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Die Emotionen der Wutbürger: Was treibt Pegida auf die Straße?

Wer verstanden werden will, muss sich erklären. Doch die Pegida-Bewegung schweigt. Was ihre Mitglieder antreibt, ist ein Gemisch aus Enttäuschung, Euphorie und Wut. Ein Erklärungsversuch.

Von Robert Bachofer

15.000 waren es vergangenen Montag, die unter dem Kürzel "Pegida" in Dresden auf die Straßen gingen. Was motiviert all diese Menschen dazu?

15.000 waren es vergangenen Montag, die unter dem Kürzel "Pegida" in Dresden auf die Straßen gingen. Was motiviert all diese Menschen dazu?

Wut ist eine mächtige Kraft. Die Dresdner Demonstranten der Pegida-Bewegung zeigen jeden Montag, wie mächtig: Von Woche zu Woche kommen mehr Menschen, zuletzt waren es 15.000. Sie sind wütend. Woher kommt der Ärger?

Die Pegida-Unterstützer fühlen sich von Politik und Medien belogen und sind fest davon überzeugt, damit Recht zu haben. Unter den Anhängern herrscht großes Misstrauen. Sie bezweifeln politische Entscheidungen, sind wütend über die Entwicklungen in Deutschland. Dass die Bundesrepublik als große Wirtschaftsmacht nicht nur Verantwortung in der EU, sondern in der ganzen Welt übernehmen möchte, geht gegen ihre politischen Ideale. Der beständig wachsende Zorn findet durch die Bewegung ein Ventil. Ihre Anhänger werden durch eine schwer greifbare Mischung von Emotionen motiviert: Hass und Angst, Enttäuschung und Euphorie.

Hass

Während den Politikern und Journalisten diffuser Zorn entgegenschlägt, sind die Pegida-Vorwürfe gegen Flüchtlinge und Migranten konkreter. Als "Überfremdung", "Umvolkung" und "Landnahme" bezeichnet ein Twitter-Nutzer die steigende Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Die Botschaft hinter dem Tweet: Die Ausländer nehmen uns Deutschen das Land weg. Und laut Pegida-Gründer Lutz Bachmann bleibt es nicht beim Land. Während Flüchtlinge eine "Vollversorgung" genießen würden, könnten sich deutsche Rentner "nicht mal ein Stück Stollen leisten", sagte der 42-Jährige auf einer Kundgebung und spielt damit auf die finanziellen Mittel an, die Deutschland in die Flüchtlingspolitik statt an anderer Stelle investiert. Nach dieser Logik hieße mehr Fremde: weniger Land und weniger Geld für die Einheimischen.

Tatsächlich heißen mehr Fremde: mehr Geld für den Sozialstaat. 22 Milliarden Euro mehr, um genau zu sein, das hatte eine Studie der Bertelsmann Stiftung ermittelt. Für die Pegida-Unterstützer scheint dies kein schlüssiger Grund zu sein, von ihrer Logik abzuweichen.

Schutzbedürfnis

Wer unter den Pegida-Anhängern noch keine Angst vor Ressourcenknappheit hat, den treiben andere Sorgen um: Kriminell seien die Flüchtlinge, heißt es auf den sogenannten Montagsmärschen. Auch das ist eine Angst, jedoch anderer Natur: Die Furcht um eigene körperliche Unversehrtheit.

Der Ruf Pegidas nach einer "Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Immigranten" in dem 19-Punkte-Positionspapier der Bewegung verwundert da wenig. Auch in den USA führten 1999 nach dem Amoklauf an der Columbine High School viele amerikanische Schulen eine Null-Toleranz-Politik ein. Auf eine wahrgenommene Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit reagieren wohl alle Menschen auf der Welt gleich.

Das Beispiel der USA zeigt jedoch: Verhindern kann eine Null-Toleranz-Politik Verbrechen nie ganz, vielleicht nicht einmal ansatzweise. Seit der Jahrtausendwende kam es zu weiteren Massakern an Schulen, zuletzt in Seattle im vergangenen Oktober. Drei Menschen starben, darunter der Amokläufer.

Identitätsängste

Einige Pegida-Anhänger setzen noch einen drauf: Angst um die Zukunft Deutschlands. Der Vorwurf lautet, dass Einwanderer deutsche Traditionen verwässern und demokratische Werte unterminieren würden. Die deutsche Identität würde sich auflösen. Es wird von einer Islamisierung gesprochen.

Ob eine wachsende Zahl Muslime in Deutschland tatsächlich dazu führt, dass Werte verblassen werden, ist fraglich. Erstens stieg diese Zahl um lediglich 2,3 Prozent in den letzten 25 Jahren. Zweitens gibt es Länder wie zum Beispiel Schweden, die weit mehr Flüchtlinge pro Kopf aufgenommen haben, ohne einen Werte-Kollaps.

Verunsicherung

Die Emotionen, die die Pegida-Anhänger auf die Straße treiben, beruhen letztendlich auf Angst. Angst, ignoriert zu werden, in einem Wettlauf um Jobs, Chancen und Geld den Kürzeren zu ziehen, physisch bedroht zu werden, die eigene Identität zu verlieren.

Wer kommt da, scheint die Frage der Anhänger zu sein - und was machen sie mit uns? Statt Vielfalt zu begrüßen, verunsichert sie ein breit gefächertes Umfeld unterschiedlicher Kultur, Sprache und Herkunft. Angst ist nicht messbar, kennt keine Rechengröße - und ist dennoch existent. Die Verunsicherung ist wohl der offensichtlichste Nachweis dafür.

Euphorie

Auf einer Pegida-Demonstration treten Ängste und Hass jedoch in den Hintergrund. Freude über gemeinschaftliches Erleben ist ein Teil der Bewegung. Deutschland rühre sich endlich wieder, "wir sind das Volk" tönt es von Pegida-Unterstützern - all das ist Ausdruck der Demonstration als identitätsstiftendes Erlebnis. Ein gemeinsames Zurückschlagen politischen Versagens, ein Zusammenrücken in der aktuellen Notlage der Nation. So zumindest können sich gemeinsame Demonstrationen anfühlen. Und - wahrhaftig - Missstände gibt es genug in Deutschland.

Und tatsächlich zählt auch die Asylpolitik, menschenverachtend, unkoordiniert und finanziell zu schlecht ausgestattet, zu diesen Problemen. In der Euphorie-Gruppe sammeln sich diejenigen, die dankbar sind, dass sie nicht die einzigen in diesem Land sind, die auf Fehlleitung der Politik, Medien und Kirchen aufmerksam machen wollen. Aber, wie das so ist mit der Freude über geteilte Freude: Die Beweggründe der anderen sind häufig die eigenen.