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Rauchverbot: "Das ist hier keine Wellnessfarm"

Die Wirtin Sylvia Thimm kämpft gegen das Rauchverbot. Am Mittwoch entscheidet das Bundesverfassungsgericht über ihre Klage gegen qualmfreie Einraumkneipen, der Ausgang ist völlig offen. Sie selbst zählt auf Raucher als Kunden - und könnte sich einen Umbau ihres Betriebs nicht leisten.

Von Sebastian Christ

Nein, verbittert sei sie nicht. Sie hege auch keinen Hass auf Nichtraucher. Doch es gibt eine Sache, die Sylvia Thimm nicht verstehen will: Warum sollen ihre Gäste, in ihrer Kneipe, nicht mehr rauchen dürfen? Da wird sie ärgerlich, und sie redet, wie Berliner in solchen Situationen nun einmal reden: "Ich schmeiße Rechtsradikale raus, und Leute, die Schwulenwitze erzählen. Aber zum Rauchen sollen jetzt alle auf die Straße?", sagt sie. Klar, natürlich sei das Rauchen nicht gesund. Wie viele andere Dinge eben auch. Sie sitzt vor ihrer kleinen Musikkneipe, dem "Doors". Die blauen Keramikaschenbecher stehen auf kleinen Holztischen. "Ehrlich, wer hier herkommt, weiß doch, dass das hier keine Wellnessfarm ist. Mit Yogi-Tee, und so." Sie fühlt sich im Recht.

"Die freuen sich auf ihre Zigarette"

Anfang des Jahres hat sie deswegen mit Hilfe eines befreundeten Anwalts Klage gegen das Nichtraucherschutzgesetz eingereicht. Mittwoch entscheiden die Richter am Bundesverfassungsgericht, ob bei Frau Thimm am Prenzlauer Berg und in anderen Kleinbetrieben der Republik wieder gequalmt werden darf. Die Musikkneipe ist eine so genannte "Einraumkneipe", keine 50 Quadratmeter groß. An den Wänden hängen Musikposter, aus den Boxen klingen Songs von Bob Dylan, den Rolling Stones und Janis Joplin. Im Gegensatz zu anderen Wirten hat sie nicht die Möglichkeit, einen separaten Raum abzutrennen, in denen sich Raucher zum Nikotingenuss zurückziehen können. Die Anwaltskosten muss sie selbst tragen, aber das ist es ihr wert. Mit ein wenig Glück könnte die Berliner Wirtin, zusammen mit zwei Mitklägern, das Rauchverbot in seiner bisherigen Form aus den Angeln heben.

"Ich habe Gäste, die dürfen im Büro nicht mehr rauchen, und die freuen sich abends auf ihre Zigarette", sagt Frau Thimm. "Die wollen ja nicht mit dem Stempel auf der Stirn vor der Tür stehen." Seit Anfang Juli kann in Berlin kontrolliert werden. Mitarbeiter des Ordnungsamts haben das Recht, Bußgelder gegen Wirte zu verhängen. Bisher habe sie noch keine Probleme gehabt, sagt die 45-Jährige aus Prenzlauer Berg. Der Sommer ist warm, viele Gäste sitzen draußen und können dort paffen. Ab September jedoch, wenn die Temperaturen langsam sinken, befürchtet sie empfindliche finanzielle Einbußen. Aus Bundesländern, in denen das Rauchverbot schon zum vergangenen Winter in Kraft getreten ist, waren dramatische Klagen zu hören: Die Gaststättenverbände und Handelskammern veröffentlichten Statistiken, nach denen Einraumgaststätten flächendeckend Umsatzrückgänge im zweistelligen Prozentbereich zu verkraften hatten. "Da kann ich mir überlegen, ob ich meine Miete nicht mehr zahle, den Strom oder die Krankenversicherung", sagt Sylvia Thimm.

Lounge statt Kneipe

Immer wieder gibt es auch Berichte von kleinen Gaststätten, die mit Inkrafttreten des neuen Nichtraucherschutzes ganz geschlossen haben. Um einem Konkurs zuvor zu kommen. Das Argument: Raucher sind die besseren Kunden. Thimm kann das aus ihrer eigenen Erfahrung heraus bestätigen: "Viele von den Gästen, die hier viel trinken, rauchen auch mal an einem Abend eine ganze Schachtel Zigaretten weg."

Der Konkurrenzkampf im ehemaligen Berliner Szenebezirk ist ohnehin hart geworden. Früher ein Künstlerviertel mit vielen kleinen Gastronomiebetrieben, hat sich Prenzlauer Berg in den vergangenen Jahren zum Hotspot für wohlhabende Familien entwickelt. Die jungen Eltern gehen in der Regeln nicht Janis Joplin hören und Bier trinken, sondern vergnügen sich bei Cocktails und Elektromusik in einer der vielen Lounge-Bars, die hier fast monatlich neu eröffnen und mit viel Geld eingerichtet werden - und deshalb auch in einigen Fällen über Raucherräume verfügen. Thimm fehlen die Mittel dazu, und einen Umsatzeinbruch könnte sie nur schwer wegstecken. "Viele vergessen, dass Prenzlauer Berg mit solchen Kneipen groß geworden ist", sagt sie. "Und hier werden jetzt schon wieder teure Eigentumswohnungen nebenan gebaut. Da können sie sich mal ausrechnen, was das bedeutet."

Ihr Mietvertrag läuft noch mindestens drei Jahre, erst kürzlich hat sie den Tresen und den Kneipenboden renovieren lassen. Notfalls will sie sich einen Nebenjob suchen, um die Mindereinnahmen aufzufangen. Und natürlich wird sie beim Entscheid des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe dabei sein, an dem Ort, wo sie im Juni auch schon zur Anhörung geladen war. "Es kommt, wie es kommt", sagt Sylvia Thimm. "Ich muss das Urteil ja annehmen. Es ist die letzte Instanz." Selbst wenn der Kampf um die rauchenden Gäste am Mittwochmorgen endgültig verloren gehen sollte - das "Doors" will sie so schnell nicht aufgeben.