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Studie zur Integration junger Muslime Das Misstrauen wächst auf beiden Seiten


Eine neue Studie des Innenministeriums sorgt für Diskussionen. Die Zahl nicht integrationswilliger Muslime in Deutschland sei erschreckend. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Von Manuela Pfohl

Rund 60 Bewerbungen hatte Mohamed nach dem Realschulabschluss geschrieben. Seine Zeugnisse waren gut. Also muss es doch klappen mit einem Ausbildungsplatz, dachte er. Irgendwo, irgendwas, ganz egal. Doch es hat nicht geklappt. Sieben Jahre ist das jetzt her. Mohamed ist inzwischen 25. Er hat mal hier und mal da gejobbt, so lange gespart, bis er sich einen eigenen kleinen Laden in seinem Berliner Viertel leisten konnte. Eine Sushibar, die sogar ganz gut lief, bis eine deutsche Nachbarin ihn bei den Behörden anschwärzte. Ein junger Mann, ein Araber noch dazu, könne doch unmöglich mit einem Miniladen soviel verdienen, dass er sich ein neues Auto leisten kann. Und dann stand irgendwann die Polizei vor der Tür. Hausdurchsuchung. Es war zwar alles in Ordnung, das hat die Behörde sogar schriftlich bestätigt. Und doch war es sein Ruin.

Erst sagte ein Lieferant ab, dann blieben die Kunden aus. Wer wollte schon in den Verdacht geraten, irgendwie in Verbindung mit krummen Geschäften, und schlimmer noch, Islamisten, zu stehen. Da konnte der junge Libanese, der 1990 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war, reden soviel er wollte.

Wenn Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich über die Integration junger Muslime spricht, dann spricht er auch von Jungen, wie Mohamed, die hier aufgewachsen sind, die sich als Teil dieser Gesellschaft sehen und doch nicht als solcher akzeptiert werden. Ein sozialpolitisches Problem, das sich mit der jüngsten Studie des Bundesinnenministeriums weiter verschärfen dürfte.

Zahlenkrieg um die innere Sicherheit Deutschlands

Denn in der Studie "Lebenswelten junger Muslime" heißt es zwar, 78 Prozent der Befragten im Alter zwischen 14 und 32 Jahren seien zur Integration bereit, und nur 22 Prozent betonten eher die eigene Herkunftskultur. Beim Bundesinnenminister scheint das als Erfolg aber nicht anzukommen. Seine Interpretation der Studie ist eine andere. Der CSU-Politiker weist darauf hin, dass sich viele in Deutschland lebende, nichtdeutsche Muslime einer Integration verweigern. Sie könnten als streng religiös bezeichnet werden, "mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz".

Laut Studie befürworteten bei den nichtdeutschen Muslimen nur eine knappe Mehrheit, nämlich 52 Prozent, die Integration in die deutsche Gesellschaft, während 48 Prozent "starke Separationsneigungen" zeigten. Friedrich sieht damit die innere Sicherheit der Bundesrepublik in Gefahr und poltert: "Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben."

Hayyat geht jetzt oft in die Moschee

Meint er damit auch Mädchen wie Hayyat? Die 23-jährige Berlinerin hatte nach dem Fachabitur unzählige Bewerbungen geschrieben und schließlich eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht. Mit Bestnoten. Sie engagierte sich in ihrer Freizeit in dutzenden sozialen Initiativen. Und doch bekam sie keinen Job. "Was stimmt denn nicht mit mir", hat sie irgendwann einen Personalleiter gefragt. "Ihr Kopftuch", hatte der geantwortet. Hayyat legte daraufhin das Kopftuch ab, bekam den Job. Alles gut?

