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stern exklusiv zum Fall el Masri: "Sind Sie Sam?"

Wer war der mysteriöse Geheimdienstmann "Sam"? War es ein Deutscher, der den von der CIA entführten Deutsch-Libanesen el Masri in Afghanistan verhörte? Münchner Staatsanwälte haben nun einen neuen Verdächtigen im Visier.

Es ist Samstag, kurz vor neun Uhr. Über dem Städtchen McLean nahe Washington strahlt die Sonne. In der CIA-Zentrale im Ortsteil Langley haben die meisten Mitarbeiter frei - auch Thomas V.. Der Geheimdienstmann steht vor dem zweistöckigen Haus, in dem er mit seiner Frau lebt. Der CIA-Mitarbeiter V. ist eher klein gewachsen, er trägt eine Baseball-Kappe, Jeans und einen hellbraunen Vollbart. Seine sehr hellen, blauen Augen fallen auf. "Ich spreche nicht mit Reportern", sagt er dem stern - und wundert sich, dass deutsche Journalisten seine Adresse herausgefunden haben. Im Internet.

Schlüsselfigur in deutsch-amerikanischem Geheimdienstkrimi

Trotz seines öffentlichen Schweigens ist V. hinter den Kulissen bereits zu einer Schlüsselfigur in einem deutsch-amerikanischen Geheimdienstkrimi avanciert. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht nach, dass er der ominöse "Sam" war, den Ermittler und Journalisten auf beiden Seiten des Atlantiks seit Monaten suchen: Jener perfekt Deutsch sprechende Mann, der im Frühjahr 2004 in Afghanistan angeblich viermal den von der CIA entführten deutschen Staatsbürger Khaled el Masri verhörte und ihn auf dem Rückweg nach Europa im Flugzeug begleitete.

Der Münchner Staatsanwalt Martin Hofmann, der seit 2004 wegen el Masris Verschleppung ermittelt, interpretiert Informationen des Bundesnachrichtendienstes (BND) als mögliche Hinweise auf den CIA-Mann. Auch für den kürzlich eingesetzten BND-Untersuchungsausschuss des Bundestags ist "Sams" wahre Identität von erheblicher Bedeutung. Ab dem 11. Mai wollen die elf Mitglieder des Gremiums die Verstrickung deutscher Dienste in illegale CIA-Aktivitäten untersuchen. Würde es sich bei "Sam" um einen CIA-Agenten handeln, würde dies die Deutschen entlasten - vom BND bis zur rot-grünen Bundesregierung.

Der CIA-Mann im Hamburger Konsulat

Bereits im Februar hatte die Bundesregierung die Hinweise des BND in einem streng vertraulichen Bericht an das Parlamentarische Kontrollgremium für die Geheimdienste des Bundestags (PKG) übermittelt. "Sam", hieß es, das könnte eventuell ein US-Bürger deutscher Abstammung sein, der im Jahr 2000 im US-Generalkonsulat in Hamburg gearbeitet habe (stern 11/2006, "Nur ein bisschen Krieg").

Zwar warnte der BND, die Hinweise auf den Hamburger US-Bürger seien nur "vage". Dennoch gibt es Indizien, die auf Thomas V. hindeuten: V. spricht praktisch akzentfrei Deutsch und arbeitete von 1999 bis 2002 als offizieller CIA-Resident im Generalkonsulat Hamburg. Damals war er nach Recherchen des stern öfter mit seinen deutschen Kollegen aneinander geraten. Er warf ihnen mangelnde Entschlossenheit bei der Terroristenjagd vor. Sie dagegen bezichtigten ihn, illegal auf deutschem Boden zu spionieren. Der Hamburger Verfassungsschutz drohte V. sogar damit, ihn wegen dieses Verdachts ausweisen zu lassen.

"Zu solchen Angelegenheiten sage ich nichts"

War V. also "Sam"? Auf die Frage, ob er in Afghanistan war und dort al Masri befragte, antwortete V . dem stern nicht: "Zu solchen Angelegenheiten sage ich nichts", beschied er die Reporter. Auch der Arbeitgeber des Geheimdienstmannes schweigt. Auf eine offizielle Anfrage des stern reagierte die CIA nicht. El Masri selbst dagegen sagte dem stern, die Beschreibung von Thomas V. "könnte schon passen". Auch "Sam" habe blaue Augen gehabt. Und auch "Sam" habe Schnurrbart und Kinnbart getragen. Allerdings war "Sam" laut al Masris Beschreibung eher größer als der relativ klein gewachsene Thomas V. - die Münchner Ermittler glauben jedoch, dass sich der Deutsch-Libanese bei dieser Einschätzung im Rückblick täuschen kann.

Hinweise auf einen deutschen "Sam"

Die Hinweise auf Thomas V. geben den Ermittlungen eine neue Wendung. El Masri selbst hatte sich eigentlich bereits auf einen anderen Verdächtigen festgelegt: Den deutschen Terrorfahnder Gerhard L. vom Bundeskriminalamt (BKA). Bei einer Gegenüberstellung bei der Polizei in Neu-Ulm am 22. Februar identifizierte der Deutsch-Libanese L. als möglichen "Sam". Für Staatsanwalt Hofmann scheidet der BKA-Mann jedoch mittlerweile als Verdächtiger aus: "Wir sind uns sicher, dass er nicht Sam ist", sagte Hofmann dem stern: "Diese Spur gilt für uns als abgearbeitet".

Für den Monat Mai des Jahres 2004, als "Sam" nach el Masris Angaben in Afghanistan war, ist nahezu durchgängig belegt, dass Gerhard L. sich in der Berliner BKA-Dienststelle aufhielt. Immer wieder buchte er sich im BKA-Computersystem ein, tauchte auf der Anwesenheitsliste des Amtes auf und wurde von Kollegen und anderen Zeugen gesehen. Auch am 27. Mai 2004, als "Sam" mit el Masri vom afghanischen Kabul ins mazedonische Skopje flog, war Gerhard L. nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft in Berlin.

Vorerst bleiben so nur zwei Männer, die im Verdacht stehen, hinter dem Decknamen "Sam" zu stecken: Der Mann aus dem Hamburger US-Konsulat und ein weiterer deutschstämmiger US-Bürger namens "Sam", den ein Dolmetscher des BND im Jahr 2001 im bosnischen Tuzla getroffen haben soll. Aufgrund der Beschreibung des Dolmetschers halten es die Ermittler sogar für möglich, dass es sich in beiden Fällen um eine Person gehandelt haben könnte: Thomas V..

Katja Gloger, Rainer Nübel, Oliver Schröm, Hans-Martin Tillack