HOME

Schröder trifft Stoiber: "Des glaubst ja gar ned"

Gerhard Schröder zu Besuch in Edmund Stoibers Doppelhaushälfte. Ein Herbstmärchen. Oder: die unglaubliche Geschichte zweier Politiker, sie sich am Ende doch mögen wollen?

Eine Reportage von Robert Kittel, Wolfratshausen

Wolfratshausen, Samstag Mittag. Gartenstraße 49. Stoiber-Wohnsitz. Grauer Himmel, spießige Idylle. Hinter dem Haus fährt ein Floß mit schreienden Kindern die Loisach hinab. Freundliche Polizisten patrouillieren. Eine Horde Journalisten wartet. Dominic, der Sohn von Edmund Stoiber, spaziert gemächlich ins Elternhaus. Es wirkt wie eine Bühne, deren Vorhang noch verschlossen ist, weil die Hauptdarsteller noch in der Schminke sitzen.

Eine Stunde später, gegen 13.20 Uhr brüstet sich der Himmel plötzlich mit spontaner Klarheit. Zwei gepanzerte S-Klassen rollen um die Ecke. Berliner Kennzeichen. Vorhänge im Fond. Dann blitzt es schon. Die Fotografen halten drauf. Wie früher, als der aussteigende Gast noch Kanzler war und jeden Tag in den Medien badete wie Rudolf Scharping einst im Pool. Gerhard Schröder am Garagentor von Stoiber. Hammermotiv.

Schröder schwebt im Privatjet ein

Die Geschichte zu diesem lustigen Treffen geht so: Stoiber verschickte zum 7. April, Schröders Geburtstag, einen vorbereiteten Gruß in Form einer Karte. Aus der Zeitung hatte Stoiber erfahren, der Ex-Kanzler plane bei der 100-Jahr Feier der Wolfratshausener SDP aufzutreten. Als Stargast sozusagen. Stoiber schrieb mit der Hand: "Vielleicht haben Sie ja Lust vorbeizukommen?" Schröder sagte zu. Das Date war gebongt.

Deshalb steht er nun im Eingang und stopft sein Hemd in die Hose. Er trägt Anzug mit Krawatte. Er ist alt geworden. Er sieht noch etwas zerknautscht aus und nicht wie auf dem Bild, das der Ortsverein Wolfratshausen im ganzen Dorf auf Plakate ziehen ließ, um Werbung für Schröders anschließenden Auftritt im Festzelt zu machen. Es mag daran liegen, dass er seit vier Tagen unterwegs ist. Salzburg, Paris, Moskau. Gegen 12.30 schwebte er aus der russischen Hauptstadt am Münchner Flughafen ein. Lässig mit dem Privatjet. Er fliegt ungern Linie. Schröder ist vom Staatsmann zum "Elder Statesman" avanciert. Noch am Abend geht es weiter ins italienische Perugia.

Wohnen wie ein Abteilungsleiter

Dann öffnet sich die Haustür. Wieder ein Hammermotiv. Zwei Alphatiere als ganz normale Menschen im Eingang einer Doppelhaushälfte. Stoiber trägt gebügelte Jeans für den Mann ab 50, hellblaues Hemd, Blazer und saubere Lederschuhe. Keine Krawatte. Es sei ein privates Treffen, rechtfertigen die Stoiber-Leute. Ehefrau Karin kommt dazu, es ist herzlich. Schröder mag Karin Stoiber. "Des sieht a Blinder", sagt die Nachbarin. Eine vorbeifahrende S-Bahn später stehen sie schon vor den Mikrofonen. Schröder setzt sein bewährtes Kanzlerlächeln auf, Stoiber mimt den freundlichen Hausherrn. Sie sprechen über das Essen und wehren Erwartungshaltungen ab. Dann verschwinden sie im Haus.

Es ist ein gewöhnliches Haus. Dominic, der Sohn, will nicht sagen, wie es drinnen aussieht. "Das ist das Haus meiner Eltern. Wir können gerne über meine Wohnung in München sprechen." Ein früherer Lieferant von Tiefkühlprodukten sagt, das weiße Haus der First Family sei in Wahrheit crémefarben und gleiche dem durchschnittlichen Domizil eines Abteilungsleiters. Ein goldener Spiegel im Flur, Familienbilder, Gästeklo, dann Wohn- und Esszimmer in einem und mit Verbindung zur Küche. Bayerisch modern. Vielleicht ein wenig zu modern für die Gegend. Wir sind im Voralpenland. Zwei Orte weiter liegt Bad Tölz.

