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Protest gegen Hochschulreformen: Ich bin Bologna, verdammt

Mit dem Bologna-Prozess wurde das Studiensystem umgestellt. Trotz guter Absichten ist das Projekt missglückt. Master-Student Sebastian Huld berichtet, was Studieren in Deutschland bedeutet.

Noch eineinhalb Semester, und ich habe es endlich geschafft. Im Sommer 2010 habe ich, sofern alles gut geht, endlich meinen Studienabschluss in der Tasche. Ich gehöre dann zur ersten Generation, die nicht mehr mit einem Diplom- oder Magister-Abschluss zu Bewerbungsgesprächen antritt, sondern mit einem so genannten Master. Um genau zu sein, mit einem Master of Arts (M.A.) der Universität Hamburg im Fach Politikwissenschaft. Ich werde mir vielleicht ein T-Shirt drucken mit der Aufschrift "Ich habe Bologna überlebt". Denn genau das ist das Studium in Deutschland geworden: ein Kampf ums Überleben. Ums Durchhalten, trotz der enormen Belastungen.

Traum vom europäischen Hochschulraum

Wie konnte es dazu kommen? Im Jahr 1999 beschlossen 30 europäische Staaten in der so genannten Bologna-Erklärung, einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen. Ähnlich der Europäischen Wirtschaftsunion sollten europaweit einheitliche Standards in der akademischen Lehre und bei den Abschlüssen geschaffen werden. Zugleich sollte die Mobilität der Studenten erhöht werden. Jeder sollte überall in Europa studieren können und sich mit seinem Abschluss überall bewerben können.

Kernstück der Reform war die Einführung des Bachelor- und Master-Abschlusses. Anstatt fünf Jahren Regelstudienzeit für ein Diplom oder Magister, sollten die Studenten nach drei Jahren schon einen Bachelor-Abschluss vorweisen können. Mit entsprechend guten Noten darf man sich dann Hoffnungen auf einen Master-Studienplatz machen. Oder, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung formuliert: "Das Bachelor/Master-System eröffnet den Studierenden neue Möglichkeiten für eine Kombination attraktiver Qualifikationen sowie für eine flexiblere Verbindung von Lernen, beruflichen Tätigkeiten und privater Lebensplanung."

Gescheitert auf ganzer Linie

Wenn das wirklich die Ziele der Bologna-Reform sind, kann ich als eines der ersten Bologna-Kinder nur eines feststellen: Die Reform ist in beinahe jeder Beziehung gescheitert. Anstatt uns mehr Flexibilität zu geben, wurde uns alle Flexibilität genommen. Zugleich ist der Druck, neben dem Studium arbeiten zu gehen, schlechte oder unbezahlte Praktika zu machen und uns sozial zu engagieren, größer als bei allen Studentengenerationen zuvor.

Das Studieren im Bachelor-/Master-System bedeutet in erster Linie eine Verschulung der akademischen Ausbildung. Seit meinem ersten Semester zählt beinahe jede Vorlesung, jedes Seminar für die Gesamtnote. Welche Kurse ich besuche, konnte ich gerade zu Beginn nur selten selber bestimmen. Denn Bachelor bedeutet Modulsystem. Das Studium ist in mehrere Module unterteilt, die jeweils einen thematischen Aspekt des Studienfachs beinhalten und aufeinander aufbauen. Ein Modul besteht meist aus einer Kombination aus Vorlesung und Seminar, die ich alle besuchen muss.

Es geht nur noch um Credit Points

Wenn innerhalb eines Moduls mehrere Kurse möglich waren, ich mir also einen aussuchen kann, heißt das noch lange nicht freie Wahl zu haben. Denn drei Fragen bestimmen für einen Bachelor/Master-Studenten die Auswahl seiner Kurse: Erstens, kollidiert der angebotene Kurs mit meinen Arbeitszeiten? Zweitens, kollidiert er mit einem meiner Pflichtkurse? Drittens, gibt es ausreichend Lernpunkte für diesen Kurs?

