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Politik im Schatten der Fußball-Euphorie Schweini gehabt, Frau Merkel


Was für eine Mannschaft! Was für ein Spiel! Während ganz Schland in der WM-Euphorie schwelgte, hatte die Koalition in Berlin Zeit, richtig unpopuläre Dinge richtig unbemerkt zu verkünden. Für alle, die erst jetzt wieder zu Sinnen kommen: Ein Rückblick auf die Geschehnisse in Berlin.
Von Theresa Breuer

Am 11. Juni begann die Fußball-WM in Südafrika. Und für die deutsche Regierung die ganz große Sause. Endlich war der sonst so kritische Blick über die Schulter der Politik nach Südafrika gerichtet - schließlich kämpften dort "unsere Jungs" um den Titel. Die größten Diskussionsthemen waren auf einmal nicht mehr Sparpaket und Gesundheitsreform, sondern die nervige Vuvuzela-Tröte, Capitano Philipp Lahm und Wunderbursche Thomas Müller.

Das musste ausgenutzt werden! So ungeschoren würde die Regierung lange nicht mehr davon kommen. Und unsere Politiker ließen sich nicht lange bitten. Für alle, deren Leben in den letzten Wochen der Fußball dominiert hat, hier ein Rückblick:

Guttenberg und die Ewiggestrigen

Los ging's mit Karl-Theodor zu Guttenberg am Tag nach dem ersten Deutschlandspiel. Er machte den Vorschlag, die Wehrpflicht abzuschaffen. Eigentlich ein ziemlich bombiger Vorschlag von einem Verteidigungsminister. Klug, zukunftsweisend, in Zeiten knapper Kassen absolut sinnvoll - und damit in der CDU natürlich nicht mehrheitsfähig. Die Ewiggestrigen der Regierung zogen gegen den Vordenker zu Felde, und bei den Bürgern verhallte die Debatte ungehört. Die hatten noch den Vuvuzela-Tinnitus vom Vortag im Ohr. (Sie erinnern sich? Da hat Deutschland die Australier mit 4:0 weggeputzt!)

30. Juni, eigentlich ein rabenschwarzer Tag für Angela Merkel. Bundespräsident Horst Köhler war weggelaufen, ein Neuer (nein, nicht der Manuel) musste her und sollte just an diesem Tag gewählt werden. Die Bundeskanzlerin erkor Christian "Schwiegersohn" Wulff zum Präsidentschaftskandidaten, ihr liberaler Koalitionspartner fand das nicht so dolle und wie's aussieht auch einige Leute aus den eigenen Reihen nicht - sonst hätte Wulff im ersten Wahlgang nicht bloß 600 der 644 verfügbaren Stimmen aus dem schwarz-gelben Lager der Bundesversammlung bekommen. Und, wo stecken sie nun, diese 44 Abweichler, deren Zielscheibe eindeutig Angela Merkel war? Kein Mensch weiß es und recht fix hat es auch keinen mehr interessiert. Schließlich war ja, richtig, drei Tage später schon das Argentinienspiel in Südafrika und Mutti Merkel mittenmang. Wie ein kleines Mädchen jubelte sie auf der Tribüne neben dem ausgewiesenen Frauenversteher Jacob Zuma und gab nach dem Spiel auch noch kompetente Kommentare zum Sieg der deutschen Nationalelf ab. Fazit: So eine Kanzlerin kann ja gar nicht so verkehrt sein. Schweini gehabt, gell, Frau Merkel?

Coup für die Krankenkassen

Einen echten Coup konnte die Regierung auch mit ihrem Gesundheitsprojekt landen. Kurz nach dem Argentinienspiel - zeitlich ziemlich clever positioniert - verkündete FDP-Nesthäkchen Rösler, auch bekannt als Gesundheitsminister, irgendwas mit dem Namen Reform. Im Klartext heißt "Reform" in diesem Fall, dass die Beiträge für gesetzlich Versicherte steigen werden und - hier das besondere Schmankerl - die Zusatzbeiträge künftig von den Krankenkassen willkürlich festgelegt werden dürfen. Soviel zum FDP-Wahlslogan "mehr Netto vom Brutto". Netto ist weder viel vom Wahlversprechen der Liberalen noch von Röslers Rückgrat übriggeblieben.

Und dann, am Mittwoch, es war der siebte Tag im Juli, die absolute Meisterleistung. Hut ab, Herr de Maizière, Sie haben das Spiel durchschaut. Zwei Guantánamo-Häftlinge werde Deutschland in den nächsten Wochen aufnehmen, verkündete der Innenminister sechs Stunden vor dem Anpfiff des deutschen Halbfinales. Ja richtig, zwei. Weil, wie Thomas de Maizière verkündete, er ja "nicht nur Bundesinnenminister" sei, sondern "auch Mensch und Christ". Mei, wie rührend. Dann wollen wir mal darüber hinwegsehen, dass die USA sich zwar gewünscht hatte, dass wir mehr Insassen aufnehmen - schließlich hat Deutschland immer zu den schärfsten Kritikern des Gefangenenlagers gehört - und dass noch immer gut 180 vermeintliche Terroristen in Guantánamo versauern. Aber einerlei. An diesem Donnerstag, dem Tag nach der Niederlage, überdeckt der kollektive Schmerz ohnehin jede kritische Regung.

Alles hat ein Ende

Leider ist die tolle Weltmeisterschaft nun fast vorbei, der Bürger könnte sich also wieder gen Berlin wenden. Nur: Da ist ab spätestens Freitag keiner mehr, denn dann beginnt endlich die lang ersehnte Sommerpause des Bundestages. In dieser Phase der Muße muss nicht einmal mehr irgendetwas vom Tun der Politik ablenken, weil ohnehin alles still steht.

In diesem Sinne, schöne Ferien!


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