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Hans-Martin Tillack: G36: Kein scharfer Schuss, eher Geballer

Weil sich in dieser Sache ballistische Metaphern einfach aufdrängen, könnte man von Streufeuer sprechen. Es war jedenfalls kein gezielter Schuss, mit dem der Waffenhersteller Heckler & Koch (H&K) am Mittwoch Abend auf unseren jüngsten Bericht zu dem umstrittenen Gewehr G36 reagierte. Es wirkte eher ein bisschen so, als wolle da jemand in die Landschaft ballern, um möglichst viele Leute zu erschrecken (Schussmetaphorik Ende).

Aber eins nach dem anderen: Der stern hatte am Mittwoch Erkenntnisse aus einem geheimen Bericht des Bundesrechnungshofs publik gemacht. Demnach hatte das Referat „Ermittlungen in Sonderfällen“ des Verteidigungsministeriums bereits im Januar 2011 die Behördenspitze über anonyme Warnungen vor der angeblich mangelnden Treffsicherheit von erhitzten Gewehren des Typs G36 gewarnt. Das ist das Standardgewehr der Bundeswehr, hergestellt von H&K. Die Ermittler erwähnten auch Vorwürfe über angebliche Manipulationen bei Tests mit der Waffe. Im stern, der gestern erschien, zitieren wir überdies Hinweise auf Merkwürdigkeiten, die laut Rechnungshof vom Wehrwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr stammen. In der Kunststoffmischung der Gehäuse der Seriengewehre ließ sich demnach der Zusatzstoff Polyethylen nachweisen. Er könne die Verformung der Waffe befördern. Das von der Firma gelieferte Vorzeigemodell, der sogenannte Abnahmedemonstrator aus dem Jahr 1993, habe dagegen noch kein Polyethylen enthalten.

Warum diese Beimischung stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht. H&K wollte vergangene Woche Fragen des stern nicht beantworten. Das Unternehmen verwies lediglich auf seine bisherigen allgemeinen Erklärungen, in denen H&K Vorwürfe wegen mangelnder Treffsicherheit zurückgewiesen hatte.

Sicher ist: Polyethylen kostet weniger als der Werkstoff Polyamid, aus dem das Gewehrgehäuse - verstärkt mit Glasfasern - ansonsten besteht. Viele andere Medien griffen am Mittwoch unsere Vorabmeldung auf – und relativ spät am Abend meldete sich dann die Pressestelle von H&K mit einer Stellungnahme. Die Firma habe darin die Vorwürfe zurückgewiesen, schrieben einige. Die Firma habe die Vorwürfe "scharf zurückgewiesen", behauptete sogar die vornehme NZZ. Aber das stimmt nicht. Scharf war nur der Ton. Es handelte sich um ein klassisches Scheindementi. Die Firma bestritt Vorwürfe, die der stern gar nicht erhoben hatte.

H&K dementierte zum Beispiel nicht, dass der Kunststoffmischung Polyethylen beigegeben wurde. Stattdessen beteuerte das Unternehmen, dass die „Werkstoffkonfiguration“ in „enger Abstimmung mit der Bundeswehr“ vorgenommen wurde. Das hatte der stern überhaupt nicht bestritten. Gut möglich, dass man das Polyethylen in Absprache mit der Bundeswehr beigemischt hatte. Ein Waffenexperte, mit dem ich jetzt sprach, hatte gleich eine Idee, was dahinter stecken könnte – H&K hat Fragen dazu bisher nicht beantwortet.

Nur: Aus Sicht des Wehrwissenschaftlichen Instituts war der neue Materialmix offenbar keine gute Idee. Denn, so paraphrasiert es der Rechnungshof, die Beimischungen von Polyethylen seien „für das Wärmeverhalten der Gewehre G36 zwar nicht allein ursächlich, würden die negativen Effekte jedoch verstärken“.

Auch dazu äußerte sich Heckler & Koch in der Erklärung vom Mittwoch nicht. Dafür drohte die im württembergischen Oberndorf ansässige Firma mit rechtlichen Schritten und Schadenersatzforderungen – aber nicht gegenüber dem stern, sondern gegenüber ungenannten „Verantwortlichen“, die „in jedem Fall widerrechtlicher Veröffentlichungen“ dafür geradestehen müssten.

Aber das weiß man als Journalist ohnehin.

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