss im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 1966 gegen Spanien das erste deutsche Tor?"

Und am Ende steht man mit ihm vor dem Hotel, draußen an der Alster, und raucht Zigaretten, es ist schon halb zwei Uhr nachts, und in solchen Momenten muss man ihn eigentlich mögen. Ihn, den Peer. Den mit der hohen Stirn und dem vorgereckten Kinn. Den mit dem scharfen norddeutschen "S" - "Sssssteinbrück".

Er selbst, so viel ist klar, sieht sich in der Champions League, in der Politik und überhaupt: Bundesminister der Finanzen, stellvertretender SPD-Chef, Fußball- und Rotwein- und Kino- und Was-weiß-ich-noch-alles-Kenner. Peer Steinbrück, das ist: ganz dicke Hose. Bulldozerhaft hat sich dieser Mann seinen Platz in der deutschen Politik frei gewalzt, steht nun da und kann nicht anders als kämpfen. Für solide Staatsfinanzen, vor allem aber für eine SPD, die nicht linke Umverteilungsträume träumt, sondern mutig reformiert - da, wo es richtig wehtut: auf dem Arbeitsmarkt, bei Gesundheit, Pflege, Rente.

Erst kommt das Land, dann die Partei

Aber wie geht es ihm wirklich? In letzter Zeit häufen sich Niederlagen und Rückschläge. Vor ein paar Wochen, es war am Tag der Hamburg-Wahl, stand Peer Steinbrück auf einem Podium im Willy-Brandt- Haus, zusammen mit Peter Struck und Andrea Nahles und all den anderen. Er war in einer Cordhose gekommen, "casual", es war ja Sonntagabend. Vorn stand der Vorsitzende Kurt Beck und verkündete, dass die SPD künftig auch im Westen mit der Linkspartei zusammenarbeiten wolle. Und dahinter Peer Steinbrück in seiner Cordhose, es ging ihm beschissen, er war immer dagegen gewesen, mit Lafontaines Linken irgendwas zu machen. Das hier war nicht mehr dicke Hose, das war ziemlich durchgewetzter Stoff. Er blickte kurz zu Kurt Beck. Sein Blick sagte: "So was machst du mit mir nie wieder."

Aus Steinbrücks Perspektive sieht die Sache so aus, dass Beck die Partei langsam nach links bugsiert - und er darf als Finanzminister dabei allenfalls noch das Maskottchen fürs Seriöse sein. Aus Becks Perspektive sieht die Sache so aus, dass Steinbrück - zusammen mit dem anderen Partei-Vize, Außenminister Frank-Walter Steinmeier - ständig Regierungskompromisse macht, die dem Image der Minister nützlich sind, der SPD aber wehtun. Und er darf als Parteichef dann bei den Genossen die Mehrheiten heranschaufeln.

Steinbrück sagt: Erst kommt das Land, dann die Partei. Beck erwidert: So geht die Partei vor die Hunde. Es ist ein zäher Machtkampf, ein unerbittliches Ringen. Die letzte Runde, bei der Bahnreform, ging an Steinbrück. Es ist laut und heftig geworden, und am Ende hat sich Beck gebeugt. Beugen müssen.

"Wenn ich scheitere, dann ist das schlecht für Deutschland"

Die Frage ist, wie lange das noch gut Gehen kann, wann "die Sache aus dem Kasten springt", um einen typischen Steinbrück- Ausdruck zu gebrauchen. Schon im vergangenen Herbst sorgte Beck dafür, dass das Arbeitslosengeld I verlängert wurde - gegen Steinbrücks Willen. Jetzt plant das halbe Kabinett teure Wohltaten, mehr Geld für Renten, Krankenkassen, Entwicklungshilfe, Bildung. Steinbrück aber will 2011 in die Geschichte eingehen als erster Finanzminister seit fast vier Jahrzehnten, der einen Haushalt ohne neue Schulden vorlegt. Bisher hatte er es leicht, sparen musste er nicht so richtig, die Steuereinnahmen sprudelten nur so. Das wird sich bei schwächer werdender Konjunktur ändern. Ganz dicke Hose, erklärt er das eigene Lebensziel nun mal eben locker für identisch mit dem Gemeinwohl: "Wenn ich scheitere, dann ist das schlecht für Deutschland."

Noch steht die Kanzlerin hinter ihm. Aber die Kluft zwischen dem aufgepumpten Selbstbild des Peer Steinbrück und der politischen Realität wird immer größer: Er hält sich für einen richtig harten Hund - aber die anderen haben längst angefangen, ihn weichzukochen. "Die neue Wirklichkeit passt nicht mehr zu Peer Steinbrück", sagt ein Genosse vom linken Parteiflügel - und ist durchaus froh darüber.

