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Schnauze, Wessi!: Bluffen für Fortgeschrittene

Anders zu reden als zu denken haben DDR-Bürger lange trainiert. Auch deshalb wirken Westdeutsche in der Politik oft so unbeholfen gegen Angela Merkel. Eine kleine Nachhilfe.

Von Holger Witzel

Manchmal tun sie einem beinahe leid: Westdeutsche Journalisten etwa, die sich jahrelang durch den Abkürzungs-Dschungel abgewickelter Massenorganisationen wühlen – nur um zu enthüllen, dass #link;www.stern.de/politik/deutschland/debatte-um-bundeskanzlerin-merkels-ddr-vergangenheit-wirft-wieder-fragen-auf-2010440.html ;"Das erste Leben der Angela M."# vermutlich doch in der DDR spielte. "Systemnah" zudem, also genau wie heute. Ebenso ihre unbemannte Verteidigungsdrohne, die fleißige Quoten-Biene im Arbeitsministerium und alle SPD-Funktionäre, die nun auf deren Posten scharf sind - aber so tun, als ginge es um mehr. Nicht zu vergessen meine Chefs oder dieser arme Richter in München, der den Rest seiner Laufbahn mit Beate Zschäpe verbringen muss ...

Neben ihren jeweils individuellen Päckchen teilen diese Leute ein Schicksal, das sie aufgrund ihrer selbstbewussten Sozialisation nicht mal als Problem erkennen: Sie bilden sich ein, Ostdeutsche zu durchschauen - und sind ihnen damit weitgehend wehrlos ausgeliefert. Nicht nur in Koalitionsverhandlungen.

Uli Hoeneß glaubt womöglich immer noch, sein Präsidentenkollege Gauck meinte mit "asozialen" Steuerhinterziehern nicht ihn persönlich. Westdeutsche Stammtisch-Sozialisten fühlten sich vermutlich nicht mal veräppelt, als ihnen Angela Merkel für 150 Jahre Opportunismus eine "unbeugsame Stimme" attestierte. Dabei sagt sie genauso schamlos Sätze wie: "Deutschland ist kein Überwachungsstaat." Andere Ostdeutsche heucheln: "Gib Westdeutschen eine Chance!" Und Jan Ulrich hat selbstredend nie gedopt.

Verrenken bis zur Skoliose

Manche Westdeutsche nehmen vielleicht sogar noch zwei oder drei Grautöne wahr. Aber die bunte Vielfalt zwischen glaubwürdigem Selbstbetrug und Bluff bleibt ihnen meist verborgen. Stattdessen lügen sie sich ihre eigenen Lebenslügen schön. Lavieren, kaschieren und verrenken sie sich bis zur Skoliose, weil sie nie mit geradem Rücken schwindeln mussten, um noch ehrlich in den Spiegel schauen zu können.

Deshalb gibt es auch immer wieder diese Missverständnisse, sobald über "Systemnähe" in der DDR oder Wahlkampfgeschwätz von gestern schwadroniert wird. Ob Angela Merkel nun doch mit der SPD einen Mindestlohn einführt, der dann natürlich anderes heißt und selbstredend nicht für den fast flächendeckend tariflosen Osten gilt; ob sie in der FDJ für Kultur oder Agitation zuständig war, in der DSF für den Samowar oder der paramilitärischen GST für die gebügelten Käppis, ist nicht nur eine Frage des flexiblen Charakters, sondern auch der beweglichen Zunge. Das muss keiner verstehen, der nie so viele Mitgliedsmarken geleckt hat wie sie oder diesem Gruppendruck - anders als Merkel - widerstand.

Sich seinen Teil zu denken und zu schweigen, haben die meisten DDR-Bürger in der Schule gelernt und danach ausgiebig geübt. Westdeutsche sind auch nicht ehrlicher, aber stellen sich dabei erstaunlich unbeholfen an. Wahrscheinlich sind sie es seit 1945 gewohnt, immer mitreden zu wollen, zu dramatisieren oder zu resozialisieren. So will sich Wolfgang Schäuble zwar in einem "Spiegel"-Interview "als jemand, der im Westdeutschland großgeworden ist" kein Urteil anmaßen. "Aber soviel steht" für ihn gleich im nächstens Satz fest: "Die Kanzlerin hat in der DDR ein anständiges Leben geführt." Solche Persilscheine sind nicht weniger impertinent als ihr Gegenteil. Westdeutsche reden über den Osten immer noch wie Blinde, die sich über einen Stummfilm streiten. Selbst mit Untertiteln, werden ihnen diese penetrant zurückhaltenden Leute immer ein Rätsel blieben.

