Pressestimmen zu Schändungsskandal "Abstumpfung, Rohheit, Perversion"


Die Bilder der Totenschändung durch Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan hat national wie international für Empörung gesorgt. Die Handlung verrate "Abstumpfung, Rohheit, Perversion". Zudem wird eine neue Welle der islamischen Gewalt befürchtet - mit Anschlägen gar in Deutschland.

"Münchner Merkur"

"Bei allem Entsetzen über die abstoßenden Bilder aus Afghanistan: Die Soldaten der Bundeswehr, die sich mit einem menschlichen Schädel in makabren Posen fotografieren ließen, haben weder gemordet noch gefoltert. Es ist also nicht von einem Kapitalverbrechen die Rede, sondern von einer Handlung, die Abstumpfung, Rohheit, Perversion verrät und die vor allen Dingen eins ist: Unglaublich dumm. Weil spätestens seit den Fotos aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib niemand mehr sagen kann, er habe von der Sprengkraft gewisser Dokumente nichts geahnt. Wer sich an den Sturm in der islamischen Welt erinnert, der sich nach den Mohammed-Karikaturen erhob, lässt alle Hoffnung fahren, dass die Tat der deutschen Soldaten als das bewertet wird, was sie ist: Eine verabscheuungswürdige Aktion einiger weniger."

"Financial Times Deutschland"

"Der undisziplinierte Totenkopftrupp von Kabul hat seine Kameraden in Gefahr gebracht und nebenbei auch noch das Ansehen Deutschlands beschädigt. Das gehört konsequent aufgeklärt und bestraft. Gegebenenfalls ist auch die Ausbildung der Afghanistankräfte nochmals nachzubessern. Gefragt ist nun allerdings auch eine gehörige Portion Realitätssinn und eine Selbstvergewisserung in der Frage, welche Aufgabe die Bundeswehr in Afghanistan eigentlich hat. Zur Realität gehört, dass sich die westlichen Truppen dort in einer völlig fremden und auch zunehmend feindlichen Umwelt bewegen. Das entschuldigt überhaupt nichts aber es bedeutet, dass mit Entgleisungen oder Patzern immer zu rechnen."

"La Stampa" (Turin)

"Es handelt sich nicht um Folterungen wie im irakischen Gefängnis Abu Ghoreib oder gar um Mohammed-Karikaturen, der Totenschädel stammt vermutlich von einem russischen Soldaten, aber die Folgen des Vorfalls dürften verheerend sein und er könnte eine neue Welle der islamischen Wut auslösen, mit Anschlägen in Afghanistan oder gar in Deutschland selbst. (...) Ein Vorfall, der umso verantwortungsloser erscheint, da die deutschen Soldaten, die nach Afghanistan kommen, in einem besonderen Kurs zwei Wochen lang auf die Kultur und die Religion des Landes vorbereitet werden und zudem ein Dossier mit Verhaltensregeln bekommen."

"Nürnberger Nachrichten"

"Das Bild vom lächelnden deutschen Soldaten, der als Helfer und nicht als Eroberer kommt, hat einen mehr als hässlichen Kratzer abbekommen. Ob es verdrängt wird vom Foto eines dreckig grinsenden Landsers, der die Totenruhe schändet, ist noch nicht absehbar. Klar ist allerdings schon jetzt, dass interessierte Kräfte die Aufnahmen nutzen werden, um die sich aufheizende Stimmung in Afghanistan weiter dem Siedepunkt entgegen zu treiben. Die Mission am Hindukusch könnte damit für die Bundeswehr noch gefährlicher werden, als sie es sowieso schon ist."

"Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung"

"Ja, die Kanzlerin hat Recht: Die Fotos, die deutsche Afghanistan- Soldaten bei einer mutmaßlichen Totenschändung zeigen, sind schockierend, abscheulich und durch nichts zu entschuldigen. Sie zeigen unsensible, dumme Männer, die das bislang fast makellose Ansehen ihrer Armee am Hindukusch leichtfertig aufs Spiel setzen. Dies allein damit zu rechtfertigen, dass Menschen in einer lebensbedrohlichen Ausnahmesituation zeitweise nicht Herr ihrer Sinne sind reicht nicht aus. Doch harte Konsequenzen für die Betroffenen sind nur das eine. Hinterfragt werden muss: Sind die Frauen und Männer der Bundeswehr ausreichend auf ihre verantwortungsvolle Arbeit in den Krisengebieten dieser Erde vorbereitet? Oder zeigen sich in der Perversität der Bilder nicht doch erste Risse in der immer so gerühmten inneren Führung? Wer will jetzt noch einen Freibrief für die Bundeswehr ausstellen?"

