Bundeswehr-Showroom in Berlin Antreten! Ja, wie denn?


Die Bundeswehr braucht cleveren Nachwuchs. Aber wie lässt der sich begeistern? Ein Selbstversuch im neuen Berliner "Showroom" der Armee.
Von Robert Bachofer

Sie sehen ziemlich verloren aus, die acht Uniformierten in Tarnanzügen. Stehen da rum in diesem kühlen, weiß-blauen Raum mit Blick auf den Bahnhof Friedrichstraße und warten auf Kundschaft. "Wir. Dienen. Deutschland." steht an der Wand. Ein Punkt hinter jedem Wort. Auf dem Bildschirm gegenüber durchpflügt ein Kriegsschiff die See. Einsam steht eine Schaufensterpuppe in Tarnkleidung in der Ecke. Niemand weiß, wozu der Plastikmann gut sein soll. Aber bitte.

"Showroom" heißt die neueste Errungenschaft der Bundeswehr, ein Rekrutierungscenter mitten in Berlin. Hier will die Truppe anhand von Filmen und Broschüren zeigen, was sie kann, die Soldaten sollen direkt zwischen Bildschirmen und Leuchtreklame mit Interessenten reden.

Damit tun sie sich allerdings schwer: Die acht schauen mich unsicher an, mustern mich von oben bis unten, wie ich da nervös im Türrahmen stehe. Vielleicht analysieren sie grade mein Gefahrenpotential?

Ich schlucke. Was nun? Niemand geht auf mich zu. Niemand scheint zu wissen, wie man mit einem potentiellen Bewerber umgeht. Für sie bin ich offenbar ein Fremdkörper in Zivil.

Auf nach Afghanistan?

Dabei braucht die Bundeswehr dringend Soldaten. Bis 2011 konnte sie noch 40 Prozent ihres Personals aus Wehrpflichtigen decken, so Oberst Ulrich Kirsch, damaliger Vorsitzender des Bundeswehrverbandes. Seit die Wehrpflicht weggefallen ist, müssen die Streitkräfte auf dem Arbeitsmarkt um Nachwuchs buhlen und mit privaten Unternehmen konkurrieren. Die Umstellung auf "eine kleinere und spezialisierte Armee", wie es auf der Internetseite der Bundeswehr heißt, erfordert zudem mehr hoch qualifizierte Mitarbeiter. Dafür will Ursula von der Leyen den Werbeetat um 18 Prozent erhöhen.

Schöbel, Vorname Hauptfeldwebel, einer der Werber, ist trotzdem nur mäßig erfreut, als ich den ersten Schritt mache und mich zu ihm an den Tisch stelle. "Ich möchte mich bei der Bundeswehr bewerben." Mein Gegenüber springt nur langsam an. Da gebe es verschiedene Möglichkeiten, "in Uniform" und "im zivilen Bereich", sagt Schöbel. "Schauen Sie sich doch erst mal die Website an." Aggressives Marketing ist das nicht. Gut, dann bin ich es eben, der offensiver vorgehen muss. Natürlich habe ich mir die Website längst angesehen und entdeckt, dass die Bundeswehr "interkulturelle Einsatzberater" sucht. Die sollen vor Ort die Truppe bei der Kommunikation mit Einheimischen unterstützen, Fokus Zentralasien. Heißt: Afghanistan.

Ich erkläre, Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Zentralasien studiert zu haben, bin also gut ausgebildet für eine Stelle, die die Bundeswehr dringend besetzen will - das sollte doch den Hauptfeldwebel aus der Reserve locken. "Für mich haben Sie doch sicher Verwendung?", frage ich. Leider bin ich besser informiert, als Schöbel. Der wundert sich und muss die Website erst mal nach geeigneten Stellen durchforsten.

Ich will die Uniform

Glücklicherweise ist der Showroom bestens ausgestattet, der Werber greift nach dem Tablet neben sich. Der Showroom, das sind 16 Quadratmeter Hightech. Die kosten 8.000 Euro pro Monat und haben seit der Eröffnung im November bis zu 60 Interessierte pro Tag angelockt, sagt ein Sprecher der Bundeswehr in Köln. Wenn es im Showroom ähnlich läuft wie in anderen Rekrutierungsstellen des deutschen Militärs, dürfte sich am Ende einer von drei Interessenten tatsächlich bewerben. 2013 waren das 20.000 Rekruten. Unter den gut Ausgebildeten, also denen, die Offiziere werden könnten, landete aber nur einer von fünf tatsächlich beim Bund. Deshalb mangelt es an Fachkräften in der Marine, an Spezialisten für Informationstechnologie, an Ärzten und auch an "interkulturellen Einsatzberatern".

Schöbel hat die Stellenbeschreibung inzwischen gefunden, jetzt kommt er in Fahrt und ist Feuer und Flamme. Was die Truppe nicht alles kann! Mit abgeschlossenem Studium müsse ich mich nur für drei statt dreizehn Jahre verpflichten. Der Einstiegsrang sei Feldwebel, der Aufstieg zum Offizier schon eingeplant. Überhaupt stünden bei der Bundeswehr alle Türen offen, ich könne sowohl im militärischen, als auch im zivilen Bereich dienen: "Was ziehen Sie denn vor?"

Klar, ich will die Uniform. Der Werber ist hocherfreut: "Am besten füllen Sie gleich den Bewerbungsbogen aus." Name, Anschrift, Bildungsgrad. Der Hauptfeldwebel notiert oben auf der linken Ecke "Seiteneinsteiger Offizierslaufbahn". Dann wandert der Zettel ins "Karrierecenter" ein Stockwerk höher.

Millitärische Effizienz? Irrtum

Am nächsten Morgen, zehn nach acht, klingelt mein Handy. Am anderen Ende der Leitung ist ein Beamter aus dem Karrierecenter. "Das ging flott, militärische Effizienz eben", denke ich - aber Irrtum. Der Herr am Telefon teilt mir nur mit, dass für meine Bewerbung das "Assessmentcenter" in Köln zuständig sei. "Rufen Sie doch dort mal an."

Als ich mich in Köln melde, hat der Personaler von mir noch nie gehört, meinen Bewerbungsbogen noch nie gesehen. Diese Bögen würden ohnehin nicht an das Center weitergeleitet, sagt er, sie dienten nur der "internen Evaluation". Wenn ich mich wirklich bewerben wolle, dann könne ich ihm die üblichen Unterlagen zuschicken: Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse. Also dasselbe Verfahren, wie bei jedem Unternehmen.

Wozu dann überhaupt der Showroom? Antwort: Auf der Website mit der Stellenausschreibung für "interkulturelle Einsatzberater" fehlt die E-Mail-Adresse, an die Bewerber ihre Unterlagen schicken könnten. Die findet man nur auf der Seite der Streitkräftebasis. Deshalb müssen alle Interessenten durch die Bürokratie gereicht werden, bis sie sich überhaupt richtig bewerben können.

Für mich macht das so viel Sinn, wie wenn ich beim stern mit Tinte und Feder schreiben müsste. Wer sich bei der Bundeswehr bewirbt, muss sich vom Showroom über das Karriere- zum Assessmentcenter durchschlagen, nur um zu erfahren, wo er seine Bewerbungsunterlagen hinschicken soll. Und wird abgeschreckt von schleppender Kommunikation und bürokratischen Strukturen. Ist es das, wonach junge Akademiker suchen?

Ich jedenfalls nicht.


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