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Spanische Arbeitskräfte: Ins gelobte Deutsch-Land

Das krisengeplagte Spanien will unser duales Ausbildungssystem kopieren. Das kommt den Deutschen gerade recht. Sie rekrutieren bereits die besten iberischen Köpfe - Menschen wie Javier Gómez Puerta.

Von Daniel Bakir

Spanien schaut neidisch nach Deutschland: Während in dem südeuropäischen Land jeder zweite Jugendliche arbeitslos ist, ist es hierzulande noch nicht einmal jeder Zehnte. Wie machen die Deutschen das bloß? Einen wesentlichen Grund sehen Experten in dem dualen Ausbildungssystem, das in Deutschland Berufsschule und betriebliche Praxis verknüpft. Dieses Erfolgsmodell wollen die Spanier nun kopieren. Und die Deutschen wollen helfen. Darauf verständigten sich am Donnerstag Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und ihr spanischer Amtskollege José Ignacio Wert Ortega bei einer Ausbildungskonferenz in Stuttgart.

Die Minister unterzeichneten eine entsprechende Absichtserklärung, der bei einem Treffen im Herbst in Madrid weitere Schritte folgen sollen. Angedacht ist unter anderem, deutsche und spanische Unternehmen enger zu verzahnen, die Mobilität von Auszubildenden zu erleichtern sowie die Qualifizierung von Lehrern und Ausbildern zu verbessern.

Ganz uneigennützig ist das deutsche Angebot nicht. Viele heimische Unternehmen beklagen einen zunehmenden Fachkräftemangel. Junge Spanier, die nach deutschen Standards ausgebildet wurden, könnten diesen Mangel lindern. Welche Anziehungskraft der deutsche Arbeitsmarkt für die krisengeschüttelten Spanier entwickelt, lässt sich jetzt schon im Bereich der akademischen Fachkräfte, insbesondere der Ingenieure, beobachten.

Deutschland-Hype in Spanien

Seitdem die Krise über Spanien hereingebrochen ist, gibt es dort einen regelrechten Deutschland-Hype. Die Goethe-Institute in Madrid und Barcelona haben wegen der starken Nachfrage die Zahl ihrer Deutschkurse massiv ausgeweitet. Die Zentrale Auslandsvermittlung der Arbeitsagentur (ZAV) organisierte bereits im vergangenen Jahr in Madrid, Barcelona und Sevilla große Jobbörsen für Ingenieure, die eine Stelle in Deutschland suchen. In diesem Jahr sprach die ZAV unter anderem Absolventen in Valencia an. All dies schlägt sich langsam auch in handfesten Zahlen nieder: Das Statistische Bundesamt berichtet, dass die Zahl der Zuwanderer aus Spanien 2011 um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist – ein Plus von 7000 Personen.

Es sind Menschen wie Javier Gómez Puerta, die ihr Glück in Deutschland suchen. Der 35-jährige Elektrotechnik-Ingenieur aus Barcelona kam bereits 2010 nach Deutschland, als er merkte, dass sich die Lage in Spanien verschlechterte. Obwohl er seit einem früheren Studienaufenthalt beharrlich Deutsch gelernt hatte, dauerte es über ein Jahr bis er richtig in den Job einsteigen konnte. Zunächst besserte er die Sprache in einem Intensivkurs auf und jobbte als Barkeeper in einem Hamburger Bistro.

Bewerber werden eingeflogen

Ende 2011 fuhr er zu einer Jobmesse nach Stuttgart. Die dortige Arbeitsagentur hatte 100 spanische Ingenieure zu Bewerbungsgesprächen mit schwäbischen Mittelständlern eingeladen – die meisten Bewerber wurden extra aus Barcelona eingeflogen. Den ganzen Tag über beschnupperten sich Personaler und Interessenten. 33 von ihnen wurden eingestellt, davon 22 im Schwabenländle, 11 im Rest der Republik. Die Arbeitsagentur Villingen-Schwenningen hat die Aktion der Stuttgarter Ende Juni mit 95 spanischen Bau-, Software, Maschinenbau- und Elektroingenieuren wiederholt. Ebenfalls mit Erfolg: "Die Arbeitgeber waren von den Deutschkenntnissen und den Qualifikationen positiv überrascht. Die ersten Arbeitsverträge sind bereits unterzeichnet", berichtet Erika Faust, Leiterin der Arbeitsagentur.

Auch Javier Gómez Puerta hatte ein Angebot einer schwäbischen Firma vorliegen, entschied sich letztlich aber für Feige Filling in Bad Oldesloe, wo er nun die Steuerungstechnik für Abfüllanlagen entwickelt. "Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit hier", sagt er. Eine Rückkehr nach Spanien kann er sich derzeit nicht vorstellen. Bei der Hochzeit seines Cousins in Andalusien am vergangenen Wochenende wurde er schon als "der Deutsche" begrüßt. Und natürlich musste er Auskunft geben, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Jobchancen beurteilt. Solche Fragen erreichen ihn regelmäßig auch per E-Mail, erst diese Woche wieder von einer Freundin, die gerne nach Berlin will und nach seinem Rat fragte. "Ich habe ihr geschrieben: Es gibt hier Arbeit, aber sie muss unbedingt gut Deutsch lernen."

Daniel Bakir / print