Reinhard Schlagintweit "Unicef ist eine sparsame Organisation"


Die umstrittenen Spendenpraxis und der Verlust des Spendensiegels beschädigen das Ansehen von Unicef. Im stern.de-Interview sagt der neue Vorsitzende des Kinderhilfswerks, Reinhard Schlagintweit, welche Fehler gemacht wurden und welche Vorwürfe unberechtigt sind.

Herr Schlagintweit, gestern hat sich die ehemalige Unicef-Vorsitzende Heide Simonis bei TV-Talker Beckmann erneut über ihren Rücktritt ausgelassen. Wie ist ihre Reaktion?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich den Auftritt von Frau Simonis nicht kommentieren möchte.

Frau Simonis behauptet, sie sei zurückgetreten, weil der Unicef-Vorstand ihren Vorschlägen nicht gefolgt sei.

Das stimmt nicht - doch ich möchte zu diesem Thema wirklich nichts mehr sagen.

Zurzeit kommt es knüppeldick für Unicef. Letzte Woche hat das DZI überraschend das Spendensiegel aberkannt. Haben Sie diese Nachricht schon verdaut?

Diese Entscheidung hat uns hart getroffen. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Wir hatten das Spendensiegel in den letzten zwölf Jahren immer, und ich glaube, wir hatten uns zu sehr daran gewöhnt. Vor allem kam die Aberkennung des Siegels aber zu einem Zeitpunkt, als wir bereits weitgehende Konsequenzen aus den bekannten Fehlern gezogen hatten.

Was lief falsch?

Wir haben dem DZI nicht angezeigt, dass wir in wenigen Fällen Spendenwerber auf Provisionsbasis beschäftigt haben. Nach den Regeln des DZI darf man das zwar - aber man muss es den Spendern mitteilen. Daran haben wir uns nicht gehalten.

Das DZI wirft ihnen zwei Verstöße vor: Sie hätten den DZI-Fragebogen falsch ausgefüllt, und Sie hätten angeblich zu hohe Provisionen für Spendeneintreiber bezahlt.

Beim ersten Punkt haben wir uns klar falsch verhalten - da hat das DZI recht. Aber wir haben kein Geld verschwendet. Das ist vom DZI verzerrt dargestellt worden. Unicef ist eine sparsame Organisation. Die professionelle Arbeit von Spendenwerbern ist eine sinnvolle Investition. Wir gewinnen ein Vielfaches der Ausgaben.

Das DZI wirft Ihnen aber vor, ein Fundraiser hätte unverhältnismäßig viel bekommen. Es gab 30.000 Euro als Provision für die 500.000-Euro-Spende des einstigen Lidl-Chefs. Wo genau liegt das Problem, das war doch ein gutes Geschäft?

Ja, das war es auch - trotzdem würden wir es im Nachhinein anders machen. Wenn man schon mit Provisionen arbeitet - und das haben wir nur in Ausnahmefällen getan - dann muss man eine ganz klare Obergrenze einziehen. Damals war für das Projekt Kinderstadt Heilbronn, zu dem auch die Lidl-Spende gehörte, eine Provision von sechs Prozent vereinbart. Den bestehenden Vertrag mit unserem freien Mitarbeiter mussten wir einhalten.

Viele im Spenden-Geschäft rümpfen bei Provisionszahlungen die Nase. Sie sagen: Provisionen passen nicht zu Mildtätigkeit, das sei unethisch. Was erwidern Sie?

Das DZI hat uns nur gesagt, dass wir diese Praxis transparent halten müssen. Und da stimme ich voll und ganz zu. Provisionen können in Einzelfällen sinnvoll sein. Aber die Spender müssen darüber Bescheid wissen. Und das gilt auch für alle anderen Formen des modernen Fundraising. Jeder Spenderbrief kostet natürlich Geld, bringt aber ein Vielfaches der investierten Summe wieder zurück. Wir sind nach wie vor stolz, wie niedrig unsere Fixkosten sind: Bei Spenden haben wir einen Verwaltungsanteil von unter zehn Prozent, das DZI toleriert bis zu 30. Zehn Prozent für Spenden und rund 20 Prozent für Grußkarten - das ist angemessen. Das erkennt auch das DZI an. Es ist schwer, darunter zu gehen. Wahrscheinlich müssen wir noch besser kommunizieren, dass diese Beträge berechtigt sind.

Was müssen Sie tun, um diese Formen der Zusammenarbeit in der Öffentlichkeit besser zu erklären?

Wir arbeiten jetzt bereits daran, dass der nächste Geschäftsbericht von Unicef Deutschland, der im Juni erscheinen wird, ganz klar und detailliert ausweist, welche Summen wir wofür ausgeben: was geht in welche Projekte in Entwicklungsländern, was geht in die Verwaltung und was geht in die Informationsarbeit und die Arbeit für Kinderrechte hier in Deutschland. So werden wir deutlich machen, dass unsere Arbeitsweise im Interesse der Kinder liegt, für die Unicef arbeitet.

Sie haben viel Kritik einstecken müssen von anderen Hilfsorganisationen. Doch manche ruderten zurück, weil sie gemerkt haben, dass sie selbst auf ähnliche Weise arbeiten wie Sie. Warum herrscht dennoch solche Aufregung?

Ich vermute, hier gibt es auch ein psychologisches Problem. Wenn eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die vor Weihnachten Schwerarbeit leistet, ohne auch nur einen Euro zu bekommen, hört, dass ein beruflicher Spendenwerber 30.000 Euro bekommt - das ist sicher nicht so leicht nachzuvollziehen. Und ähnlich geht es wahrscheinlich vielen Spendern, die uns monatlich acht Euro überweisen. Doch es sind diese vielen tausend Spender und die ehrenamtlichen Helfer, die für uns besonders wichtig sind. Sicherlich haben auch die anderen Organisationen jetzt Angst, dass sie der Sturm der Spendenskepsis treffen könnte.

Ein anonymer Brief war der Auslöser, der Unicef in die aktuelle Diskussion gebracht hat. Ging es da um Grundsatzfragen - oder um politische Intrigen?

Grundsatzfragen waren es sicher nicht. Denn der Unicef-Gesamtvorstand wurde damit ja gar nicht befasst. Dann tauchte das Thema auf einmal kurz vor Weihnachten in der Frankfurter Rundschau auf. Da brach ein Sturm los - und dem hätte man geschlossen entgegentreten müssen. Man hätte Fehler einräumen müssen und unberechtigte Vorwürfe eindeutig zurückweisen müssen.

Im Raum steht nach wie vor der Vorwurf der Untreue gegen den zurückgetretenen Geschäftsführer Dietrich Garlichs. Wie schlägt sich dieser Skandal auf Ihre Spender nieder?

Ich halte den Vorwurf der Untreue für nicht gerechtfertigt. Garlichs war für seine Mitarbeiter sicherlich nicht immer bequem, aber er hat sich voll und ganz in den Dienst von Unicef gestellt. Bislang haben wir etwa 20.000 Dauerspender verloren. Das schmerzt.

Wie gewinnen Sie anlässlich dieses schweren Vorwurfs das Vertrauen zurück?

Das Spendensiegel können wir erst 2010 wieder bekommen. Aber wenn wir jetzt den Anforderungen des DZI entsprechen, das heißt vor allem vollständige Angaben machen und alle Formvorschriften beachten, und wenn wir die ethischen Richtlinien unserer Arbeit befriedigend kommunizieren und weiter gute Sacharbeit leisten, wird es uns gelingen, wieder Vertrauen zu gewinnen. Und wir müssen unsere prominenten Freunde wie Sabine Christiansen und Hans-Joachim Fuchsberger bitten, uns auch künftig zur Seite zu stehen.

Wie haben die denn reagiert?

Sehr hilfreich. Sabine Christiansen hat gesagt, sie kenne und vertraue uns und schätze das, was passiert ist, als einmaligen Fehler ein.

Wie soll es personell weitergehen? Auch Klaus Zumwinkel war ja als Simonis-Nachfolger im Gespräch.

Sein Name war einer von vielen, die bei unseren Sitzungen gefallen sind. Als erstes suchen wir einen interimistischen und selbstverständlich auch einen dauernden Geschäftsführer. Das geht nicht von heute auf morgen. Und wir hoffen, bis April auch einen Vorstandsvorsitzenden präsentieren zu können. Wir haben ein paar Hochkaräter auf der Liste und ich bin selbst verwundert, wie viele Kandidaten sich bewerben.

Interview: Christian Parth und Tim Farin

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