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Pflegenotstand in Deutschland: Rösler will Pflege "attraktiver" machen

Schon heute haben Pfleger so wenig Zeit für Alte und Kranke, dass Stakkato-Hilfe an der Tagesordnung ist. Selbst Auszubildende lernen, Pflege nur vorzutäuschen. Jetzt will Minister Rösler den Beruf attraktiver und lukrativer machen - was kann er schaffen?

Unmittelbar vor seinem ersten großen Termin zur angekündigten Pflegereform 2011 bekommt es Philipp Rösler amtlich. Auch das Statistische Bundesamt sieht den Mangel in der Pflege bestätigt, "da der Bedarf an ausgebildeten Pflegekräften (...) über dem Angebot liegt". Schlimmer ist aber, dass je nach Szenario in 15 Jahren zwischen 112 000 und 260 000 Alten- und Krankenpfleger fehlen werden. An diesem Dienstag treffen Spitzenvertreter der Branche, der Kassen, des Verbraucherschutzes und der Länder mit Rösler zusammen, um die prekäre Lage zu beraten. Schon im Oktober hatte Rösler eingeladen, um einen "möglicherweise drohenden Fachkräftemangel in der Pflege zu diskutieren". Damals hatte es noch wie ein vergleichsweise einfacher Auftakt für mehrere Gesprächsrunden zur Pflegereform ausgesehen.

Mehr Zündstoff wurde erwartet beim Finanzteil der Reform. "Auch über die langfristige Sicherstellung der Finanzierung werden wir uns im nächsten Jahr Gedanken machen", sagte Rösler damals. Gemeint waren zusätzliche Beiträge zum Aufbau individueller Kapitalpolster für den späteren Pflegebedarf.

Im jüngsten Interview vermeidet Rösler aber ein Ja auf die Frage, ob der höchst umstrittene Aufbau eines solchen Kapitalstocks in dieser Wahlperiode überhaupt begonnen werden soll. Und der Unionsfraktionschef und Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel, Volker Kauder (CDU), gibt zu verstehen: "Die Pflegeversicherung hat im Augenblick keinen aktuellen Finanzdruck."

Also geht es jetzt an vorderster Stelle um die immer schlimmeren Pflegemängel. So erschreckte der Berufsverband für Pflegeberufe die Öffentlichkeit vor kurzem mit dem freimütigen Hinweis auf Pflegebetrug - demnach werden Pflegeleistungen oft nur notiert: "Schüler in der Altenpflegeausbildung lernen schon, mehr zu dokumentieren als tatsächlich getan wird", sagte Verbandschefin Gudrun Gille.

Beispielhaft hat der Chef der saarländischen Pflegegesellschaft, Harald Kilian, für sein Bundesland errechnen lassen, wie viel Zeit ein Heimpfleger im Schnitt für einen Bedürftigen hat: 55 Minuten am Tag. 28 Minuten kommen für Papierkram und Übergabe dazu. Allein für Hilfe beim Essen bräuchten Pfleger aber im Schnitt 60 Minuten. Was tun?

"Es werden mehrere Heimbewohner parallel versorgt und Demenzkranke gleichzeitig angehalten, Nahrung selbst zu sich zu nehmen", sagt Kilian. Für eine halbe Stunde zusätzliche Zeit pro Kopf müssten allein in dem kleinen Bundesland für rund 17 Millionen Euro 480 Vollzeitkräfte zusätzlich eingestellt werden. Hochgerechnet auf den Bund käme man auf Milliardenbeträge.

Zum einen knausern Heim- und Kostenträger laut Wohlfahrtsverbänden bei den Personalausgaben. Zum anderen fehlt es an Pflegern auf Stellensuche. "Pflegepersonalmangel kann bisher noch durch die Beschäftigung un- und angelernter Pflegekräfte kompensiert werden", stellt das Statistische Bundesamt fest.

Rösler bekräftigt jetzt zwei Ankündigungen: Der Freidemokrat hält die Arbeitgeber zur Bezahlung über dem Mindestlohn von 7,50 Euro im Osten und 8,50 Euro im Westen an: "Wer gute Mitarbeiter sucht, kommt nicht weit, wenn er nur den Mindestlohn zahlt." Und er hofft, dass eine Verzahnung von Alten- und Krankenpflegeausbildung den Beruf attraktiver macht. "Das gibt dem Pflegenachwuchs mehr Möglichkeiten, in dem Pflegesektor mit immerhin rund 800 000 Beschäftigten einen reizvollen Arbeitsplatz zu finden", sagte er dem "Tagesspiegel".

Für Eugen Brysch ist das Makulatur. Der Chef der Hospiz Stiftung meint: "Versucht wird, weiße Salbe auf die Wunde zu schmieren, anstatt grundsätzlich an den Kern des Problems zu gehen." Ginge es nach Brysch, würden die Geldströme im Gesundheitswesen grundsätzlich stärker hin zur Pflege gelenkt - in der Hoffnung, dass an teuren Krankheitstherapien im Gegenzug gespart werden könnte.

Basil Wegener, DPA / DPA