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Schlechte Umfragewerte für SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück - im Wahlkampf nur Holzklasse


Peer macht sich's schwer. Kaum Frauen im Team, Ärger mit seinen Rede-Honoraren. In Umfragen fällt er wieder zurück. Der SPD-Kandidat Steinbrück hat seinen Start verpatzt.
Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Ist lange her, trotzdem: Erinnert sich jemand an Jürgen Hingsen? Das war mal die große deutsche Goldmedaillenhoffung bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Ein Bilderbuch-Zehnkämpfer. Ehrgeizig bis in die Haarspitzen. Dann fing der Wettbewerb an. Disziplin eins: 100 Meter-Lauf. Erster Fehlstart. Zweiter Fehlstart. Dritter Fehlstart. Raus. Aus die Maus und der Traum vom Gold.

Und damit, das musste ja so kommen, zu Peer Steinbrück. Seit heraus ist, das der frühere Finanzminister SPD in den Kampf ums Kanzleramt führen soll, hat er eine gute Rede im Bundestag gehalten, aber das war es dann auch schon. Was nicht weiter ins Gewicht fiele – Steinbrück ist ja noch nicht einmal offiziell nominiert, die Wahl findet auch erst in knapp einem Jahr statt –, wenn, ja, wenn da nicht noch ein paar andere Kleinigkeiten wären, die umso größer und beängstigender wirken, je genauer man sie betrachtet. Sie werfen paar Fragen auf nach der Professionalität, mit der Steinbrück und die SPD an diese Wahl herangehen. Und die scheint, vorsichtig formuliert, steigerungsfähig.

Die Vortragskünstlernebentätigkeit

Dabei mangelt es zumindest Steinbrück nicht an Analysekraft. Er hatte immer wieder davor gewarnt, den SPD-Spitzenmann früh auszurufen. "Sie würden mich in die Eierschleifmaschine stecken", sagte er gern. "Keiner von uns will anderthalb Jahre als Kandidat unterwegs sein."

Es wird wohl nur ein Jahr, aber auch das scheint zu genügen. Die Maschine rotiert jedenfalls seit Wochen gewaltig. Und weder Steinbrück noch seine Leute haben bislang einen Weg gefunden, wie er da wieder rauskommen könnte. Dabei hätte man durchaus erwarten können, dass er gar nicht erst hineingerät, jedenfalls nicht auf diese Weise. Die SPD, Steinbrück und wer immer ihn berät hätten wissen müssen, dass die über Jahre weitgehend unbeachtet gebliebene, hoch dotierte Vortragskünstlernebentätigkeit des Hinterbänklers Steinbrück – Motto: Reden ist Gold – sofort thematisiert und skandalisiert werden würde, nachdem er Kandidat sein würde. Man darf das beklagen. Aber man hätte darauf vorbereitet sein müssen – mit einer ordentlichen Verteidigungsstrategie. Genügend Zeit dafür gab es. Alles andere ist: hoch unprofessionell.

Blutverlust auf dem Nebenkriegsschauplatz

Unvorbereitet wie sie sich hatten, wurden sie statt dessen kalt erwischt. Und Steinbrück machte erst mal das, was er am besten kann, er preschte los wie Hingsen aus dem Startblock: Nur in einer Diktatur gebe es Transparenz. Ein paar Tage und große Empörung später die Vollbremsung samt 180-Grad-Wende: Er werde alles offenlegen. Volle Transparenz. Die dürfe man dann aber auch von allen anderen erwarten. Volle Transparenz? Nein, bei seinen Buchhonoraren dann leider doch nicht.

Wie soll man das nennen? Vielleicht: Eiern in der Schleifmaschine.

Nö, so wird das nichts. Mit der Glaubwürdigkeit nicht, und auch nicht mit guten Chancen aufs Kanzleramt. Seine Offensive in Sachen Vorträge ist jedenfalls wirkungslos verpufft. Nach einer Forsa-Umfrage für den stern sagen nur 24 Prozent der Wähler, dass die Offenlegung seiner Honorare Steinbrück genutzt habe – selbst unter den SPD-Anhängern sehen das lediglich 35 Prozent so. Und: 29 Prozent aller Bürger glauben sogar, die Diskussion habe dem Kandidaten geschadet. Das ist ziemlich viel Blutverlust auf einem Nebenkriegsschauplatz.

Das Problem mit den Frauen

Das wäre vermutlich alles reparabel, gäbe es nicht noch die anderen Kleinigkeiten. Die Methode der Negativ-Auslese zum Beispiel, mit der Steinbrück zum Kandidaten wurde: Gabriel wollte nicht, Steinmeier wollte nicht, Steinbrück wollte. Also durfte er auch. War ja kein anderer mehr da. Es gibt sicher bessere Wege, seinen Spitzenmann glänzend dastehen zu lassen. Man kann auch überlegen, ob es sonderlich schlau ist, dass das Beraterteam des Kandidaten im Wortsinne eine Mannschaft ist – nur in der erweiterten Wahlkampfleitung finden sich zwei Frauen. Kann man alles machen. Sollte aber vielleicht nicht, wenn man weiß, dass Steinbrück gerade bei Wählerinnen nicht den allergrößten Schlag hat. Und man kann für Steinbrück nur hoffen, dass die geforderte "Beinfreiheit" künftig größer ist als beim Renten-Kompromiss. Mit diesem wird zwar die SPD-Linke ruhig gestellt, der Kandidat aber eher eingezwängt – Niveau Holzklasse Billigflieger.

Wie gesagt: Noch hat Steinbrück viel Zeit – allerdings auch viel Zeit, noch mehr Fehler zu machen. Vom erhofften Schub für die SPD durch den Kandidaten ist jedenfalls nichts zu spüren. Die SPD hängt bei 26 Prozent fest, und auf die Frage, wen sie lieber als Kanzler hätten, sagen derzeit 50 Prozent der Deutschen: Merkel. Steinbrück: 29 Prozent. Das sind exakt die Werte, die vor seiner Ausrufung gemessen wurden.

Mahnmal Hingsen

Er ist also wieder da, wo er angefangen hat. Zurück im Startblock. Viele Fehlstarts kann er sich nicht mehr erlauben. Sonst endet er wie Jürgen Hingsen – aus eigener Schuld früh auf der Strecke geblieben.


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