"Arsch!", "Bullshit!", "Scheiße!" So was stößt er jetzt ständig hervor, dazwischen hört man sein seltsam meckerndes, heckerndes Lachen - all das verdichtet sich zu einem unverwechselbaren Steinbrück- Sound mühsam zurückgestauter Aggressivität. Dauernd geht es darum, irgendjemandem "in den Arsch zu treten". Wer einige Tage mit ihm unterwegs war, fühlt sich noch im Schlaf von diesem Sound verfolgt.

Er muss hart bleiben

Trotzig setzt er die selbst erlebte Wirklichkeit gegen die der SPD. Wenn er daheim in Bonn-Bad Godesberg mit seinem weißen Holland-Rad zur Sparkasse radelt, um sich seine Kontoauszüge abzuholen, rufen ihm die Leute zu: "Bleib hart, das ist das Wichtigste! Bleib hart!" Manchmal stecken sie ihm kleine Zettel mit solchen Botschaften sogar in den Briefkasten.

Er könnte ja morgen aufhören. Er muss sich das alles nicht geben. Ständig erweckt dieser Peer Steinbrück den Eindruck, als habe die deutsche Politik im Allgemeinen und die deutsche Sozialdemokratie im Besonderen einen wie ihn eigentlich nicht verdient. Dass er "der einzig Vernünftige in einem Verein von Bekloppten ist", wie es ein Parteifreund erlebt, das ist unverzichtbarer Bestandteil Steinbrückscher Selbstinszenierung.

Und doch liegt die Vermutung nahe, dass es mit dem Aufhören schwierig wäre - und das nicht nur, weil Ehefrau Gertrud daheim in Bonn-Bad Godesberg schon vor Jahren rigoros erklärte: "O nein. Der Peer den ganzen Tag zu Hause, nein, besser nicht."

Zwar kann sich Peer Steinbrück bei Bedarf als durchaus kenntnisreicher Bücherleser, begeisterter Cineast oder Freund moderner Kunst outen. Doch sind das in erster Linie Liebhabereien - dazu da, die stets überschießende Energie dieses Mannes irgendwie aufzufangen.

Die Kurt-Beck-SPD ist nicht sein Ding

Politik dagegen ist anders. Politik, das ist für Steinbrück die Welt der starken Egos, ein immerwährender Kampf, am besten Mann gegen Mann. Die Welt, in der "Eisen durch die Luft fliegt". Noch heute hält er das böse Wort von den "Heulsusen", mit dem er alle Genossen beschimpfte, die vor den Protesten gegen die Agenda 2010 einknickten, für überaus zutreffend und gelungen.

Plattreden, niederreden, wegreden, vor allem den ganzen "scheinrationalen Bullshit", der so im Umlauf ist, das will er, das kann er - und darin ist er, das muss man ihm lassen, auch richtig gut. "Würden Sie ausschließen, dass der Euro weiter steigt?", fragen ihn die Journalisten vor dem EU-Ratsgebäude in Brüssel. "Würden Sie ausschließen, jemals Hundefutter zu essen?", kontert er. In dieser Welt der echten Kerle spielen seine Erzählungen von sich selbst: Wie er mit seinem Bruder Birger beim Segeln in der Flensburger Förde in schwere See geriet, der Rettungshubschrauber kreiste über ihnen - aber stolz lehnten sie jede Hilfe ab. Wie er bei der Bundeswehr unerlaubt mit einem "Leopard 2"-Kampfpanzer durch die Landschaft pflügte. Sogar die erste Nassrasur dient rückblickend als Beleg männlichen Heldentums: "Ich habe geblutet wie ein Schwein."

Intellektuelle Zögerlichkeiten, visionäre Fantastereien - all das wird von ihm gern mit wegwerfender Handbewegung abgetan: als irgendwie halbschwules Memmentum. Und es ist nicht ganz auszuschließen, dass in diesen Tiefenschichten seiner Persönlichkeit, in der ressentimentgeladenen Ablehnung und Abspaltung alles Femininen der eigentliche Grund zu finden ist für die Verachtung, die er der Kurt-Beck-SPD entgegenschleudert. Denn das ist alles nicht sein Ding: das Zerfließen in Wehleidigkeit, die Liebedienerei gegenüber dem als irgendwie "links" empfundenen Zeitgeist, die mäandernden Karteikarten-Reden des Vorsitzenden.

