VG-Wort Pixel

Pro und Contra zum Veggie Day Willkommen in der grünen Lifestyle-Diktatur!


Die grüne Attacke auf Schnitzel und Burger erhitzt die Gemüter. Lutz Kinkel wundert sich über die Hysterie. Gernot Kramper hingegen schmeckt die grüne Zwangsdiät gar nicht.

Ran an den Speck!

Achtung, Code Red: Die Grünen wollen einen Veggie-Day! Sie zerren Euch das Schnitzel vom Teller! Diese Diktatoren, die! So brüllte es die "Bild" jüngst in die Welt. Und mancher Beobachter rieb sich erstaunt die Augen. Denn über den Veggie-Day reden die Grünen schon jahrelang, seit Februar 2011 gibt es einen entsprechenden Fraktionsbeschluss. Und die FDP empört sich darüber seit Jahren. Philipp Rösler benutzte den Veggie-Day als Beispiel für den vermeintlichen Staatsdirigismus und die Verbotsmanie der Grünen - auf dem FDP-Parteitag in Rostock, im Mai 2011, als er zum neuen Parteichef gewählt wurde. Das war schon damals ein bisschen albern. Weshalb weder der Vorschlag an sich noch der liberale Konter Schlagzeilen machten.

Wie konnte der Veggie-Day gleichwohl plötzlich zur Nachricht werden? Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat es in seinem Blog präzise aufgedröselt: Erst schlagzeilt die "Bild", dann verbreiten Agenturen die "News" - und gedächtnislose Medien plappern es einfach nach (auch stern.de hat sich nicht mit Ruhm bekleckert). So werden aus alten Kamellen vermeintlich frische Sensationen. Aber nur wer den Hintergrund kennt, weiß die "Bild"-Nummer richtig einzuschätzen: Es war eine typische Sommerloch-Story. Und sie sortiert sich in die übliche Wahlkampfhilfe für die FDP ein. Das Springerblatt featured Rösler gerne als "Mr. Cool", Chefredakteur Kai Dieckmann begrüßte den FDP-Chef im Silikon Valley wie seinen persönlichen Buddy, und so weiter, und so fort.

Politik bedeutet: Regelungen

Okay, trotzdem: Was ist dran an der gefürchteten grünen Verbotsdiktatur? Im Allgemeinen gilt: Politik ist - auch in Demokratien, auch bei den Liberalen - nichts anderes als der fortwährende Versuch, das bunte Treiben aufs Allgemeinwohl auszurichten. Mit Gesetzen, Regelungen und Verordnungen. Und es haben zu jeder Zeit jede Menge Leute Grund, sich über Eingriffe zu beschweren. Tempolimit? Rauchverbote? Baby-Vorsorgeuntersuchungen? Es gibt in Amerika Millionen Menschen, die es als Kastration ihrer Freiheit empfänden, dürften sie keine todbringenden Knarren mehr tragen. Es ist allein eine Frage der Perspektive, was als staatliche Zumutung empfunden wird und was nicht. Was werden Vermieter wohl zur Mietpreisbremse sagen?

Und im Besonderen gilt: Die Grünen wollen den Veggie-Day als Anregung verstanden wissen, nicht als Zwang. Es lässt sich ohnehin nicht kontrollieren, wer wann was isst. Selbst wenn es einen freiwilligen Veggie-Day in deutschen Kantinen gäbe, wie es in Bremen zum Beispiel der Fall ist, könnte sich jeder an der Imbissbude nebenan eine Currywurst bestellen. Und ein Schnitzel hinterher. Sowie eine Frikadelle zum Dessert. Also nach Belieben knietief im Tierblut waten.

Deutsche im Wurstwahn

Ob das sinnvoll ist oder nicht, muss jeder selbst entscheiden. Die Kommentare von Fachjournalisten sind, hier ein gutes Beispiel aus der "Süddeutschen Zeitung", eindeutig: Es stimmt - die Deutschen essen zu viel Fleisch, was ihrer Gesundheit nicht förderlich ist. Und sie unterstützen damit, gewollt oder nicht, die Barbarei der Massentierhaltung und die Belastung des Klimas. Unter anderem, weil für die Ernährung der Tiere hektarweise Wald gerodet wird. Wer sich's mal ansehen will: Die Doku "We feed the world" liefert (un)schöne Beispiele.

