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Protestaktion: "Wir suchen Orte des Reichtums heim. Aber uns geht es nicht ums Klauen"

Sie stürmen einen Edelsupermarkt, sie überfallen ein Sterne-Restaurant. Die Beute, so sagen sie, haben sie an Arme in Hamburg verteilt. Sie nennen sich die Superhelden, Polizei und Verfassungsschutz sind ihnen auf der Spur. Der stern sprach mit der Gruppe über die Motive ihrer Diebestouren.

Werte Dame, werter Herr, Sie sehen so nett, so brav aus. So harmlos, so unschuldig.

NINA: Wie sollen wir denn schon aussehen? Was wollen Sie denn? Wir sind ganz normale Menschen, wir sind...

Diebe. Räuber.

PETER: Was? Wir sind keine Diebe. Wir sind Studenten ohne große Aussicht auf gute Jobs, wir sind Leute, die sich von einem schlecht bezahlten Praktikum zu einem unbezahlten Praktikum hangeln, Leute mit befristeten Arbeitsverträgen, die nachts bei der Post für 'n Hungerlohn Briefe sortieren. Putzfrauen, Ein-Euro-Jobber. Wir sind Leute, die von ihrer Arbeit hier in Hamburg kaum leben können.
NINA: Ich arbeite in einem Callcenter, verdiene 870 Euro im Monat, bin den ganzen Tag - acht Stunden lang - freundlich am Telefon, bin ansprechbar, verfügbar, ich beiß die Zähne zusammen. Ich mache kostenlos Überstunden, aber irgendwann sage ich mir: Eh, das reicht! Wir sind Leute, die...

...verkleidet als Supermänner, verkleidet als Comicfiguren, neulich einen Hamburger Edelsupermarkt gestürmt haben, 30 Mann hoch, und teuerste Delikatessen abgeschleppt haben - ohne zu bezahlen.

PETER: Ja, das war eine Aktion der "Superhelden".

Das war Diebstahl.

PETER: Nein. Wir sind keine Diebe. Keine Räuber. Es geht uns um Rebellion.

Rebellion?

NINA: Ja, Mann, begreif doch! Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren. Wir wollen aus der Passivität heraus. Jeden Tag höre ich, wir leben über unsere Verhältnisse, wir sollen flexibler sein, länger arbeiten für weniger Geld. Gequatsche. Uns geht es noch zu gut! Zu gut? Ich muss mir überlegen, ob ich mir den Zahnarzt leisten kann, ich gehe an Schaufenstern vorbei und sehe Dinge, die für mich unerreichbar sind. Ich schaffe an diesem Reichtum mit in dieser Stadt - aber ich habe nix davon. Nur Angst, noch weiter abzusinken. Permanente Unsicherheit. Beleidigungen.

Aber was soll so ein Überfall auf einen Gourmettempel? Was soll das Abräumen eines Büfetts in einem Luxusrestaurant? Ist es einfach das: Rache?

PETER: Nein.

Ist es dann vielleicht das: ein spätpubertäres Spielchen, bevor man endgültig erwachsen wird?

NINA: Unsinn, Pappnase. Ich bin 34, kein Kind mehr. Ich weiß, was ich tue. Ich seh mein Leben, und ich will ein besseres Leben!
PETER: Das sind symbolische Aktionen. Was wir erbeutet haben, haben wir in den armen Vierteln der Stadt verteilt. Die Leute haben sich irre gefreut! Wir haben nichts für uns genommen. Es sind keine Spielchen, nein. Wir gehen durch diese Stadt, wir sehen ungeheuer viele Orte, wo sich der Reichtum symbolisiert, wo ein bisschen Kaviar 500 Euro kostet. Nina kriegt 870 Euro im Monat. Hängt das vielleicht zusammen? Könnte es sein, dass der manchmal fast obszöne Reichtum in dieser Stadt sich aus Arbeitsverhältnissen speist, die ungerecht sind? Dass der Wohlstand erarbeitet wird, weil Menschen hier zum Teil unter miesesten Bedingungen schuften?

Das ist ein ziemlich einfaches Weltbild. Oben sind die bösen Reichen, und unten sind die...

PETER: Nein, so einfach denken wir nicht. Wir sind nicht blöd. Wir lesen im stern beispielsweise: "Hamburg ist eine Boomtown. Die Weltstadt am Wasser begeistert Touristen, Architekten, Unternehmen - mit weißen Villen und Wind und Weite!" Aha. Mein Hamburg sieht völlig anders aus. Hamburg heißt für mich, für uns, heißt für Zigtausende: schlechte Arbeitsbedingungen. Was boomt, ist die Armut. Die Unsicherheit. 200 000 Menschen leben hier in Armut, 100 000 Menschen ohne Papiere, 100 000 Menschen ohne Krankenversicherung, 50 000 Kinder wachsen in Armut auf. Wissen Sie eigentlich, Sie hier in Eppendorf, was das heißt? Knurrende Mägen. Kein Freibad. Kein Kino. Ausschluss von Klassenreisen. Leben ohne Perspektive. Und das in der reichsten Stadt Deutschlands! Hier leben 12 000 Vermögens- und über 1000 Einkommensmillionäre, neun Milliardäre. Geld gibt's also genug!