Die Säle sind voll, wenn er spricht

Mit einem Bein ist er ja schon draußen, das lässt er andere gern spüren. "Mensch Peer, wie lange kennen wir uns jetzt eigentlich schon?", fragt ihn am Rande eines offiziellen Termins Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die "rote Heidi", die ihm so oft auf den Keks geht. "Weiß nich'", bellt er zurück. "Mindestens schon 80 Jahre!"

In der Bundestagsfraktion taucht er eher selten auf, und wenn, dann erteilt er "schnappende Belehrungen, für die er erstaunlicherweise kein Geld nimmt", erzählt ein Abgeordneter. "40 Prozent unseres Bruttosozialprodukts wird durch Im- und Exporte definiert. Vierzich Prozent! Das ist noch nicht gelernt!", ruft Peer Steinbrück gern mal in den Saal. "Das sind dann die Momente, wo einem von innen die Brille beschlägt", sagt der Fraktionskollege. Zustimmung organisiert sich dieser Peer Steinbrück woanders. Die Säle sind voll, wenn er spricht. Vor der Wirtschafts- und Finanzelite gibt er gern den Provokateur, geißelt Steuersenkungsegoismus und Subventionsmentalität, um noch nachzulegen: "Ja, ja, gut im Austeilen sind Sie ja alle, aber selber haben Sie 'n Glaskinn." Kenntnisreich referiert er über "Karussellgeschäfte" oder den "vierstufigen Lamfalussy-Prozess" - und genießt das Erstaunen, das er bei seinen Zuhörern auslöst: Schau an, ein Soz', der was von Geld versteht.

"Betriebsdoktor der Nation"

Vor breiterem Publikum ergeht er sich gern in düsterem Raunen über das "Auseinanderfallen unserer Gesellschaft" und sieht schon wie in Frankreich bald auch hierzulande "die Autos in den Vorstädten brennen". Keinesfalls will er hier als Agent des Kapitals gelten. Und tatsächlich wäre nichts falscher, als ihn für einen (Neo)-Liberalen zu halten: Dass der Staat besser als alle Eltern weiß, wie Kinder gefördert werden müssen, und daher das Geld nicht den Familien geben, sondern damit Krippen und Ganztagsschulen bauen soll, ist für ihn eine unverrückbare Gewissheit.

Etwas ratlos lässt einen all das zurück. Zwar schreiben ihm seine Berater regelmäßig ein "Warten!" oder ein "Hier: Pause!" an den Rand seiner Redemanuskripte, damit das Ganze nicht zu schnarrend daherkommt. Doch fällt er immer wieder zurück in die für ihn typische Rhetorik der kurz angebundenen Ertüchtigungsrede für eine Gesellschaft, die sich irgendwie ändern muss. Platz für die SPD ist darin allenfalls als "Betriebsdoktor der Nation", der den Laden irgendwie am Laufen hält. Ein seltsames Pathos der Pathoslosigkeit umweht diese Auftritte. Peer Steinbrück - das ist die Überhöhung des Sachzwangs zum politischen Programm. Es ist bestimmt kein Zufall, dass er sich mit Helmut Schmidt, dem letzten großen sozialdemokratischen Manager des Machbaren, auch heute noch gern zum Schachspiel trifft.

Wann ist von der dicken Hose nichts mehr übrig?

Vielleicht sind Leute wie er Segen und Fluch der Sozialdemokratie zugleich. Segen: Weil er einer der ganz wenigen in seiner Partei ist, die wirklich in die oberste Gewichtsklasse gehören. Fluch: Weil es Leute wie er sind, die mit ihrem knappen Kommandoton dafür gesorgt haben, dass die SPD, diese große, stolze, sentimentale Partei, erst an den Realitäten irre geworden ist - und dann an sich selbst.

Warum tut er sich das alles an, warum tut er sich diese SPD an? Wann ist von der dicken Hose nichts mehr übrig? Denkt er manchmal daran, alles hinzuschmeißen? Rücktritte, das weiß Steinbrück genau, kündigt man nicht an. Rücktritte macht man. Und außerdem: Ausgekämpft ist die Sache ja noch lange nicht.

"Ich bin seit fast 40 Jahren Sozialdemokrat", sagt er. "Das ist die Partei von Bebel und Brandt. Die Partei, die als einzige gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Können Sie sich vielleicht vorstellen, dass man da so etwas wie eine emotionale Bindung entwickelt?"

Das ist überraschend. Das klingt zwar nicht so amüsant wie seine Reden von "Bullshit" und Hundefutter. Aber sehr viel schöner: Es ist auch seine SPD. Vielleicht sollte er das einfach nur öfter sagen.

print