Es gibt Fleischpflanzerl

Bis vor ein paar Monaten hatte Stoiber noch Achterbahnfahrten hinter sich gebracht. Politisch, nicht privat. Der Edmund und die Karin sind galaktisch lange zusammen. 39 Jahre. Da sind sie stolz drauf. Das habe der Schröder nicht hinbekommen, sagt die Nachbarin. Drinnen im Haus ist es ruhig. Wie damals, als Angela Merkel strategisch klug zum Frühstück herbei eilte und ihm, Stoiber, die Kanzlerkandidatur überließ. Neun Monate später, am Wahlsonntag, hatte es sogar kurz danach ausgesehen, als würde Stoiber gewinnen. Der CSU-Mann war auf der Bühne gestanden und hatte voreilig verkündet, man werde bestimmt das ein- oder andere "Gläschen aufmachen". Schröder machte wenige Stunden später die Flaschen auf - und trank ein Gläschen.

Jetzt sitzt er im Esszimmer und bewundert die vielen Schmankerln seines Gastgebers: Fleischpflanzerl, Leberkäs, Kartoffelsalat, Kalte Platte. Stoiber selbst steht auf deftigen Schimmelkäse, verraten Weggefährten, die ihn kennen. Melanie, die junge Freundin von Sohn Dominic, hat noch beim Einkaufen und Zubereiten der Brotzeit geholfen. Dafür darf sie dem historischen Treffen im schicken Chiffon-Top beiwohnen.

Maget findet die Klingel nicht

Eine Stunde später fährt ein silberner Audi vor. Ein A6. Mittelklasse. Der Himmel ist fast schon weiß-blau wie auf einer dieser Tourismus-Postkarten. Franz Maget, der Oppositionsführer entsteigt dem Wagen. Sein Kopf ist rot. Wie immer. Er trägt Trachtenjanker und sucht die Klingel. Wieder ein Hammermotiv. Der oberste SPD-Mann in Bayern schellt einsam und allein beim Ministerpräsidenten. "Des glaubst ja gar ned", sagen die Einheimischen, die das Haus jetzt wie einen Unfallort aus der Ferne betrachten. Weil die hohen Herren zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, wird er nur vom Sohn begrüßt. Der Maget ist kein Schröder.

Nur 15 Minuten später zeigen sich alle vorm Haus. Schröder, Stoiber, Frau Karin und Maget. Eine fast schon schrecklich nette Familie. Die Kameras haben sich vor der Garage in Stellung gebracht. Schröder reißt das Ruder an sich. "Wunderbares Essen", schwärmt er. Seine Stimme ist so durchdringlich wie zu alten Wahlkampfzeiten. Schröder-Termine sind das Gegenteil eines Hemingway-Romans. Er hat Tempo und Energie. Wenn er in Wolfratshausen eine Brotzeit isst, muss es lustig zugehen. Er ist keiner, der mit geradem Rücken Platz nimmt und sich über vorhandene Teesorten informiert. Aber: "Ich musste ihn überzeugen, keinen Weißwein zu trinken, sondern ein Weißbier.", verrät Stoiber. Weißwein können die beiden neuen Freunde immer noch trinken. Schröder lud Stoiber zu sich nach Hannover. Dann sprechen sie noch lachend von lustigen Angeboten im Gasgeschäft ("Stoiber wäre qualifiziert") und davon, dass er, Stoiber, die Hilfe von ihm, Schröder, gar nicht brauche. Große Männer, leichte Sätze.

Stoiber ins Stadion, Schröder ins Zelt

Leider rutscht Schröder noch etwas Politisches heraus. Das was jetzt, also nach Stoiber in der CSU komme, das sei Kreisklasse. Puh. Später, im Zelt ("Wir sind ja hier unter uns, oder?"), konkretisiert er das: "Diese Seehubers, das ist doch Kreisklasse, meine lieben Freunde."

Um 15.00 Uhr ist das Septembermärchen in der Gartenstraße zu Ende. Schröder gratuliert dem FC Bayern-Aufsichtsrat Stoiber noch zum Kauf von Franck Ribery, Stoiber sagt, er "dürfe" jetzt ins Stadion, während Schröder ins SPD-Festzelt "müsse" und dann löst sich das Meer aus Reportern und Schaulustigen auf wie das kleine Gewitter in den nahegelegenen Bergen. Kein wirkliches Hammermotiv. Aber ein schöner Abschluss.