Das war nun der Volkshochschulkurs. Aber was wollen Sie damit sagen?

PETER: Dass das sein muss, was wir tun! Wir suchen Orte des Reichtums heim. Uns geht es nicht ums Klauen. Wir wollen das Denken anregen, Fragen aufwerfen: Warum haben die einen so viel, die anderen so wenig? Wieso leben manche im Luxus, während so viele darben? Muss das sein?
NINA: Wir wollen zeigen, dass man sich wehren kann! Sich gemeinsam wehren kann gegen diese Zumutungen. Wir wollen Mut schaffen. In jedem von uns steckt ein Superheld!

Über seinen Sinn des Lebens hat Bert Brecht mal gesagt: "Ich hoffe, wir haben ihnen" - und er meinte die Herrschenden - "das Leben wenigstens schwer gemacht."

PETER: Ich will niemandem das Leben schwer machen. Kennen Sie die Band Superpunk? Die singen: "Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen!" Das ist im Grunde unser Ansatz: Wir wollen, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht.
NINA: Ich will ins Theater gehen können. Ins Kino gehen können. Ich will meine Zähne reparieren lassen können.

Das sind einfache Wünsche.

NINA: Das sagen Sie! Oh Mann. Leben Sie doch mal von 870 Euro hier in Hamburg! Und Sie werden sehen: Plötzlich werden Sie zum Schwarzfahrer von U- und S-Bahnen - wie 200 000 andere, die im vergangenen Jahr hier in Hamburg erwischt worden sind! Plötzlich stehen Sie vorm Kino und drehen ein paar Cents in der Tasche rum. Da ballt sich dann Ihre Hand von selbst.

Rudi Dutschke hat in den Sechzigern immer wieder die Revolutionskomödie "Viva Maria!" angeschaut, um seinen rebellischen Elan anzustacheln. Manche Ihrer Aktionen sehen aus, als ob für Sie der Film "Die fetten Jahre sind vorbei", in dem Jugendliche in Villen einbrechen, die Möbel verrücken, Drohbotschaften für die Besitzer hinterlassen, ein Lehrfilm gewesen sei.

PETER: Für mich schon. Ein netter Film. Und Weingartner, der Regisseur, hat sich gefreut, dass seine fiktiven Figuren in die Realität getreten sind.
NINA: Manchmal greift die Populärkultur unterschwellig vorhandene Stimmungen genial auf. Für mich ist eine kleine Liedzeile von Gitte Haenning ganz wichtig: "Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort, eh' der letzte Traum zu Staub verdorrt."

Das ist doch Kitsch.

NINA: Puh! Das drückt meine Sehnsucht aus. Genau wie diese Szene in "Die fetten Jahre", in der die Hauptdarstellerin im Restaurant von den Gästen erst gedemütigt, dann von ihrem Chef gefeuert wird. Und dann geht sie raus aus dem Restaurant und kommt am Wagen ihres Chefs vorbei - und zieht so riiitsch! ihren Schlüssel ganz genussvoll einmal quer über den Lack.

Sie lachen. Das gefällt Ihnen.

NINA: Ja. Es ist - wenn auch vereinzelt - ein Akt der Rebellion. Ist doch wunderbar!

Mal ganz profan: Macht es Spaß, in so einem Schickimicki-Supermarkt die Waren einfach mitzunehmen?

NINA: Ja, sicher. Es ist irre. Sogar die "Bild"-Zeitung hat das erkannt, schrieb nach unserer Aktion: "Einfach mal in den teuersten Laden im Viertel gehen und sich nach Herzenslust bedienen! Davon träumt jeder, aber eine kleine Gruppe von Menschen tut's auch tatsächlich."

Aber für "Bild" sind Sie auch ganz einfach das: "Klau-Chaoten".

PETER: Die "Bild" darf uns nicht verstehen, obwohl der eine Schreiber offenkundig an uns eine klammheimliche Freude hat. Wir sind keine Klau-Chaoten. Wir sind eine gut funktionierende Wir-AG. Es macht Spaß, Dinge kollektiv zu machen. Unsere Kostüme haben wir gemeinsam entworfen, wir planen die Aktionen gemeinsam - und es ist einfach schön, aus der Ohnmacht, die man vereinzelt am Arbeitsplatz erlebt, gemeinsam auszubrechen, seine Stärke zu erleben.

Das hört sich ziemlich pathetisch an.

PETER: Es ist schön. Aber es ist auch Angst dabei.

