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Stoibers Schicksalstage: Letzte Ausfahrt Geretsried

Der Wirtschaftsminister flieht, die JU droht mit Putsch, die Umfragewerte sind im Keller - der heutige Parteitag wird für den CSU-Chef alles andere als ein Spaziergang. In so einer Situation braucht Edmund Stoiber Freunde. stern.de hat einen besucht: Helmut Gänßbauer.

Von Florian Güßgen

"Dr. Stoiber - Anwalt der Bürger". Noch heute ist Helmut Gänßbauer stolz auf diesen Spruch. Das war doch was. Jeder wusste sofort, worum es ging: Doktor Stoiber, der Mann, der das Volk vertritt, der Mann, der für die Bayern streitet. "Dr. Stoiber - Anwalt der Bürger". 1978, im Landtags-Wahlkampf, ließ Gänßbauer den Schriftzug auf alle Plakate drucken, im Stimmkreis Bad Tölz-Wolfratshausen konnte keiner übersehen, was der junge Kandidat für einer war. Und der Spruch zog. Zwar forderten ein paar Wähler vom Anwalt Stoiber auch eine Rechtsberatung, berichtet Gänßbauer schmunzelnd, die meisten aber, die wählten ihn einfach. Mit überwältigender Mehrheit zog der CSU-Kandidat in den Landtag ein, nach 1974 schon zum zweiten Mal. Auch diesmal hatte Gänßbauer, der CSU-Ortsvorsitzende aus Geretsried, den Wahlkampf geleitet - und für Stoiber gewonnen.

Stoibers politisches Überleben ist gefährdet

Dr. Stoiber - Anwalt der Bürger? Mehr als dreißig Jahre ist es her, dass der damalige JU-Kreisvorsitzende Stoiber erstmals in das Münchner Maximilianeum einzog. Die Nähe zur Partei-Basis - seiner Basis! - hat er auf dem unaufhaltsamen Weg an die Spitze offenbar verloren. Heute scheint er weiter denn je entfernt von den Bürgern und, was schlimmer ist, von den einfachen CSU-Mitgliedern. Zu abgehoben, zu undurchschaubar, zu unglaubwürdig erscheint selbst hart gesottenen Stoiberisten der Entschluss, Berlin zu verschmähen und stattdessen nach München zu flüchten. In der vergangenen Woche rupfte ihn zuerst die eigene Landtagsfraktion, dann kündigte Wirtschaftsminister Otto Wiesheu an, zur Bahn zu wechseln - und am Wochenende kokettierte Bayerns JU-Chef Manfred Weber offen mit einem Putsch.

Zudem rasselten die Umfragewerte in den Keller, die CSU liegt derzeit unter 50 Prozent. Stoibers politisches Überleben ist gefährdet, seine Autorität steht in Frage. Am Montagnachmittag wartet schon der nächste Spießrutenlauf: In München stimmt ein kleiner CSU-Parteitag über den Koalitionsvertrag ab - und dem bayerischen Ministerpräsidenten droht eine weitere öffentliche Abrechnung.

Zufluchtsort Geretsried

Helmut Gänßbauer ficht das alles nicht an. Seitdem er 1974 Stoibers ersten Wahlkampf führte, weiß er, wo er steht. An seiner Loyalität zu Stoiber lässt er keine Zweifel aufkeimen. Zwar sind die Stoibers irgendwann von Geretsried in den schmuckeren Nachbarort Wolfratshausen gezogen, aber Gänßbauer hat sie dennoch nicht aus den Augen verloren: den Ministerpräsidenten, seine Gattin Karin, die Kinder. Man duzt sich. Immer noch. Man schreibt sich. Immer noch. Nach wie vor ist Stoiber zudem im Geretsrieder CSU-Orstverband gemeldet. Auch das schafft Verbindung - und private Einsichten.

"Das hat ihn geschockt"

Aber kann der Vertraute Stoibers Flucht aus Berlin verstehen? Kann er nachvollziehen, was so viele nicht nachvollziehen können? "Ich glaube: ja", sagt Gänßbauer. Der 74-Jährige mit dem weißen Oberlippenbart, der entfernt an Peter Ustinov erinnert, sitzt auf dem Sofa seines Reihenhauses. Er konzentriert sich, hin und wieder bläst er Pfeifenrauch in die Luft. Er habe mit Stoiber telefoniert, erst zwei Tagen sei das her, sagt er. Und Stoibers Erklärung habe ihm eingeleuchtet. "Ich habe ihn als Vollblutpolitiker kennen gelernt," beschreibt Gänßbauer den bayerischen Regierungs-Chef, "der sich nur dann für eine Position ausspricht, wenn er den Eindruck hat, dass er dort etwas bewirken kann." Und diesmal habe Stoiber eben das Gefühl gehabt, in Berlin nichts bewegen zu können, oder nicht genug. Selbst aus der Position des Wirtschaftsministers heraus.

