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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Der Egotrip der Lokführer

Der Kerngedanke der Gewerkschaftsbewegung war mal Solidarität. Die GdL hält sich an die Devise: Jeder streikt für sich allein. Gewerkschaftschef Claus Weselsky überdreht völlig.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Wut der Zurückgelassenen: Die GDL will streiken

Wut der Zurückgelassenen: Die GDL will streiken

So, jetzt erzählt Oppa erst mal ein bisschen was von vorm Krieg. Es gab nämlich mal 'ne Zeit, da war Lokführer ein richtig geiler und begehrter Beruf, so eine Art Youtube-Star der industriellen Antike, jeder echte Junge wollte mindestens einmal im Leben eine Bahn bewegen. Man kam rum, plauderte rußgeschwärzt ein wenig mit dem Heizer, hatte jede Menge Hebel und Kurbeln zu betätigen, ein flotte Mütze auf dem Kopf und in jedem Bahnhof eine Braut, naja, zumindest eine Menge Bewunderer.

Lokführer war was. Man sollte sich das kurz in Erinnerung rufen in einer Zeit, da Lokführer offiziell Triebfahrzeugführer genannt werden, die auf ihren Fahrten hauptsächlich damit beschäftigt sind, alle 30 Sekunden auf den Totmannknopf zu drücken, um damit zu signalisieren, dass sie noch am Leben sind. Oder wenigstens wach genug, um planmäßig in Wolfsburg zu halten, so schwer das fallen mag. Die Zahl ihrer Bewunderer hält sich schon lange in Grenzen, und sie dürfte im Laufe der nächsten Tage ins Bodenlose fallen. Dann nämlich, wenn die Lokführer das tun, worauf gerade alle Signale gestellt sind: streiken. Die Wut der an der Bahnsteigkante Zurückgelassenen ist ihnen gewiss.

Bahnkunden in Geiselhaft

Um keine Missverständnisse zu produzieren: Dieser Streik ist das gute Recht der Lokführer. Das Streikrecht gehört zu den wichtigsten Errungenschaften freier Gesellschaften. Streiken muss auch weh tun. Ein Streik, der ein Unternehmen nicht trifft, taugt nichts und verfehlt seinen Zweck. So weit, so richtig, so gut.

Den Streik, den die Gewerkschaft der Lokführer (GdL) gerade anstrebt, allerdings mag, kann, will man beim besten Willen nicht verstehen. Denn GdL-Chef Claus Weselsky nimmt die Bahnkunden als Geisel für Ziele, die mit dem ursprünglichen Gedanken eines Arbeitskampfes nur noch vordergründig zu tun haben. Dem machtbewussten Boss der 34.000 Mitglieder zählenden Minigewerkschaft, die außerhalb des DGB agiert, geht es gar nicht so sehr um die fünf Prozent mehr Lohn und eine um zwei Stunden reduzierte Wochenarbeitszeit. Ihm geht es vor allem darum, seine Einflusssphäre zu vergrößern - und auch für die Schaffner und das übrige Bahnpersonal zu verhandeln, die größtenteils in der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft organisiert sind.

Jeder streikt für sich allein

Die EVG zählt ungefähr sechs Mal so viele Mitglieder wie die Lokführergewerkschaft, ist dem DGB angeschlossen und in den Augen Weselskys eine "handzahme Hausgewerkschaft". In der Tat kann die EVG nicht mal eben alle Räder still stehen lassen. Denn diejenigen, die das können, haben sich ja separat zusammengeschlossen - in der Eliteorganisation GdL. Es fällt einem schon schwer, bei der Interessenvertretung der Lokführer von Gewerkschaft zu reden. Denn Kerngedanke der Gewerkschaftsbewegung war mal Solidarität. Bei der GdL gilt dagegen das Motto: Jeder streikt für sich allein. Da sind die Eisenbahner den deutlich besser bezahlten, aber ihre Machtposition genauso gerne ausnutzenden Piloten sehr ähnlich.

GdL-Chef Weselsky haut ohnehin gerne auf die ganz dicke Pauke - und dabei oft schwer daneben. "Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus", sagte er mal über seine Gewerkschaftskonkurrenz EVG und die Bahn. Seine aktuelle Drohung, seine Truppe werde "durchstreiken bis zum Ende" hat einen üblen Beiklang von Sportpalast. Der Mann rufe zum "Heiligen Krieg auf, nur um sein Ego zu stärken" hat jüngst ein Mann gesagt, der es beurteilen können muss: Weselskys Vorgänger Manfred Schell. Dschihad auf Schienen.

Schön blöd

Die deutschen Gewerkschaften hat immer ausgezeichnet - und lange auch stark gemacht -, dass sie neben den Interessen ihrer Mitglieder stets auch das große Ganze im Blick hatten. Von dieser Linie des rheinischen Kapitalismus verabschiedet sich Weselsky. Er nimmt billigend in Kauf, dass die ohnehin nicht wahnsinnig beliebte Bahn weiter Schaden nimmt und durch die Streiks noch mehr Kunden an die neue Konkurrenz der Fernbusse verliert. In der Konsequenz kann das heißen: Die GdL streikt ihre eigenen Arbeitsplätze weg. Schön blöd. Noch blöder allerdings, dass der Lok-Anführer damit vermutlich genau das erreicht, was er eigentlich verhindern will: dass der Bundestag ein Gesetz zur Tarifeinheit verabschiedet. Damit dürfte dann nur noch die größte in einem Unternehmen vertretene Gewerkschaft Verhandlungen führen. Das wäre vermutlich das Ende der mächtigen GdL. Es geschähe ihr Recht.

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