Denn im neuen Studiensystem erhalten Studenten für jeden Kurs abhängig vom Arbeitsaufwand unterschiedlich viele Lernpunkte, auch Credit Points genannt. Da es pro Veranstaltung zwischen zwei und sechs dieser Lernpunkte vergeben werden und pro Semester 30 zu erbringen sind, wählt man also den Kurs mit den meisten Lernpunkten. Denn mehr Lernpunkte bedeuten nicht zwangsläufig mehr Arbeitsaufwand. Je nach Fachbereich und Universität fällt die Arbeitsbelastung höchst unterschiedlich aus.

Von den Unterschieden zwischen den Ländern ganz zu schweigen: Ich habe in meinem Auslandssemester in Paris beinahe doppelt so viele Lernpunkte bei gleichem Arbeitsaufwand bekommen wie bei meinem Bachelor-Studium in Bremen. Freunde, die ebenfalls im Ausland waren, berichteten ähnliches. Von europäischer Vereinheitlichung kann nicht die Rede sein.

Das Ziel, mit der Bologna-Reform die Mobilität der Studenten zu steigern, ist jetzt schon verfehlt. Die Zahl der Erasmus-Studenten - so heißt das europäische Austauschprogramm für Studenten- sinkt rapide. Zu hoch ist der Zeitdruck an der Heimat-Uni. Zu teuer der Auslandsaufenthalt.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Wenn man einen Kurs, der zeitlich passt und ausreichend Lernpunkte verspricht, gefunden hat, heißt es aber noch nicht, dass man ihn auch bekommt. Ich muss hoffen, dass er noch nicht voll ist. In Bremen hieß das für mich, hingehen, pünktlich da sein und Daumen drücken, dass der Dozent einen aufnimmt. In Hamburg wird den Dozenten erspart, Studenten die Teilnahme zu verweigern. Es gibt ein Online-System, über das man sich für Kurse anmelden kann. Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wenn nicht gerade die Server ausfallen, weil alle Studenten gezwungenermaßen gleich am ersten Tag des Anmelde-Zeitraums die entsprechende Seite aufrufen, funktioniert das auch ganz gut. Wie gesagt: für die, die zuerst kommen.

Wer seine Kurse beisammen hat, darf sich auf ein arbeitsreiches Semester freuen. Denn man darf nur zwei Mal pro Veranstaltung fehlen. Mein durchschnittlicher Leseaufwand pro Woche lag immer zwischen 150 und 250 Seiten, außer in Paris natürlich. In einem Seminar wird immer ein Referat über zwanzig Minuten erwartet. Am Ende des Semesters eine Hausarbeit über 15 bis 20 Seiten. In den Vorlesungen gibt es Klausuren. Bei sechs Veranstaltungen pro Semester - viele Studenten haben mehr - ist das recht viel. Man kann die Hausarbeiten eigentlich nur in den Semesterferien schreiben, aber die braucht man auch zum Arbeiten gehen und für Praktika

In meiner Fakultät wissen das die Lehrenden. Trotzdem wurde uns jetzt die letzte Hintertür genommen, nach Absprache mit dem Dozenten Hausarbeiten erst später abzugeben. Das ist jetzt verboten. Durch den neuen Benotungszwang ist der Prüfungsaufwand für die Lehrenden zudem unglaublich angewachsen. Es ist ja nicht so, dass mit der Studienreform und den Studiengebühren mehr Dozenten und Professoren eingestellt wurden.

Arbeitszwang trotz Zeitmangel

Apropos Prüfungszwang: Im vergangenen Semester hatte ich eine Vorlesung zusammen mit 350 Kommilitonen. Von den 90-minütigen Klausuren hat der zuständige Professor 80 selbst korrigieren. Angesichts dieses Arbeitsaufwands kann ich ihm nicht vorwerfen, dass er den Rest auf drei Hilfsstudenten abgewälzt hat. Von gerechten Noten kann aber keine Rede sein.