"Der Frust ging schon los, als klar war, dass die CSU nur zwei Ministerien erhalten würde", sagt Gänßbauer. "Dann war da die Gaudi mit dem Kompetenz-Streit mit Annette Schavan." Da habe Merkel Stoiber genau in jenem Moment die Unterstützung versagt, in dem dieser sie dringend erwartet habe. "Das hat ihn wahrscheinlich geschockt", erklärt Gänßbauer.

"Die Familie ist nicht sehr traurig"

Und dann noch der Knatsch bei den Genossen. Das Personal-Karussell der SPD habe Stoiber abgeschreckt. Als Kanzlerin und Wirtschaftsminister würden die Chefs von CDU und CSU für die Regierungspolitik haften, habe Stoiber befürchtet, berichtet Gänßbauer. Matthias Platzeck jedoch, der neue SPD-Chef, müsse sich für die Grausamkeiten des Kabinetts nicht verantworten. Das habe Stoiber nicht gepasst. Dazu sei wohl gekommen, dass Stoibers Familie ohnehin nicht nach Berlin habe gehen wollen. Die Ehefrau, Karin, sicher, sie wäre mitgegangen, aber eher aus Pflichtgefühl denn aus Begeisterung ("Die hätte ihn da nicht alleine gelassen"). Aber die Kinder und die nunmehr drei Enkelkinder, sie alle wären in München und Umgebung geblieben, wo Sohn Dominic es mittlerweile zum JU-Kreisvorsitzenden gebracht hat. Auch das habe eine Rolle gespielt, so Gänßbauer. "Ich glaube, die Familie ist nicht sehr traurig über seine Entscheidung", sagt er.

"Das Tief spornt ihn an"

Für die Nöte der einfachen CSU-Mitglieder hat jedoch auch Gänßbauer Verständnis. "Vielleicht ist es für das normale CSU-Mitglied schwer, die Entscheidung zu verstehen", sagt der Mann, der in Geretsried 30 Jahre lang im Stadtrat saß, zwölf Jahre lang davon als zweiter Bürgermeister. Er zieht an seiner Pfeife. "Die CSU jedenfalls wird noch eine ganze Zeit daran zu knabbern haben." Auch er findet, dass der Partei-Chef sich in einer misslichen Lage befindet. Stoiber, so erwartet Gänßbauer, werde immer wieder in den Zwang kommen, seine Entscheidung zu erläutern. Aber er werde das schafften, auch wenn die Stimmung derzeit gegen ihn spreche. "So wie ich ihn kenne, kriegt er das wieder in den Griff", versichert Gänßbauer. Stoiber sei einfach nicht der Typ, der jetzt in Rente gehe.

Im Gegenteil. Dieses Tief, es sporne ihn an, befindet der Freund. Er wolle nicht mit dem Gefühl leben müssen, vom Hof gejagt worden zu sein. "Er will unter Beweis stellen, dass er als Ministerpräsident eine Rolle spielen kann, die die Union in Bayern wieder zu ihren alten Zahlen zurückbringt." 60,7 Prozent konnte die CSU bei der Landtagswahl 2003 erringen, bei der Bundestagswahl waren es schlappe 49,2 in einer Forsa-Umfrage in der vergangenen Woche dümpelte sie auf dem Niveau von 49 Prozent.

"Du hättest Dir den ganzen Ärger ersparen können"

Was würde er, der Pensionär, dem mächtigen Freund raten? "Stoiber wird sicher in den kommenden Monaten etwas für die Kommunikation tun müssen", sagt Gänßbauer - "auch für die Kommunikation mit der Landtagsfraktion. Er hat schon, da ist sicherlich etwas dran, etwas sehr, sehr selbstherrlich regiert und die Landtagsfraktion im Grunde nur als Akklamationsversammlung gebraucht." Das werde sich künftig ändern müssen. "Da wird er in Zukunft öfter präsent sein müssen", sagt Gänßbauer. Und wenn nicht, wenn die CSU-Freunde den Partei- und Regierungschef doch noch kippen und aus der Staatskanzlei jagen? Dann, so Gänßbauer, sei Stoiber in jedem Fall in Geretsried willkommen. Guten Rat hat er von dort offenbar schon in der Vergangenheit erhalten. "Ich habe ihm ja schon die ganze Zeit gesagt: 'Bleib' in München.' Wenn Du gefolgt hättest, hättest Du Dir den ganzen Ärger ersparen können."