Merkel verwirrt die Westdeutschen

Dass nichts zu sagen auch heute nicht schadet, führt Angela Merkel täglich vor. Sie schweigt und redet in einem Atemzug sogar über das Gleiche - und Westdeutsche sind so verwirrt von ihren Gedanken, dass alle glauben, sie hätte sich welche gemacht. Ob die griechische Eurozone weich und die eigene gleichzeitig hart ist. Ob sie je nach Windrichtung in die Atomkraft ein- oder aussteigt - alles scheint etwas mit ihrem Physikstudium zu tun zu haben. Systemstreber-Gene verwechseln sie mit "Pragmatismus" - oder wie es der einzig berufene Westdichter Wilhelm Busch formulierte: "Die über Nacht sich umgestellt und sich zu jedem Staat bekennen – das sind die Praktiker der Welt, man könnte sie auch Lumpen nennen."

Die Routine dabei ist auch ein wenig unfair: Ursula von der Leine, zum Beispiel, stand nie im FDJ-Hemd stramm, muss sich weder für ihre familiäre Herkunft noch für die Mitgliedschaft im Stifterkreis des Mädchenchors Hannover rechtfertigen - aber nun trotzdem bis 2020 warten, bevor sie per Frauenquote vielleicht doch noch mal Kanzlerin wird. Sie lächelt zwar tapfer dazu, aber keiner nimmt ihr das ab.

Wie vielen ihrer Landsleute steht ihr dabei nicht nur Ehrlichkeit im Weg. Erst wenn ein Schwindel auffliegt, halten es Westdeutsche für klug, sich dumm zu stellen. Weil es aber oft umgekehrt ist, rennen sie reihenweise moralische Hürden um, die sie vorher selbst aufgebaut haben. Warum sonst spart jemand wie Hoeneß heimlich Steuern, aber zeigt mit Wurstfingern auf andere Steuerhinterzieher? Wieso feierte der Westen über Jahrzehnte Reformpädagogen, obwohl es im Odenwald nur um den erweiterten Analschulabschluss ging? Und da reden wir noch nicht über Mathematik. Günter Grass, das westdeutsche Nachkriegsgewissen, muss inzwischen sogar den eigenen Maßstab mit Doppel-S schreiben. Das ist der Unterschied zur leichtfüßigen Hindernisläufern wie Angela Merkel: Frühere Elche leeren immer die bittersten Kelche.

Vom Umrennen moralischer Hürden

Unsereins dagegen nickt undurchschaubar, wenn westdeutsche Chefs ihre durchschaubaren Tricks aus dem Führungskräfteseminar ausprobieren. Sie können nämlich trotzdem nicht zwischen den Zweigen lesen - und grübeln in diesem Moment, ob das nur ein Tippfehler war oder was diese Zweige zwischen den Zeilen bedeuten sollen. Natürlich – reingefallen! – nichts. Außer vielleicht: Wer will, solange er sich über nichts den eigenen Kopf zerbricht, hinter die fremde Stirn eines Ostdeutschen blicken?!

Diese Zschäpe sagt vor Gericht nicht mal nichts, und das sagt schon alles - zumindest einem "Experten" aus Bochum, der für Focus Online ihre "extrem verschränkten Arme" als "aggressive Zurücknahme" entlarvt. Dass die Angeklagte nicht mal in Springerstiefeln vor Gericht steht, sondern – "Was trägt Frau Zschäpe heute?!" – in einer fliederfarbenen Bluse, wird in der Ferndiagnose zu einem "verräterischen Auftritt", der Gesinnung und Hass nicht verbergen könne. Im Grunde hat sie damit schon gestanden. Da geht es ihr fast wie dem Jugendpfarrer aus Jena, der vor Leuten wie Zschäpe immer gewarnt hat und dafür – rätselhafter Rechtsstaat – ein paar Wochen zeitgleich in Dresden vor Gericht stand.

Natürlich verhandelten auch dort ausschließlich westdeutsche Juristen, ob Lothar König nun ein Aufwiegler ist - oder sich nur in seinem Begriff von Zivilcourage vom Abziehbild eines Pfarrers unterscheidet, wie sie das aus Bayern kennen. Besonders verwirrend schien zu sein, dass es Menschen gibt, die schon in der DDR nicht so "systemkonform" waren, wie es der Westen Merkel bescheinigt – und es auch heute nicht sind.

Man darf dabei nur nicht die Arme extrem verschränken. Deshalb sage ich lieber - natürlich mit einem grundehrlichen Lächeln: Gib Westdeutschen eine Chance!