Irgendwann hat die junge Frau sich aus den meisten Freizeitaktivitäten mit ihren deutschen Freundinnen zurückgezogen und entwickelte stattdessen das, was die Studie "Separationsneigungen" nennt. Sie geht nun in die Moschee. Denn dort kann sie ihr Tuch tragen, muss sich nicht für ihren Glauben rechtfertigen und auch nicht ständig ihre Loyalität gegenüber der Gesellschaft versichern. Die Frauengruppe, die sich regelmäßig in der Moschee trifft, wird immer größer, sie versucht ihre Sorgen und ihren Ärger mit Gebeten zu bekämpfen. Der gesellschaftliche Abstand zu den nichtmuslimischen Freundinnen wird größer. Man geht sich aus dem Weg, um seine Ruhe zu haben.

Ein Prozess wachsender Religiosität, den viele Muslime kennen und auch die an der Studie beteiligten Forscher der Universitäten Jena und Bremen sowie weiterer Forschungsinstitute sehen. Allerdings: Zu dieser Gruppe wurden lediglich 15 Prozent der jungen deutschen Muslime und 24 Prozent der nichtdeutschen gerechnet. Fazit der Wissenschaftler: "Es gibt nicht eine muslimische Lebenswelt in Deutschland, sondern zahlreiche ambivalente." Eine Mehrheit der Muslime distanziere sich deutlich von islamistischem Terrorismus, erlebe aber umgekehrt eine Pauschalverurteilung von Muslimen als Terroristen. Die Rede ist hier von einer zumindest subjektiv wahrgenommenen "gruppenbezogenen Diskriminierung".

Angst vor immer neuen Verdächtigungen

Marouane hat genau das erlebt. Als man den in München lebenden 26-Jährigen im Jahr 2009 vorsorglich festnahm, wurde das damit begründet, dass der strenggläubige Muslim in ein "islamistisch, extremistisch-terroristisches Personenspektrum" eingebunden sei, das die damaligen Al-Kaida-Drohvideos zum Anlass nehmen könnte, um aktiv zu werden. Als Beleg dafür diente, dass der Student Monate vorher in einer Moschee einen einmaligen Kontakt zu einer Person hatte, die irgendwann im Jahr 2003 einmal Kontakte zu Bekkay Harrach hatte, jenem Islamisten, der per Video zum Dschihad gegen Deutschland aufgerufen hatte. Für Marouane hätte die Festnahme um ein Haar die Ausweisung aus Deutschland zur Folge gehabt. Dass er wenig später juristisch von allen Vorwürfen entlastet wurde, nutzte ihm wenig. "Ich weiß ja nie, wann ich wieder verdächtigt werde, ohne dass ich was getan habe."

Warum der Bundesinnenminister das ignoriert und stattdessen weiter poltert: "Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten", ist kaum nachvollziehbar. Auch für Teile der Opposition nicht.

Provokation und kulturelle Abgrenzung

"Ich muss mich schon wundern, dass das Bundesinnenministerium erneut Steuergelder darauf verwendet, eine Studie zu finanzieren, die Schlagzeilen produziert, aber keinerlei Erkenntnisse", sagte der FDP-Integrationsexperte Serkan Tören der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch gehe es bei jungen Gewalttätern um "soziale Fragen und nicht um religiöse". Das religiöse Bekenntnis sei vielfach "eine leere Hülle", die auch mit "Provokation und kultureller Abgrenzung" zu tun habe. "Wer Muslime nur unter ihrem Nutzen der Gefahrenabwehr bemisst und sonst nicht müde wird, ihnen zu erklären, dass der Islam nicht Teil unserer Gesellschaft ist, darf sich darüber nicht wundern, wenn dies zu Abwehrhaltungen führt", erklärt Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck. Zuvor hatte bereits die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz den methodischen Ansatz der Studie kritisiert.

Dass der Bundesinnenminister bei der offiziellen Vorstellung der Studienergebnisse am Donnerstag sagt, der Generalverdacht des Islamismus sei ungerecht und etwas, "wo wir dagegen arbeiten müssen - auch in der öffentlichen Darstellung", dürften ihm viele Muslime angesichts ihrer Lebenswirklichkeit kaum als ehrliche Einsicht abnehmen.


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