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Reaktorsicherheit: Warnung vor dem Super-GAU

Wegen mangelnder Sicherheit vor Terroranschlägen hat das Strahlenschutzamt die Abschaltung von fünf Atomkraftwerken älterer Bauart gefordert. Sollte es doch dazu kommen, drohe ein Unfall im Ausmaß von Tschernobyl.

Wegen der Gefahr von Terroranschlägen hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Industrie aufgefordert, fünf ältere Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz zu nehmen. Die Kraftwerke Philippsburg 1, Isar 1, Brunsbüttel, Biblis A und Obrigheim seien gegen Angriffe mit Passagierflugzeugen nicht genug gesichert, sagte BfS-Präsident Wolfram König der "Berliner Zeitung" (Samstagsausgabe).

Im Gegenzug könne die Stromwirtschaft modernere Atomkraftwerke länger laufen lassen als im Ausstiegskonsens mit der Bundesregierung vorgesehen, schlug König vor. Gleichzeitig warf er der Atomindustrie vor, "ihrer Verantwortung noch nicht in dem Maße gerecht geworden" zu sein, wie es nach dem 11. September 2001 nötig gewesen wäre.

"Hilflose Geste"?

Nach Ansicht des energiepolitischen Sprechers des BUND, Klaus Traube, wäre die Abschaltung der fünf älteren Kraftwerke zwar ein sinnvoller Schritt. Angesichts der wirklichen Bedrohung stelle dies jedoch nicht mehr als eine "hilflose Geste" dar, betonte er. Vor dem gezielten Absturz einer schweren Verkehrsmaschine sei keiner der 18 aktiven deutschen Atommeiler wirklich sicher. Sollte es dazu kommen, drohe ein Unfall im Ausmaß von Tschernobyl. "Allerdings wären in Deutschland auf Grund der Bevölkerungsdichte deutlich mehr Menschen betroffen", betonte der Ex-Atommanager.

Waren die alten Reaktoren noch "überhaupt nicht gesichert", seien seit den 70er Jahren - nach dem Absturz mehrerer Militärmaschinen - neuere Kraftwerkmodelle mit einem Schutzmechanismus ausgestattet worden, berichtete der Reaktorexperte. Sie seien so gebaut, dass sie "den unfreiwilligen Absturz einer Militärmaschine" verkraften könnten. Spätere Modelle könnten "wahrscheinlich auch den Absturz eines leichten, langsam fliegenden Verkehrsflugzeuges überstehen", betonte er. Nach den Anschlägen vom 11. September sei jedoch deutlich geworden, dass sich ein solches Szenario nicht auf den zufälligen Absturz einer Verkehrsmaschine begrenzen würde.

Gezielten Anschlägen "nichts entgegenzusetzen"

Gezielten Terroranschlägen mit großen, kerosinbeladenen Verkehrsmaschinen hätte kein Atomkraftwerk etwas entgegenzusetzen - und auch mit baulichen Maßnahmen sei "praktisch nichts zu machen", sagte Traube.

Der BUND-Atomexperte Walter Jungbauer sagte ebenfalls Berlin: "Der gezielte Absturz eines Verkehrsflugzeugs kann bei jedem deutschen Atomkraftwerk zu einem Super-GAU führen."

Auch anderen Maßnahmen, die den gezielten Absturz einer Verkehrsmaschine auf ein Atomkraftwerk verhindern sollen, steht Traube kritisch gegenüber. So seien in der Nähe der französischen Anlage La Hague Flakgeschütze installiert worden und auch der Abschuss von entführten Verkehrsmaschinen sei nach gesetzlichen Nachbesserungen mittlerweile unter bestimmten Bedingungen möglich. Das von Betreibern propagierte Schutzkonzept einer "blitzartigen Einnebelung", die im Falle eines Angriffs die Sicht nehmen soll, bezeichnete Traube angesichts der technischen Ausstattung der Maschinen mit Radar ebenfalls als wenig aussichtsreich.

"Angriff relativ unwahrscheinlich"

Wie groß die Gefahr eines Angriffs auf ein Atomkraftwerk von außen wirklich ist, ist unklar. Der Terrorismusexperte Kai Hirschmann vom Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen hält einen solchen Angriff für relativ unwahrscheinlich, da die dafür nötige umfangreiche Planung angesichts des derzeitigen Fahndungsdrucks sehr schwierig wäre. Ausschließen könne man einen solchen Anschlag jedoch nicht, sagte Hirschmann.

DPA