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Protest gegen den Castortransport: Tomatensuppe vor dem Sturm

Sie hatte etwas von Volksfest und von Folklore, die große Demo gegen Castor und Atomkraft. Der Protest im Wendland zeigte seine bunte und friedliche Seite - das kann am Sonntag anders werden.

Von Manuela Pfohl, Nebenstedt

Ein bisschen nerven die Trecker schon, wie sie da so langsam über die Straße tuckern. "Passt mal auf da vorne", ruft eine Ordnerin in quer geringeltem buntem Strickpullover. Doch da vorne kriegt erstmal gar keiner mit, dass hinter ihnen ein Konvoi aufs Demo-Gelände will. Es ist Samstagnachmittag, die Straßen rund um das kleine wendländische Dörfchen Nebenstedt sind verstopft. Tausende Menschen sind unterwegs zur großen Demo. Die hat gerade begonnen, und es soll die größte in der Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung werden. Das Ziel liegt bei 50.000 Leuten. Auf einem Acker zwischen Dannenberg und Gorleben wollen sie demonstrieren, dass es eine breite Mehrheit gegen die Atompolitik der Regierung und vor allem gegen die Castortransporte gibt. Die Bauern aus dem Umland gehören mit ihren Treckern seit Jahrzehnten dazu. "Atomkraft, nein danke" steht auf ihnen. Und: "An uns kommt ihr nicht vorbei."

Als sie auf dem Demo-Gelände ankommen, werden die Bauern mit Johlen und Klatschen begrüßt. Auch Gregor Gysi. Der Linken-Fraktionschef hat einen der Trecker gefahren. "Du schaffst es", wird er angefeuert, was gar nicht nötig ist. Gysi hat einen Treckerführerschein.

Kurz vor 14.30 Uhr reißt die Wolkendecke auf. Irgendwo trommelt eine Gruppe. An einer anderen Stelle machen zwei Jungs Musik. "Er gehört zu mir" spielen sie mit ihren Gitarren. Mit "Er" ist der Widerstand gemeint. Die Zuhörer sind aus dem Häuschen. Es gibt Bio-Würstchen von Galloway-Rindern, heißen Tee und jede Menge Devotionalien für den gut ausgerüsteten Demonstranten. Am besten gehen die großen X, die für "x-tausendmal quer" stehen, die Großaktion gegen den Castor. Und natürlich die Sticker "No Castor".

Anarchos, Rentner, Kinder - alle sind sie da

Auf der großen Bühne arbeiten die Redner das offizielle Programm ab. Einer sagt, dass irgendwo auf einem Bahnübergang ein Fahrzeug mit der Nummer "XXX 2010" parke. Er möge bitte dort stehen bleiben. Die Menge jubelt. Die Stimmung steigt. Das Wendland hat sein Volksfest und es sieht so aus, als ob wirklich jeder hier ist: Ökos, Anarchos, Realos, Bauern, Senioren, Kinder. Sogar ein paar Polizisten haben sich bis an das kleine Camp der "Republik freies Wendland" vorgewagt, das am Rande des Demogeländes aufgebaut ist. Noch weiß hier kaum einer, wieviele Protestler bislang vor Ort sind. Später sprechen die Veranstalter von 50.000, die Polizei berichtet von "mehr als 20.000". Vor den Dixie-Klos stehen jedenfalls schon lange Schlangen.

Im Info-Punkt gibt der Castor-Ticker gegen 15 Uhr Auskunft über den aktuellen Aufenthaltsort der Atommüllbehälter. Noch ist er in Frankreich. Aber im Wendland gibt es trotzdem schon die eine oder andere Blockade. Es verläuft aber insgesamt friedlich. Abgesehen von etwa 150 Demonstranten, die in der Nähe der Ortschaft Splietau an einer Landstraße herumbuddeln bis die Polizei sie dabei erwischt.

16 Uhr ist offizielles Demoende. Eine halbe Stunde später leert sich das Demogelände sichtbar. Die Trecker machen sich auf den Heimweg und auch etliche Protestler beginnen mit dem Rückzug. Über dem Platz kreisen die Polizeihubschrauber, Beamte mit Helm und Sturmausrüstung haben auf dem Acker nebenan Stellung bezogen. Rundherum sind die Straßen verstopft. Im Camp der "Republik freies Wendland" allerdings geht es jetzt erst richtig los. Über einen Lautsprecher wird durchgesagt, dass bald das Trainig für das "Schottern" beginnt. Es bleibt gerade noch Zeit, um vor dem Küchenzelt schnell eine Tomatensuppe zu löffeln oder ein Schinkenbrot zu essen.

Nach der Demo ist vor dem "Schottern"

17.30 Uhr. Die Sonne ist untergangen. Von der großen Demo ist nur noch ein matschiger Acker übrig geblieben. Alle wollen nach Hause. Nur im Camp herrscht geschäftige Betriebsamkeit. Während die einen den großen Abwasch erledigen, bereiten sich die anderen auf das "Schottern" vor. Und das geht so: Beim Training teilen sich die Aktivisten in zwei Gruppen auf. Die einen spielen Polizisten, die eine Kette bilden müssen. Die anderen sind die Demonstranten, die die Kette durchbrechen sollen, um an das Gleisbett zu kommen, wo die Schottersteine ausgegraben werden sollen - um den Castor an der Weiterfahrt hindern.

Und damit das auch klappt, muss ein passender Spruch her. Die Wahl fällt auf "Hopp, Hopp, Hopp, Atomtransporte stopp". Dann stürmen die Demonstranten die Gruppe der "Polizei". Es gibt ein lustiges Gewusel und keine Festnahmen, denn die Schotterer ziehen sich friedlich zurück. Ist ja nur die Probe für die Ernst. Dann ist es auch langsam Zeit, sich zurückzuziehen. Denn morgen früh wollen die meisten sehr zeitig aufstehen.

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