14 Polizeiautos haben Sie neulich in Hamburg gejagt - und über der Stadt spähte noch ein Polizeihubschrauber nach Ihnen.

NINA: Die Superhelden, Spider-Mum und Superflex, am Boden waren schneller als die brummende Libelle am Himmel.

Glauben Sie tatsächlich, dass so Diebstähle, so Provokationen wirklich sinnvoll sind, also politisch etwas bewirken?

NINA: Gut, wir haben nicht den Masterplan in der Tasche, wie die perfekte Gesellschaft aussehen soll. Aber wir wissen, dass es so, wie es ist, nicht bleiben darf. Wir durchbrechen die Stille im Land.

Ihr Problem ist doch: Alles, was Sie tun, gab es schon mal. Ihre Aktionen sind Kopie, sind Zitat. Es gab schon einmal die Spaßguerilla, jede Provokation war schon mal da - immer mit großen Hoffnungen auf eine bessere, eine gerechtere Welt verbunden. Aber was ist dabei herausgekommen?

PETER: Wenn Sie es negativ sehen wollen: Agenda 2010 und weitere Sauereien. Aber nur weil die Grünen oder die Sozialdemokraten Verräter geworden sind, hört die Geschichte doch nicht auf!

Es ist doch noch viel schlimmer: Jede Utopie scheint diskreditiert.

PETER: Nein. Menschen kämpfen immer gegen Ungerechtigkeit. Sie haben das in der Vergangenheit getan, und sie werden es in Zukunft tun. Es passiert in Madrid, in Mailand. Es passiert in Frankreich, dort kippten sie das Gesetz, das den Kündigungsschutz abschaffen sollte. Das macht doch Mut und schafft Freude.
NINA: Wir sind nicht nur Zitat. Wir sind etwas Neues.

Nun bin ich aber gespannt.

NINA: Wir sind eine Bewegung der Prekären. Werfen Sie doch mal einen Blick über Ihren Tellerrand! Uns gibt es überall in Europa, Zehntausende von uns waren am 1. Mai in "Euro-Mayday"-Demos in Mailand, Paris, Barcelona auf den Straßen.

Die "Zeit" sorgt sich ja schon, dass "eine neue Klasse der Ausgebeuteten aufbegehrt: das Prekariat".

PETER: Wir sind keine Klasse, aber wir sind hierzulande Millionen. Wir sind eine Bewegung. Prekarisierung, das heißt: Unsere Lebensverhältnisse sind immer mehr durch Unsicherheit geprägt, durch Zeitarbeit im Kranken- oder Kaufhaus, durch das Hüpfen von Praktikumsplatz zu Praktikumsplatz, durch entwürdigende Minijobs, wenig Lohn, alles ist unsicher.

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck sagt, ihm "stockt der Atem: Immer mehr Menschen sind einfach überflüssig".

PETER: Das ist Unsinn und eine Frechheit. Wir sind notwendig. Ohne die Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen hier arbeiten, würde Hamburg sofort zusammenbrechen, jedes Luxushotel könnte seine schweren Portale schließen!

Nun verraten Sie mal: Wie sieht Ihre schöne neue Welt denn aus?

PETER: Ich habe keinen perfekten Gesellschaftsentwurf. Es geht uns um Gerechtigkeit, um ein Leben in Würde.

Das ist schön.

NINA: Spar dir deine Ironie! Würde, ja, ein schönes Leben für alle, ja! Ganz konkret finde ich, dass wir hier zuerst ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen.

Das fordert beispielsweise auch der Milliardär Götz Werner.

PETER: Ist es deswegen falsch? Der Unternehmer Werner hat Recht. Die klügeren Kapitalisten ahnen wohl, dass sie nicht in Ruhe leben können, wenn der Abstand zwischen der Masse der Armen, also den Prekarisierten, und den Reichen und Privilegierten wächst und wächst.

Wissen Ihre Eltern, dass Sie gelegentlich Läden überfallen, in Edelrestaurants die Büfetts abräumen?

PETER: Meine Eltern verstehen mich. Die sind schockiert, wie sich meine Biografie, die so unsicher ist, von ihrer eigenen unterscheidet. Die hatten einen sicheren Beruf, die konnten ihr Leben in relativer Ruhe planen. Die konnten Kinder haben. Aber bei ihnen wächst nun auch die Wut über die Verhältnisse.
NINA: Meine Eltern wissen von meinem Leben als Superheld nichts. Manchmal, na ja, sind auch Superhelden nur ganz gewöhnliche Kinder.

Jede Band muss ein neues Album herausbringen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Was planen Sie als Nächstes?

NINA: In Hamburg gibt es viele Luxushotels. Und in einigen arbeiten Menschen ohne Papiere - also ohne Rechte. Billig und immer gedemütigt, ausgebeutet bis auf die Knochen und stets in der Angst vor der drohenden Abschiebung. Das muss man ändern!

Interview: Arno Luik / print