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Reaktionen: Eine Todesanzeige als Anklageschrift

Umgeben von ihrer Familie hat sich Carola Möllemann-Appelhoff nach dem Tod ihres Mannes ins Private zurückgezogen. Doch die 54-Jährige spielt nicht die Rolle der weinenden Witwe. Im Gegenteil: In einer Todesanzeige erhob sie schwere Vorwürfe gegen die FDP.

Monatelang hat sich die Münsteraner FDP-Kreisvorsitzende Carola Möllemann-Appelhoff zum Streit zwischen ihrem Mann und ihrer Partei öffentlich nicht geäußert. Doch nach dem Tod von Jürgen Möllemann hält die 54 Jahre alte Witwe ihre Verbitterung nicht mehr zurück. "Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat?", fragten sie und die drei Möllemann-Töchter in einer halbseitigen Traueranzeige in zwei Münsteraner Regionalzeitungen.

Die Antwort erwartet die dunkelhaarige Lehrerin vermutlich von der Spitze der Partei, an deren Basis sie selbst seit Jahren politisch aktiv ist. Doch von der FDP-Führung hat sich nur Generalsekretärin Cornelia Pieper bislang zu Wort gemeldet - und die Vorwürfe einer Mitverantwortung am Schicksal Möllemanns als absurd zurückgewiesen. Ein Parteisprecher sagt in Berlin, einer öffentlichen Ehrung ihres aus der Partei hinausgedrängten früheren Stars werde sich die FDP "nicht in den Weg stellen". Stark machen sich die Liberalen dafür aber auch nicht.

Viel sagend nichts sagend

In der gemeinsamen Traueranzeige von Parteichef Guido Westerwelle und Bundestagsfraktionschef Wolfgang Gerhardt äußert sich die FDP "betroffen", bleibt ansonsten aber viel sagend nichts sagend: "Ein tragisches Geschehen beendete am 5. Juni 2003 ein Leben, das von großen Erfolgen und Anerkennung, aber auch von Rückschlägen gekennzeichnet war und das von 1970 bis zu Beginn diesen Jahres seine politische Heimat in der Freien Demokratischen Partei hatte." Dass dieses Leben den führenden Liberalen in den vergangenen Monaten ihr eigenes Leben schwer gemacht hat und umgekehrt, steht zwischen den Zeilen des Anzeigentextes, der ohne ein direktes Anerkennungswort der Unterzeichnenden auskommt.

Diese Anerkennung zollt in seiner Traueranzeige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) dem Ex-Liberalen, dem wie Schröder selbst ein meist "hemdsärmeliges" Auftreten und eine besondere Fähigkeit, die Medien für sich zu nutzen, nachgesagt wird. Möllemann habe das politische Geschehen in besonderem Maße mitgeprägt, schreibt der Kanzler und erkennt dem Münsteraner ein "politisches Naturtalent" zu. Dass er damit auch immer wieder angeeckt ist, wird als "naturgemäß" erwähnt. Doch seine Verdienste um Deutschland sichern ihm aus Sicht der Bundesregierung "ein bleibendes Andenken" - nicht die Exzesse.

Möllemann hat in seiner bitteren Erklärung zum Parteiaustritt am 17. März selbst beklagt, dass seine langjährigen Verdienste bei der FDP nicht gewürdigt würden. Die FDP-Führung habe eine Woche vor der Bundestagswahl 2002 "eine Kampagne in Gang gesetzt, die die Rückkehr zur Klientelpartei und meine Entmachtung zugleich sicherstellen sollte. Diese Kampagne sollte und soll mein über 30-jähriges Engagement für freiheitliche Grundsätze entwürdigen", erklärte er.

Aus den Traueranzeigen zum Tod von Möllemann

In den beiden Regionalzeitungen aus Jürgen Möllemanns Heimat Münster, den "Westfälischen Nachrichten" und der "Münsterschen Zeitung", ist am Dienstag (10. Juni 2003) eine Traueranzeige der Familie erschienen. Auch die FDP und die Bundesregierung schalteten Todesanzeigen. Eine Dokumentation der Anzeigentexte im Wortlaut:

Die Witwe des früheren FDP-Spitzenpolitikers und Bundesministers, Carola Möllemann-Appelhoff, und ihre drei Töchter Möllemanns

"Wir sind fassungslos und erschüttert bis in den tiefsten Grund unseres Herzens im Angesicht des furchtbaren Todes meines geliebten Mannes und unseres geliebten Vaters. Er hat uns mit seiner vitalen Kraft und Lebensfreude getragen. Wie sollen wir ohne ihn weiterleben? - Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat? - Wenn es für uns jetzt noch einen Funken Hoffnung gibt, dann durch das, was unser geliebter Jürgen uns vorgelebt hat. Wie oft war er der Kämpfer, der nach scheinbar ausweglosen Situationen den Neubeginn schaffte. Dies wird jetzt auch unser Weg sein."

Für die Bundes-FDP der Parteivorsitzende Guido Westerwelle und Bundestags-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt

"Ein tragisches Geschehen beendete am 5. Juni 2003 ein Leben, das von großen Erfolgen und Anerkennung, aber auch von Rückschlägen gekennzeichnet war und das von 1970 bis zu Beginn diesen Jahres seine politische Heimat in der Freien Demokratischen Partei hatte. - Sein Tod macht uns betroffen. Wir denken in diesen Tagen an seine Familie, der wir unsere Anteilnahme aussprechen und der wir Kraft wünschen."

Für die Bundesregierung Kanzler Gerhard Schröder (SPD)

"Jürgen W. Möllemann hat als langjähriger Parlamentarier, Staatsminister im Auswärtigen Amt, Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Bundesminister für Wirtschaft und Vizekanzler das politische Geschehen in der Bundesrepublik Deutschland in besonderem Maße mitgeprägt. Mit dem Verstorbenen verlieren wir einen engagierten und markanten Politiker, der mit seinem politischen Naturtalent viel bewegt und geleistet hat. Für seine Arbeit hat er oft Anerkennung, aber naturgemäß auch häufig Widerspruch erhalten. Die besonderen Verdienste, die sich Jürgen W. Möllemann um die Bundesrepublik Deutschland erworben hat, sichern ihm ein bleibendes Andenken."

Jutta Steinhoff / DPA