Die Grünen übrigens, vor deren Parteizentrale am Montag wurstliebende Junge Liberalen protestierten, freuen sich über die Debatte. Endlich werde in diesem superflauen Wahlkampf auch mal über urgrüne Inhalte diskutiert: Tierschutz, Umweltschutz, Ernährung. Gut möglich also, dass für "Bild" und FDP politisch nur Gammelfleisch übrig bleibt.

Finger weg von meinem Kühlschrank

Am grünen Wesen soll die Welt genesen. Die Partei der Weltverbesserer hat den Speiseplan der Kantinen entdeckt, und was fällt ihr ein? Natürlich ein neues Verbot: Einmal in der Woche darf es fortan kein Fleisch mehr geben. Zumindest dann, wenn die Grünen an die Macht kommen.

Ob es vernünftig ist, weniger Fleisch zu essen? Mag schon sein. Im meinen Bekanntenkreis sind die meisten auch ohne Grüne und Zwangsvegetarismus einigermaßen fit. Wenn ich es richtig verstanden habe, leben die am ungesündesten, die, weil Hartz-IV-Empfänger, keine Betriebskantine von innen sehen.

Politiker im Regulierungswahn

Und warum überhaupt bei der Kantine aufhören? Es gilt Ausweichhandlungen im Keim zu ersticken. Konsequent sein: Auch Imbisse dürfen am Veggie-Day nur Tofu-Wurst anbraten. Macht nur Fleisch dick und träge? Sicher nicht - auch gegen übermäßigen Schokoladen-Konsum muss vorgegangen werden. Und: Kommt mehr Übel in die Welt durch zu viel Alkohol oder durch zu fette Nackenkarbonade?

Wer einmal anfängt, das Leben seiner Mitmenschen nach seinem Gusto zu reglementieren, findet so schnell kein Halten mehr. Die Grünen kennen das: Ob Weichspüler oder Kita - immer gibt es ein "Do's und Don'ts". In den grünen Köpfen steckt ein fester Masterplan, wie das grün-genormte gute Leben des Untertanen aussehen soll. Das mag im Einzelnen gar nicht schlecht sein. Mehr Fahrradfahren zum Beispiel. Doch dieser Masterplan des Norm-Gutmenschen soll allen Bürgern mit einem Netz von Empfehlungen, Verboten und Einschränkungen aufgezwungen werden. Wer nicht so leben mag, wie grüne Lifestyle-Experten das empfehlen, dem soll das Leben sauer gemacht werden.

Wer weiß genau, was gesund ist?

Ich meine: Das geht euch gar nichts an. Für meinen Geschmack reicht es vollkommen aus, wenn die politische Kaste ihre gestalterischen Fähigkeiten bei Drohnen, die nicht fliegen, einem Euro, der kaum noch zu retten ist, und Telefondaten, die sie an die Verbündeten weiterreichen, unter Beweis stellen. Aus meinem Kühlschrank, meinem Schlafzimmer und meinen Urlaubsgewohnheiten sollen sie sich gefälligst hinaushalten. Den Grünen fehlt aber jedes Zutrauen, dass die meisten Menschen ganz gut selbst wissen, was gut für sie ist. Sie träumen von der Betreuerrepublik Deutschland. Die ganze Bevölkerung zerfällt dann in zwei Gruppen: in die Masse, die umsorgt werden muss, weil sie selbst keinen Plan hat, und jene, die Verantwortung für die Schafe übernehmen. Die Grünen eben.

Stimmen müssen die Annahmen der Zwangsbeglücker nicht. Etwa beim Gewicht legen mehrere Untersuchungen nahe, dass ein solides Fettpolster ein langes Leben garantiert. Das sklavische Einhalten des von Experten empfohlenen Idealgewichts sieht zwar besser aus, ist aber keineswegs der gesündeste Lebensstil.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker