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Rückkehr aus Guantánamo: "Gefesselt. Gedemütigt. Entwürdigt."

Nach Murat Kurnaz' Rückkehr nach Bremen haben seine Anwälte den Zustand des 24-Jährigen beschrieben - und die Umstände seiner Freilassung. Selbst auf dem Flug nach Deutschland soll er noch gefesselt gewesen sein.

Von Florian Güßgen

Er ist frei. Und er ist zu Hause. Am frühen Freitagmorgen ist Murat Kurnaz, der türkisch-stämmige Deutsche, in seiner Heimatstadt Bremen angekommen - nach mehr als viereinhalb Jahren Haft im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba. Kurnaz war am Donnerstag mit einer Sondermaschine der US-Regierung nach Ramstein in Rheinland-Pfalz geflogen und dort Vertretern der Bundesregierung übergeben worden. Kurnaz stellte sich am Freitag nicht selbst der Öffentlichkeit. Bei seiner Ankunft in Bremen hielt er ein kariertes Tuch vor seinen Kopf. Auf einer Pressekonferenz beschrieb Kurnaz' deutscher Anwalt Bernard Docke jedoch den Zustand des 24-Jährigen.

"Wach. Freundlich. Humorvoll.

"Er hat eine starke physische Natur. Wach. Freundlich. Humorvoll. Man merkt aber, dass da noch etwas anderes ist, dass da im Hintergrund noch etwas ist", sagte Docke. "Dieser Mann hat vierdreiviertel Jahre in einem Käfig gelebt", sagte der Anwalt. "Murat Kurnaz wurde in dieser Zeit gefoltert." Er sei Tag und Nacht grellem Neonlicht ausgesetzt gewesen, habe niemals gewusst, ob er jemals wieder frei gelassen werde. Docke sagte, Kurnaz sei am späten Donnerstagabend an der Autobahn-Raststätte aus dem Wagen gestiegen und habe lange das Sternen-Firmament betrachtet, den dunklen Himmel. "Da begreife man erst, was eine Behandlung, wie er sie in Guantanamo erlebt hat", mit einem Menschen mache. "Das ist ein soziokultureller Jetlag ganz neuer Dimension." Kurnaz hätte seine Brüder nicht wieder erkannt, wenn er nicht gewusst hätte, dass er vor ihnen stehe, beschrieb Baher Azmy, Kurnaz' amerikanischer Anwalt, die Rückkehr. "Kurnaz ist ein freundlicher und junger Mann, der sehr viel Schlechtes erlebt hat." Er meine weniger die körperlichen Misshandlungen, die dieser in der Haft erlitten habe, sondern die seelischen Schäden.

"Gefesselt. Gedemütigt. Entwürdigt."

Docke erhob schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung. Auch auf dem Flug von Kuba nach Deutschland sei Kurnaz entwürdigend behandelt worden, sagte er. 15 Soldaten hätten Kurnaz in der Sondermaschine begleitet. Diese hätten ihn an Händen und Füßen gefesselt und am Boden festgekettet. Kurnaz sei wie ein Tier behandelt worden. "Die Amerikaner haben nichts gelernt", sagte Docke. "Gefesselt, gedemütigt, entwürdigt wurde er den deutschen Behörden übergeben. Das war würdelos bis zum Ende. Die Amerikaner sind sich hier treu geblieben." Mehrmals wiederholte er, dass der Fall Kurnaz' ein Skandal sei, dass der Hauptskandal jedoch das Gefangenenlager Guantanamo an sich sei. Azmy sagte, der Fall Kurnaz decke das Lügensystem auf, das Guantanamo zugrunde liege. Die US-Regierung habe immer behauptet, dort würden nur Terroristen interniert. Im Fall Kurnaz aber habe sich klar erwiesen, dass diese Behauptung eine Lüge sei. Dass der Fall Guantanamo langsam ans Licht gezerrt werde, so der US-Anwalt, sei mittlerweile auch dem Rechtsbewusstsein amerikanischer Gerichte zu verdanken. Ausdrücklich bat er darum, Kurnaz nicht länger als "Bremer Taliban" zu bezeichnen. Kurnaz habe weder mit den Taliban, noch mit al Kaida oder anderen Terroristen zu tun gehabt. Kurnaz war Ende 2001 in Pakistan verhaftet worden. Seit Anfang Januar 2002 wurde er in Guantanamo festgehalten.

Vorwürfe gegen Regierung Schröder

Schwere Vorwürfe erhob Docke gegen die rot-grüne Bundesregierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Diese habe ein Angebot der Amerikaner ausgeschlagen, Kurnaz bereits im Jahr 2002 aus dem Gefangenenlager zu entlassen. "Auf der deutschen Seite gibt es eine Mitverantwortung. Die rot-grüne Regierung hat sich vornehm zurückgehalten", sagte Docke. Auch Ferdinand Muggenthaler, US-Experte der deutschen Sektion von Amnesty International, rügte das Verhalten der ehemaligen Regierung. Diese habe Kurnaz zwar in Guantanamo verhört, aber nicht auf seine Freilassung gedrungen. Dagegen lobte Docke ausdrücklich die Bemühungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Fall Kurnaz gegenüber US-Präsident George W. Bush offensiv angesprochen habe.

Kurnaz ohne Auflagen freigelassen

Zu den genauen Vereinbarungen zwischen der US-Regierung und der Bundesregierung zur Freilassung Kurnaz' konnte Anwalt Docke keine Angaben machen. Er wisse lediglich, dass die Bundesregierung besondere Auflagen hinsichtlich Kurnaz' Rechtsstatus abgelehnt habe. Auf diese habe die US-Regierung gedrungen. Am Schluss sei klar gewesen, dass Kurnaz nach seiner Ankunft in Ramstein auf freien Fuß gesetzt würde. Wie am Freitag bekannt wurde, sind die juristischen Schwierigkeiten Kurnaz' mit seiner Rückkehr nicht beendet. In Bremen erwarter ihn ein Verfahren. Die Ermittlungen wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung würden wieder aufgenommen, sagte Staatsanwalt Uwe Picard. Kurnaz solle aber "erstmal hier in Bremen angekommen sein". Dann werde er Kontakt mit den Verteidigern aufnehmen und die Sache besprechen, sagte Picard. Die Staatsanwaltschaft hatte Ende 2001 Ermittlungen gegen insgesamt vier Verdächtige aufgenommen. Zwei Verfahren sind laut Picard eingestellt. Anwalt Docke sagte, er sei zuversichtlich, dass das Verfahren gegen Kurnaz wegen fehlender Beweise bald eingestellt werden würde.

Bitte um menschliche Behandlung

Auf die Frage, ob Kurnaz nun in den USA auf Haftentschädigung klagen werde, sagte sein US-Anwalt, noch habe der 24-Jährige dies nicht getan. Allerdings hielte er sich die Möglichkeit offen. In seinem Fall sei klar, dass die US-Regierung bereits seit 2002 gewusst habe, dass er unschuldig sei. Auch von US-Regierungsseite wurde der Fall am Freitag kommentiert. Laut Nachrichtenagentur AP sagte Chito Peppler, der Sprecher der US-Verteidigungsministeriums, die USA hätten bei der Überstellung Kurnaz' gegenüber der Bundesregierung eine Bitte geäußert. "Die Vereinigten Staaten haben die Zusicherung erbeten, dass Herr Kurnaz menschlich behandelt wird und dass sie [die Bundesregierung, Red.] geeignete Schritte unternehme, um sicherzustellen, dass er keine Bedrohung für die internationale Gemeinschaft, Deutschland oder die Vereinigten Staaten darstellt", sagte Peppler.