Während Studium also zu einer akademischen Ganztagsschule geworden ist, müssen wir trotzdem genug Zeit für unsere Nebenjobs finden. Wir haben auch keine Wahl. Studium ist teurer als je zuvor in der Bundesrepublik. An jeder Uni sind zwischen 150 und 250 Euro Semestergebühren zu zahlen. In sechs Bundesländern kommen noch einmal bis zu 500 Euro Studiengebühren pro Semester dazu. Wer dafür einen Kredit aufnimmt, geht mit Schulden ins Berufsleben. Auch keine schöne Aussicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Peter Zwegart einen hoch verschuldeten Arbeitslosen, der frisch von der Uni kommt, in seiner Sendung begrüßen darf.

Doch noch etwas anderes zwingt uns alle während des Semesters zu arbeiten: Praktika, Praktika und nochmals Praktika. Schon an der Schule bläuten uns unsere Lehrer ein, wir müssten uns neben dem Studium für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Also überbietet sich meine "Generation Praktikum" mit freiwilligen Arbeitserfahrungen, die entweder schlecht oder gar nicht bezahlt werden. Doch Praktika sind teuer: Wer nicht in seiner Studienstadt einen interessanten Arbeitgeber findet, muss woanders hin. Doch das kostet: Anfahrt, Miete (zugleich Miete in der Studienstadt), Unterhalt. Möglichst sollten wir auch mit den neuen Kollegen essen gehen oder feiern. Denn wie heißt es so schön in den Berufsvorbereitungs-Seminaren, die inzwischen jede Uni anbietet? Netzwerken ist alles!

Andere Kostenpunkte gehen in der öffentlichen Debatte komplett unter. Deshalb hier für alle Politiker, die mir das eingebrockt haben: Man kann heutzutage nicht mehr ohne Computer, am bestem ein Notebook, und Internetzugang studieren. Das muss man erst einmal finanzieren! Auch Wohnen ist in den meisten Städten deutlich teurer als noch vor zwei Jahrzehnten. Aber wir spielen mit. Noch.

Zeit für einen Reform-Reform

Die Bologna-Reform hat vieles gewollt, aber nur wenig gekonnt. Die alten Abschlüsse waren überholt. Kaum jemand will sie so zurück. Und natürlich war es ein gutes Anliegen, die Studienabschlüsse europaweit anzugleichen. Aber musste das innerhalb von zehn Jahren geschehen? Auf dem Rücken einer Generation, die auch so schon mit Mehrkosten durch Studiengebühren und Zwang zum Praktika-Sammeln belastet ist? Wieso wurde alles bürokratisiert, wenn doch Flexibilität das Ziel war? Und warum verdammt noch mal muss ich soviel Geld zahlen, und finde immer noch nicht genug Professoren und Dozenten vor?

Es ist aber nicht alles schlecht am Studieren in Deutschland. Niemand sollte das glauben, die Studierenden tun das auch nicht. Viel zu viele Lehrende reißen sich sprichwörtlich den Hintern für uns auf. Es gibt hervorragende Universitäten in diesem Land und dafür bin ich dankbar. Lernen macht immer noch Spaß und die Freiheit von Studenten ist, im Vergleich zu Berufstätigen, immer noch groß. Doch dieser Vorteil ist erheblich kleiner geworden in den letzten Jahren.

Die Politik hat Glück, denn sie hat uns soweit unter Druck gesetzt, dass sich nur ein Teil von uns für eine Rücknahme von Bologna engagiert. Der Rest findet keine Zeit dafür oder ist schon lange desillusioniert. Die "Generation der Krisenkinder" (Spiegel) weiß seit den ersten Schultagen, dass sie vom Staat in schweren Zeiten keine Hilfe erwarten kann. Nur mit den Knüppeln zwischen den Beinen haben wir nicht gerechnet.

Doch die Politiker werden angesichts der neuen Protestwelle reagieren müssen, und sie sollten sich entscheiden: Entweder wird die Universität wieder ein Raum zum freien Lernen, sich ausprobieren und reifen. Oder aber sie wird ein reine Berufsqualifizierungs-Anstalt, ein Dienstleister. Nur dann fordere ich auch eine entsprechende Qualität für mein Geld und für das meiner Eltern. Die Hochschulreform muss dringend reformiert werden. Ich weiß das. Denn ich bin Bologna, verdammt.