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Terrorprozess: Die Geständnisse der Sauerland-Bomber

Im Prozess gegen die Mitglieder der "Sauerland-Zelle" werden heute die Geständnisse verlesen. Nach stern.de-Informationen beschreiben diese das islamistische Terror-Netzwerk ebenso detailliert wie die Verwandlung westlich orientierter junger Männer in gewaltbereite Glaubenskrieger.

Von Martin Knobbe

Tagelang saßen sie mit Beamten des Bundeskriminalamtes in den Justizvollzugsanstalten zusammen und haben geredet, oft von morgens um neun bis spät in den Abend. Die Geständnisse der vier Angeklagten im so genannten "Sauerland Prozess" umfassen über 1100 Seiten.

Und während sie ihre Lebensgeschichten erzählten, haben sich ihre Verteidiger mit den Bundesanwälten zusammengesetzt und bereits den möglichen Strafrahmen diskutiert. Juristisch gesehen ist der größte Terrorprozess nach der Ära der "Roten Armee Fraktion" deshalb weitgehend gelaufen, bevor er überhaupt wieder richtig begonnen hat.

Wenn nun am Montag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf nach einer wochenlangen Verhandlungspause das erste Geständnis verlesen wird, bleibt es trotzdem spannend. Noch nie haben Angeklagte so detailreich über das Netzwerk islamistischen Terrors berichtet. Und noch nie wurde so klar, wie schnell aus jungen, westlich orientierten Männern gewaltbereite Glaubenskrieger werden konnten.

Den Islam mit Waffen verteidigen

Er sei irgendwann zur Überzeugung gelangt, dass die Amerikaner einen Krieg gegen den Islam führten, sagte der 29-jährige Fritz Gelowicz nach Informationen von stern.de in seinem Geständnis aus. Artikel über Guantanamo, über die Unterdrückung der Palästinenser und den Irak-Krieg hätten ihn dazu gebracht, den Islam mit Waffen verteidigen zu wollen.

Als schließlich einer seiner Glaubensbrüder für Wochen verschwunden war und nach seiner Rückkehr erzählte, er sei von amerikanischen Geheimagenten entführt und gefoltert worden, habe das den letzten Ausschlag gegeben: Fritz Gelowicz, der mit 15 Jahren zum Islam konvertierte, betete in Ulm in der selben Moschee wie Khaled el-Masri, das Entführungsopfer der CIA.

Bombenbau im Wochenendhaus

Doch anders als ursprünglich geplant, landeten Gelowicz und die anderen Angeklagten schließlich nicht im Dschihad in Tschetschenien oder im Irak, sondern in einem schlichten Ferienhaus im Hochsauerland. Sie kochten gerade Wasserstoffperoxid auf, das sie mit Weizenmehl zu Sprengstoff vermischen wollten, als sie die Polizei am 4. September 2007 festnahm.

Der Plan, in Deutschland ein großes Attentat zu verüben, war in einem Terrorcamp im pakistanischen Waziristan entstanden. Dort lernten die Dschihadanwärter aus Deutschland die Grundlagen terroristischer Anschlagsplanung: Eigenschaften von verschiedenen Sprengstoffen wie TNT, Dynamit, C4 oder Hexogen, Bauen und Verlegen von Sprengfallen, Fernzünden mit einem Funkgerät oder das Verhalten in einem Folterverhör.

Am Ende, so sagten die Angeklagten nun aus, habe der Anführer im Lager, ein Mann, der sich "Suleyman" nannte, gesagt, es sei viel leichter, Amerikaner in Deutschland anzugreifen als in Pakistan. Denn in Deutschland würden sie sich in ihrer Freizeit auch mal außerhalb ihrer Kasernen aufhalten.

Beinflussbar und unsicher

Die Geständnisse offenbaren aber auch, wie beeinflussbar und unsicher die jungen Männer tatsächlich waren. Sie hätten im Camp sehr viele Fehler gemacht, sagte Fritz Gelowicz. Am Ende hätten sie sich gar nicht zugetraut, einen solchen Anschlag durchzuführen. Doch hätten sie keine Alternative gesehen.

Auch bei der Beschaffung der 26 Sprengzünder für die geplanten Bomben waren die vier auf Hilfe eines erfahrenen Mannes angewiesen: Mevlüt K., ein 30-jähriger Türke, der lange in Deutschland lebte, ist der fünfte Mann der "Sauerland Gruppe". Ohne ihn wären es nicht gelungen, die Zünder zu beschaffen, bestätigten die Ermittler des Bundeskriminalamtes das, was auch die Angeklagten in ihren Geständnissen aussagten.

Steuerte ein V-Mann die Planung

Mevlüt K., gegen den die Bundesanwälte in diesen Tagen Haftbefehl beantragen werden, könnte für die einzige Überraschung im Düsseldorfer Prozess sorgen. Denn nach Informationen von stern und Spiegel, ist Mevlüt K. seit vielen Jahren ein V-Mann des türkischen Geheimdienstes MIT mit guten Kontakten zur CIA.

Hat ein vom Staat finanzierter Agent die Anschlagsplanung der "Sauerland Gruppe" maßgeblich mit gesteuert? Diese Frage könnte relevant werden, wenn die Richter darüber entscheiden müssen, welcher tatsächliche Tatbeitrag den jeweiligen Angeklagten zuzuschreiben ist.