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Schlagabtausch auf SPD-Kongress: Gabriel und die "bescheuerten" Frauen

Sigmar Gabriels Auftritt beim Frauen-Kongress der SPD sorgte für dicke Luft. Der Parteichef übte Kritik, die Zuhörerinnen konterten mit Zweifeln an seiner Kanzler-Tauglichkeit.

Mit Nettigkeiten wollte sich Sigmar Gabriel gar nicht erst aufhalten bei seinem Auftritt vor den SPD-Frauen. Auf den Spuren von Horst Seehofer war krawalliger Klartext angesagt. Auch ein Strampelanzug für seine gerade geborene Tochter als Gastgeschenk konnte Gabriel nicht milde stimmen. Auf dem Bundeskongress der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) kam es am Montag in Berlin zu einem bemerkenswerten Schlagabtausch.

Anwesende Funktionärinnen zeigten sich geradezu "erschüttert" über Gabriels Auftritt und stellten offen dessen Eignung für die SPD-Spitzenkandidatur bei der nächsten Bundestagswahl infrage. Sie habe "große Zweifel", sich Gabriel "als Kanzler vorzustellen", schleuderte ihm eine Rednerin entgegen. Der Parteichef tue so, als ob er die in der SPD aktiven Frauen durchweg für "bescheuert" halte.

Eine andere Delegierte aus Köln erinnerte den Parteichef auf dem Podium daran, dass Führungsleute Menschen auch motivieren müssten. Davon sei aber bei Gabriel nichts zu spüren. In der SPD in Nordrhein-Westfalen gebe es mit Hannelore Kraft einen völlig anderen Politikstil. "Sie haut nicht auf die anderen drauf, sondern nimmt die Menschen mit", rüffelte die junge Kölner ASF-Vorsitzende Julia von Dewitz den SPD-Chef.

Gabriel kritisiert die SPD-Frauen

Der hatte sich zuvor über mangelnde Veränderungsbereitschaft bei vielen SPD-Funktionsträgern beschwert. "Unglaublich in Rage" bringe ihn die hartnäckige Verteidigung bestehender Strukturen. Viele wollten einfach nicht begreifen, dass man mit dem "Schlafwagen der Parteiorganisation" nicht einfach so weitermachen könne.

"Wir können nicht so tun, als ob alles in Ordnung ist. Vieles in der Organisation ist nicht in Ordnung", brachte er seine Kritik auf den Punkt. Und als besondere Spitze in Richtung der ASF konnte sich Gabriel auch die Bemerkung nicht verkneifen, dass die SPD im Vergleich etwa zu den Grünen gerade für junge Frauen wenig anziehend sei.

In seinem Rundumschlag wies Gabriel auch darauf hin, dass der SPD-Bundesparteitag im Dezember trotz klarer Warnungen der Führung nicht zuletzt auf Druck der SPD-Frauen entschieden habe, die Zahl der SPD-Arbeitsgemeinschaften auf fast ein Dutzend aufzustocken. Dies führe nun dazu, dass für alle weniger Geld etwa für Veranstaltungen zur Verfügung stehe. Er frage sich aber ohnehin, ob ein ASF-Kongress wie der jetzige unbedingt drei Tage dauern müsse. Der ganze letzte SPD-Bundesparteitag sei schließlich mit zweieinhalb Tagen augekommen. Auch dieser Hinweis kam übel an.

Als reine "Legende" bezeichnete Gabriel die Behauptungen von SPD-Frauen, die Partei habe vor allem wegen der Reform-"Agenda 2010" von Kanzler Gerhard Schröder massenhaft Mitglieder verloren. Der Grund dafür sei vielmehr gewesen, dass sich schon länger Milieus auflösten und die Mitarbeit in Parteien nicht mehr so gefragt sei. Auch diese Erklärung wurde mit Kopfschütteln im Publikum quittiert.

Wenig Gutes über Steinbrück

Gabriel zeigte sich jedoch davon unbeeindruckt. Er wisse, dass er sich mit solchen klaren Worten keine Freunde mache. Aber: "Ich will lieber nicht Kanzlerkandidat werden, als meine Emotionen zu verlieren", stellte er klar. Die jetzige SPD-Spitze sei nach 40 Jahren immerhin die erste gewesen, die wenigstens daran gegangen sei, die Organisation wieder "vom Kopf auf die Füße zu stellen".

Auch über den abwesenden Peer Steinbrück, den weiteren möglichen SPD-Spitzenmann für 2013, war bei den SPD-Frauen wenig Gutes zu hören. Es könne einfach nicht wahr sein, dass ein Kanzlerkandidat eine Talkshow zusammen mit Thilo Sarrazin mache, zeigte sich eine Delegierte am Podium hell empört.

Der Ex-Finanzminister selbst nannte die Kritik seines CDU-Nachfolgers Wolfgang Schäuble daran "gelinde gesagt eine Unverschämtheit". Schäuble hatte gemutmaßt, Steinbrück wolle sich nur als Kanzlerkandidat profilieren. "Ich sitze hier, weil ich Sarrazin widersprechen will und zwar fundamental in vielen Einschätzungen", hatte Steinbrück in der Sendung mit Günther Jauch betont.

Joachim Schucht, DPA / DPA