Simonis bei Beckmann Grabenkämpfe bei Unicef


Bislang hielt sie sich zurück, doch in der Talkshow "Beckmann" hat Heide Simonis, Ex-Vorsitzende von Unicef, erstmals über die dubiosen Vorgänge beim Kinderhilfswerk gesprochen: über feige Vorstände, Grabenkämpfe und ihren Rücktritt. Sie selbst sei wie eine "Donnerhexe" bei Unicef aufgetreten.
Von Niels Kruse

Knapp 20 Minuten warf Heide Simonis ihre Statements ab wie Bonbons in die Menge: über die SPD, deren Chef Kurt Beck, das Verhältnis zur Linkspartei und mögliche Koalitionen in Hessen und Hamburg – routiniert, kurz, beinahe lustlos. Erst als Gastgeber Reinhold Beckmann das Gespräch auf Gerhard Schröder, nicht unbedingt ihr bester Freund, und seine Agenda 2010 lenkte, fuhr Temperament in die ehemalige Ministerpräsidentin. So sehr, dass der Moderator freudig fragte, ob es sie denn nicht jucken würde, wieder mitzumachen. Jetzt, wo sie doch wieder frei sei.

Nein, antwortete Simonis trocken: "Ich bin raus, das sollen andere machen". Und wie raus sie ist. Als Regierungschefin Schleswig-Holsteins schon lange, als Unicef-Vorstand seit einigen Wochen. Ihr Besuch in der ARD-Talkshow war der erste öffentliche Auftritt, bei dem sie über die Ungereimtheiten beim Kinderhilfswerk sprach. Über Fundraiser, die ohne nachvollziehbare Gründe dicke Honorare bekommen haben sollen, über angebliche Handschlaggeschäfte, über die es nichts Schriftliches gibt, kurz: über dubiose Vorgänge, die den Ruf der Organisation seit Monaten mächtig zusetzen. Und den ihren auch nicht gerade förderten.

"Ein anonymer Brief ist nicht unproblematisch"

Heide Simonis stand der deutschen Sektion seit Anfang 2006 vor. Die Machenschaften, um die es geht, sollen vor ihrer Amtszeit begonnen haben. 2005 um genau zu sein. Seit dieser Zeit, so das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das das Spendensiegel für gemeinnützige Organisationen vergibt, habe Unicef "wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden bezahlt zu haben". Es war die "Frankfurter Rundschau" die im November 2007 erstmalig darüber berichtete, lange bevor das DZI dem Kinderhilfswerk das Spendensiegel entzog und damit das Vertrauen von Hunderttausenden von Geldgebern.

Dem Blatt wurde damals ein anonymer Brief zugespielt, in dem geschrieben stand, das Hilfswerk würde Spendengelder missbrauchen, so etwa auch für den Umbau der Kölner Zentrale. Heide Simonis kannte diesen Brief schon länger. Dasselbe Schreiben habe sie bereits im Mai zugeschickt bekommen, sagte sie nun. Warum es bis zum Spätherbst gedauert hat, bis die Sache bekannt wurde, erklärt die Ex-Politikerin bei Beckmann so: "Ein anonymer Brief ist nicht unproblematisch. Also haben wir die Anschuldigungen in kleiner Runde geprüft. Schließlich gilt die Unschuldsvermutung."

Es gibt für einige Beraterhonorare keine Verträge

In vier Sitzungen will sie zusammen mit dem Schatzmeister und ihren beiden Stellvertretern nachgeforscht haben. Doch, und das ist unstrittig eines der Probleme, mit denen sich das UN-Kinderhilfswerk nun beschäftigen muss: Es gibt für einige Beraterhonorare keine Verträge. Zumindest keine schriftlichen. Deshalb sei es kaum möglich gewesen, nachzuvollziehen, wohin welches Geld geflossen sei, ob also die Anschuldigungen überhaupt stimmen würden. Simonis sagt, sie wollte die Öffentlichkeit informieren, aber es habe Leute im Vorstand gegeben, die der Meinung gewesen seien, so etwas mache man vielleicht in der Politik, aber nicht bei einer Organisation wie Unicef.

Allerdings vermutet sie, dass der anonyme Brief aus Reihen des Unicef-Vorstands gekommen sein könnte. Also ein Insider ein Interesse daran hatte, das das Geschäftsgebaren der Spendensammler publik wird. Plötzlich jedenfalls lag das Schreiben bei der "Rundschau" und viele prominente Unterstützer mussten aus der Zeitung erfahren, was da los ist in Köln. Simonis habe sich darüber geärgert, sie sagt: "Es war mein Fehler, dass ich gedacht habe, der Brief würde erst dann an eine Zeitung gehen, wenn wir nichts unternehmen. Aber nicht, wenn wir etwas tun."

Angekommen wie eine Donnerhexe

Nun steht auch sie selbst in der Kritik. Anfang Februar sprach Reinhard Schlagintweit, ihr Vorgänger und Interimsnachfolger als Unicef-Chef sogar von einem "Problem Simonis". "Sie war zwei Jahre lang Vorsitzende; sie hat nie etwas zu beanstanden gehabt". Außerdem warf er ihr vor, nicht in der Krise zur Seite zu stehen und spielte damit auf ihren Rücktritt im Dezember an. Auch Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen sprang ihm zur Seite und gab sich "enttäuscht", dass die Krise nicht gemeinsam bewältigt wurde.

Dabei scheinen nicht wenige durchaus glücklich über ihren Abgang gewesen zu sein. "Ich bin da damals angekommen wie eine Donnerhexe und habe halt genervt", sagt sie. Rausgeschmissen worden aber sei sie nicht, auf diese Feststellung legt Simonis Wert. Aber abgeschnitten habe man sie. "Es hat soviel Kraft gekostet, uns gegenseitig zu bekämpfen, da bin ich dann freiwillig gegangen." Und außerdem wolle sie nicht den Kopf für etwas hinhalten, was sei nicht gemacht habe.

Aber irgendjemand wird etwas gemacht haben. Nur wer? Der alte und neue Vorsitzende Schlagintweit, der seine Vorgängerin öffentlich abwatscht, könnte Teil des Problems sein. Zumindest fallen die Ungereimtheiten noch in seine Amtszeit. Außerdem wird ihm ein gutes Verhältnis zum mittlerweile ebenfalls zurückgetretenen Geschäftsführer Dietrich Garlichs nachgesagt. Ganz im Gegensatz zu Simonis, die sich offen mit ihm zerstritten hatte. Und für viele, auch für die Mitarbeiter, steht der Hauptschuldige an der Misswirtschaft ohnehin bereits fest: Dietrich Garlichs. Wie für Heide Simonis: Auf die Frage, wer denn die Verantwortung tragen würde, antwortete sie ohne Umschweife: "Der Geschäftsführer".


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