"La Repubblica" (Rom)

"Die Bundesrepublik hat einen äußerst schweren Schlag für das Ansehen ihrer Streitkräfte erlitten. Es besteht die große Befürchtung, dass - wenn Fernsehsender wie El Dschasira oder andere TV-Sender im Nahen Osten die Bilder verbreiten - sich dann eine Welle der Wut und des Hasses in der islamischen Welt erhebt. Wie nach den Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Ghoreib oder nach den dänischen Mohammed-Karikaturen."

"Bild-Zeitung"

"Die Totenschändung in Afghanistan hängt wie eine dunkle Wolke über der Bundeswehr. Wie konnte inmitten einer sorgsam unterwiesenen Truppe eine derartige Barbarei geschehen? Welche Instinkte schlugen da durch? Die Ereignisse von Kabul zeigen, auf welch sensiblem Feld die Bundeswehr heute operiert. Als Armee des Kalten Kriegs stand sie im Land. Scheußlichkeiten da und dort blieben innere Angelegenheit. Heute stehen Bundeswehr-Soldaten vom Kosovo über Nahost bis Afghanistan im Einsatz. Was dort schiefgeht, wird sofort zu einem internationalen Ereignis. Deshalb muss unsere Armee - in der die allermeisten Soldaten tadellos ihre Pflicht tun - heute ganz besondere Anforderungen an das Personal stellen. Neben Einsatzwillen und Mut müssen sie auch über einen festen Charakter verfügen. Nur solche Soldaten dürfen das deutsche Hoheitszeichen in die Welt tragen. Das sind wir der Bundeswehr und der internationalen Reputation Deutschlands schuldig."

"El País" (Madrid)

"Die Vorstellung des neuen Weißbuchs zur deutschen Sicherheitspolitik sollte zu einem großen Ereignis werden. Sie wurde jedoch überschattet von den Skandalbildern aus Afghanistan. Alle Länder müssen peinlich genau auf das Verhalten ihrer Soldaten achten. Die Aufregung, die die Fotos in Deutschland auslösten, ist ein Beweis dafür, dass weder die Regierung noch die Gesellschaft ein Fehlverhalten ihrer Militärs hinnehmen. Dies ist für Deutschland besonders wichtig, weil das Land seit der Wiedervereinigung eine größere militärische Rolle in der Welt spielt. Anfangs hatte es auf Grund der deutschen Vergangenheit Bedenken gegeben, aber jetzt ist Deutschland mit über 8000 Soldaten in Afghanistan, auf dem Balkan, in Afrika und im Nahen Osten präsent."

"Mitteldeutsche Zeitung"

"Die mutmaßlichen Totenschänder in Uniform haben nicht nur gegen den guten Geschmack, Einsatzregeln und wahrscheinlich das Gesetz verstoßen. Sie haben auch jenen Kameraden, die derzeit in Afghanistan im Einsatz sind, einen Bärendienst erwiesen. Denn die ohnehin riskante Mission wird durch derartige Bilder noch gefährlicher. Und für die deutsche Außenpolitik verengt sich mit jedem Vorfall dieser Art der Spielraum auf diplomatischem Parkett. All das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die das gesamte westliche Engagement in der Region ohne jeden Unterschied verteufeln und bekämpfen. Damit schwindet die Chance, diesen Konflikt zu lösen."

"Westdeutsche Zeitung"

"Wie groß der Flurschaden ist, den verantwortungslos dumme Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und in der islamischen Welt angerichtet haben, lässt sich überhaupt noch nicht absehen. Aber schon jetzt steht fest: Den Versuch von Minister Jung, den Skandal auf die paar unmittelbar beteiligten Uniformträger zu begrenzen, darf die deutsche Öffentlichkeit nicht durchgehen lassen. Und genau das, was der Generalinspekteur Schneiderhan vorauseilend als falsch zurückweist, ist Tatsache: Die Innere Führung der Bundeswehr ist nicht mehr auf der Höhe der politischen Anforderungen an unsere Soldaten."

"Daily Telegraph" (London)

"Die Entscheidung des Bundeskabinetts für eine Neudefinition der Aufgaben der Streitkräfte ist zu begrüßen. Das ist die überfällige offizielle Anerkennung einer Tatsache, die im Feld schon lange offensichtlich wird. Traurig, dass sie von den ekelhaften Bildern befleckt wird, wie deutsche Soldaten in Afghanistan einen menschlichen Schädel schänden. Die Entscheidung ist Teil eines langwierigen Prozesses, mit dem die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik dem wirtschaftlichen Gewicht des Landes angepasst wird. Das Kabinett hat dem Rest der Welt seine Absichten kundgetan und das eigene Volk daran erinnert, dass sich die Welt seit 2001 grundlegend geändert hat."

DPA DPA

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