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Plagiator Guttenberg und die Uni Bayreuth: Lügenbaron, jetzt mit Brief und Siegel

Nun ist amtlich, was alle wussten: Guttenberg ist ein Plagiator. Als Sündenbock für alle Fehler des Uni-Systems taugt er dennoch nicht. Die Kollegen hat die Kommission auffällig verschont.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Nein, der Urteilsspruch zu Bayreuth ist keine Überraschung. Dass Ex-Verteidigungsminister Guttenberg beim Schreiben seiner Dissertation vorsätzlich und billig getäuscht und getrickst hat, war spätestens seit den atemberaubenden Belegen auf GuttenPlag Wiki sonnenklar. Erschreckend war bislang eher, dass Guttenberg diese Tatsache so lange und beharrlich bestritten hat - und dabei von seiner selbstvergessenen Kanzlerin zeitweise auch noch gedeckt wurde. Wäre die Kommission zu einem anderen Ergebnis gekommen - es wäre eine himmelschreiende Blamage und eine Bankrotterklärung der Wissenschaft gewesen.

An seinem Sturz war nur er allein schuld

Und doch ist es wichtig, dass es dieses akademische Urteil gibt. Nicht nur für den Fortgang der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hof, sondern vor allem deshalb, weil Guttenberg und seine verbliebenen Jünger es nun schwarz auf weiß haben, mit Brief und Siegel, dass er ein Lügenbaron ist. Das Bayreuther Professorengremium hat hier die Funktion einer Wahrheitskommission. Sicher werden ein paar unverbesserliche Fanatiker weiterhin behaupten, Guttenberg sei Opfer einer politischen Intrige geworden. Aber Verschwörungstheoretiker lassen sich von Fakten nun einmal nicht beeindrucken - einerlei, ob es um Osama, um Obama oder um Guttenberg geht. Alle anderen müssen jetzt anerkennen: Der Mann ist ein Opfer seiner selbst geworden, ein Opfer seiner Hybris. Seine Rechtfertigungs- und Verteidigungsstrategien waren dabei genauso hohl wie seine Dissertation. Nur Schein, kein Sein. Guttenbergs Sturz taugt nicht zur Mythenbildung. Es mutet dabei fast an wie ein Witz, wenn Guttenbergs Parteifreund Norbert Geis just am Freitag meint, der Bayreuther Befund sei "kein Hindernis [für Guttenberg], in die Politik zurückzukehren". Auszuschließen ist nie etwas, das stimmt schon. Aber der Weg der Läuterung und zurück nach Berlin erscheint sehr, sehr weit.

Die Kommission verschont die Kollegen

Bei dem Kommissionsbericht geht es ohnehin längst nicht nur um Guttenberg - der ist politisch-moralisch schon Vergangenheit - sondern auch um eine Selbstreinigung der akademischen Welt. Und hier ist noch nicht ganz klar, wie erhellend und wie ehrlich die Kommission ihre Schlüsse zieht. Zwar wird Guttenberg in der Pressemitteilung der Universität gegeißelt, aber jene Strukturen, die sein Plagiat ermöglichten, werden dem ersten Eindruck nach eher geschont.

Etwa ,wenn es um die Mitverantwortung des Doktorvaters Peter Häberle und des Zweitkorrektors Rudolf Streinz geht. Die Kollegen der Kommission sprechen die beiden frei. Nur die Bestnote "summa cum laude" sei doch etwas zu viel des Guten gewesen, heißt es. Dieses Urteil erscheint sehr, sehr gnädig. Zwar ist es richtig, dass Professoren ihren Studenten einen Vertrauensvorschuss geben müssen, Misstrauen ist keine Basis für gedeihliche Zusammenarbeit. Aber trotzdem steht die Frage weiterhin im Raum, wie ein Plagiat dieses Ausmaßes den Herren Betreuern durchgehen konnte. Was lief da schief? Erst am Mittwoch wird der Bericht vollständig veröffentlich. Es bleibt abzuwarten, ob da mehr über die Versäumnisse des Doktorvaters drin steht - und wie genau die Empfehlungen für eine bessere Betreuungsarbeit aussehen. Ein Persilschein jedenfalls wäre zu wenig, zumal auch die Plagiatsvorwürfe gegen die Stoiber-Tochter Veronika Saß und die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin zeigen, dass es bei der Betreuung, zumal externer Doktoranden, ein strukturelles Problem an deutschen Universitäten zu geben scheint. Der Vertrauensvorschuss wird offenbar allzu oft missbraucht. Möglicherweise bedarf es einer besseren Kontrolle schlicht durch eine verbesserte und engmaschigere Arbeit von Professoren mit Doktoranden. In der Pressemitteilung jedenfalls erhalten die Betreuer nur über die Hintertür eine Ohrfeige: Die Bestnote sei in dem Gutachten zur Dissertation nicht ausreichend begründet, heißt es. Ihr habt das Ding entweder nicht richtig gelesen, bedeutet das - oder es nicht richtig verstanden.

Und so ist noch nicht ganz raus, was die Bekanntmachung dieses Freitags für die akademische Welt bedeutet. Denn er ist ein Lügenbaron, schon klar, aber als Sündenbock für alle Vergehen des Universitätsbetriebs muss er nicht herhalten.