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Sozialministerin in Niedersachsen: Liebe Frau Özkan!

Trotz der Störfeuer aus der CDU: Aygül Özkan ist als erste türkischstämmige Ministerin in Niedersachsen vereidigt worden. stern.de-Redakteur Sönke Wiese gratuliert in einem offenen Brief.

Liebe Frau Özkan, zunächst: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Vereidigung! Nun hat es also doch geklappt: Sie sind Sozialministerin in Niedersachsen und, was ich noch viel wichtiger finde, Deutschlands erste muslimische Ministerin! Das ist prima, das ist ein Grund zum Feiern, denn wir müssen türkischstämmigen Menschen zeigen, dass sie etwas werden können in Deutschland: in der Wirtschaft, in den Medien, vor allem aber in der Politik. Cem Özdemirs Wahl zum Grünen-Chef, das war schon nicht schlecht. Jetzt kommen Sie.

Ich hatte mir, ehrlich gesagt, schon ein wenig Sorgen gemacht, ob das noch klappen würde mit Ihrer Wahl. War ja, eieiei, doch recht mutig, Ihre Parteifreunde von der CDU am Wochenende noch mal bis aufs Blut zu reizen mit dieser Sache mit den Kreuzen. "Christliche Symbole gehören nicht an staatliche Schulen", haben Sie den Christdemokraten einfach so entgegengeschleudert. Stimmt zwar, das sehen selbst die Verfassungsrichter so, aber deshalb muss das noch lange nicht gängige Meinung bei Ihnen im Verein sein. Da hilft es auch nichts, dass Sie selbst ja am besten wissen, wie das klappt mit einem säkularen Staat, dass in der Türkei, der Heimat Ihrer Eltern, ein strenges Kopftuch-Verbot in allen öffentlichen Einrichtungen gilt.

Ich habe Sie sehr bemitleidet, als am Montag die eigenen Reihen über Sie hergefallen sind. "Friendly Fire" war das. Aber vielleicht haben Sie auch Lehren für Ihren neuen Job aus den Attacken ziehen können: Etwa dass in der Union noch eine gewaltige Lücke klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Dass das liberale Element, das Sie ja auch verkörpern sollen, vielleicht in den strategischen Köpfen von Kanzlerin Angela Merkel und Landeschef Christian Wulff eine Rolle spielt, aber die Herzen der Partei mit den kühnen Gedanken Ihrer Chefs noch nicht ganz mitkommen. Einen Tag feiert die CDU Ihre Nominierung als Coup, am andern werden Sie gegeißelt, weil Sie Ihre Meinung kundtun. Vielleicht müssen Sie auf diese Entwicklungslücke in der Union in Zukunft mehr Rücksicht nehmen, um sie dann umso effektiver schließen zu können.

Lassen Sie sich nicht als Quotenmuslima missbrauchen

Und da wir gerade bei Lehren sind: Lassen Sie sich bitte nicht als Feigenblatt, als Quotenmuslima missbrauchen. Dass Sie eine Figur sind, mit der Merkel und Wulff das christlich-konservative Profil der CDU auch aus wahltaktischen Gründen schleifen wollen, liegt auf der Hand. Sie sollen neue Wählerschichten ansprechen, es geht um die Erweiterung der Koalitionsmöglichkeiten, zum Beispiel mit den Grünen. Was Ursula von der Leyen für arbeitende Mütter war, sind Sie für die Muslime. "Seht her", scheint Ihr Chef dem Wählervolk zuzurufen, "wir sind weltoffen, modern und aufgeklärt. Bei uns haben auch Muslime etwas zu sagen."

Klingt toll, Frau Özkan. Ist toll. Aber es bleibt nur toll, wenn Sie sich weiter streitbar zu Wort melden. Und da, das muss ich ehrlich zugeben, war ich gehörig enttäuscht, als Sie Ihre Äußerungen vom Wochenende am Montagabend wieder eingefangen haben. Einen Kotau vor der Landtagsfraktion soll es gegeben haben. Tsss. Lassen Sie sich doch von den eigenen Leuten nicht so schnell einschüchtern!

Aber einerlei, noch haben Sie Welpenschutz. Noch freue ich mich vor allem darüber, dass Sie es in dieses Amt geschafft haben, denn in Deutschland - und auch in Niedersachsen - klafft einmal mehr beim Thema Integration eine Riesenlücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Da gibt es viel zu tun. Das ist verdammt wichtig. Deshalb noch einmal: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job. Lassen Sie sich bei Gelegenheit doch mal wieder in Hamburg blicken. In unserer Redaktion hängen keine Kreuze.

Mit herzlichen Grüßen,

Sönke Wiese