HOME

Steinbrück legt 100-Tage-Programm vor: Ein Riff für die Gerechtigkeit

Peer Steinbrück legt sein 100-Tage-Programm vor und präsentiert sich vor der Hauptstadtpresse als Rock-'n'-Roller. Will er es ins Kanzleramt schaffen, muss er es beim TV-Duell krachen lassen.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Wahrscheinlich hat schon lange niemand mehr Boris Becker zitiert, um über die eigene Befindlichkeit zu dozieren. Peer Steinbrück hat das an diesem Donnerstag getan. Wichtig sei, hat er vor der Hauptstadtpresse in Berlin gesagt, vor allem "die mentale Aufstellung auf dem Platz". Und die, so der SPD-Kanzlerkandidat, sei bei ihm ganz prima: "Bei mir rockt es."

Steinbrück ist laut Eigendiagnose mittlerweile komplett eingetaucht in jenen langen Wahlkampftunnel, in dessen Mitte kein Platz mehr ist für Selbstzweifel, und an dessen fernem Ende das Kanzleramt leuchten soll. "Mit Kopf. Magensäure. Und Blutdruck". Er ist also angekommen in jenem Stadium von Autosuggestion, das für einen Wahlkämpfer auf den letzten Metern unabdingbar ist, ganz egal, wie schlecht die Umfragewerte auch sein mögen.

"Bei mir rockt es" – das hat man seit Joschka Fischers Abgang, der nach eigener Wahrnehmung der letzte Live-Rock-'n'-Roller der Politik war, lange nicht mehr gehört. Immerhin. Steinbrück kämpft. Das war auch schon mal anders.

Steinbrück will die Lead-Gitarre

Drei Tage hat der Kandidat noch, dann darf er sich im einzigen Fernsehduell mit Angela Merkel (Sonntag, 20.30 Uhr, ARD, ZDF, RTL, Pro Sieben) einem Millionenpublikum präsentieren. Für ihn, der in den Umfragen gegenwärtig weit hinterherhinkt, wird dies zum Schlüsselereignis werden müssen. Er wird, wenn er überhaupt noch eine Chance haben will, dort die Kanzlerin als die große Aussitzerin und sich selbst als den großen Gestalter darstellen müssen. Vor allem aber: Er wird ein Bild von einem Deutschland zeichnen müssen, in dem es unter seiner Regentschaft gerechter zugehen wird als das bisher der Fall ist. Das alles wird nicht ganz einfach sein.

Nun hat er ein Sofortprogramm vorgelegt, das eine SPD-geführte Bundesregierung in den ersten 100 Tagen nach der Wahl in Angriff nehmen soll. Es ist der Versuch, Trennschärfe einziehen zu lassen zwischen den beiden Volksparteien, die sich in der Wahrnehmung vieler Bürger eh kaum noch unterscheiden. Ein flächendeckender Mindestlohn, gleicher Lohn für Frauen und Männer sowie Equal Pay für Leiharbeiter gehören zu den Prioritäten Steinbrücks, hinzu kommen eine Rentenreform, die Abschaffung des Betreuungsgeldes sowie die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft. Auch die angestrebte Mietpreisbremse und der Kampf gegen Steuerbetrug sollen dafür sorgen, dass es in diesem Land gerechter zugeht.

Merkel würde mitspielen

Es ist wenig auf dieser Agenda, was die Mehrheit der Deutschen nicht als vernünftiges Ziel unterschreiben würde. Und wahrscheinlich ließe sich das meiste davon sogar ganz kommod in einer großen Koalition umsetzen – unter einer Kanzlerin Angela Merkel.

Peer Steinbrück aber hat das für sich ausgeschlossen. Er will, um im Bild zu bleiben, an die Lead-Gitarre. Will er auf die ganz große Bühne, dann muss er es am Sonntag schon mal richtig krachen lassen.