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Hans-Martin Tillack: Wie ich als West-Reporter in Ost-Berlin den Mauerfall verpasste

Leser dieses Blogs haben mir gelegentlich vorgehalten, ich würde hier immer nur über journalistische Erfolge schreiben. Aus aktuellem Anlass darum heute die Geschichte, wie ich an historischer Stelle ein historisches Ereignis verpasste. Die Rede ist vom Mauerfall am 9. November 1989.

Eigentlich war ich damals auf die kommenden Ereignisse gut vorbereitet. Dass die DDR-Grenzen bald sehr viel durchlässiger werden würden, konnte in jenen Tagen – anders als heute gelegentlich behauptet wird – jeder wissen. Ich selbst hatte am 4. November 1989 in der taz, für die ich als 27 Jahre junger Berlin-Redakteur arbeitete, über die Verhandlungen geschrieben, die der Senat von West-Berlin mit den DDR-Stellen wegen der erwarteten neuen Reiseregelung führte.

Den Regierenden in West-Berlin ging es um die möglichst geglückte organisatorische Abwicklung des erwarteten Besucheransturms aus dem Umland. Ich vermeldete damals in der taz bis dahin unbekannte Überlegungen des Senats, mit Anzeigen im „Neuen Deutschland“ und anderen ostdeutscher Zeitungen dafür zu werben, den Trabi vor der West-Berliner Stadtgrenze stehen zu lassen und stattdessen die S-Bahn zu nehmen.

Aber zu wissen, dass sich etwas Fundamentales ändern wird, ist etwas anderes als es zu begreifen. Die Mauer war damals Normalität. Sie war relativ durchlässig für West-Berliner, sie war undurchdringlich für die meisten Menschen auf der anderen Seite – aber so waren wir es alle gewohnt.

Natürlich war vieles nicht mehr normal in diesen Herbsttagen im Jahr 1989. Am 4. November 1989 besuchte ich zusammen mit Kollegen die Großdemonstration auf dem Alexanderplatz – ein unerhörtes Ereignis, das den Sturz des SED-Regimes mit einleitete. Und fünf Tage später, am 9. November 1989, war ich erneut in Ost-Berlin, im Ortsteil Friedrichsfelde.

In der dortigen evangelischen Kirchengemeinde trafen sich an diesem Abend nämlich Mitglieder der Umweltorganisation Arche, die die Gründung der Grünen Partei der DDR vorbereiteten. Diese Parteigründung war jedenfalls das Thema, über das ich in Friedrichsfelde länger mit einigen der Initiatoren sprach. Unter den Teilnehmern der Runde war Carlo Jordan, der Gründer der berühmten Umweltbibliothek und später Sprecher der Grünen am Zentralen Runden Tisch der DDR. Ebenfalls mir gegenüber saß Andreas Schulze. Nach verschiedenen Stationen bei den nun gesamtdeutschen Grünen arbeitet er heute für Joachim Gauck im Bundespräsidialamt.

Carlo Jordan und Andreas Schulze erinnern sich genauso wie ich gut daran, wie irgendwann an diesem Abend des 9. November 1989 ein Mann in unser Gespräch platzte. Es war Gottfried Gartenschläger, damals der Pfarrer der Kirchengemeinde von Friedrichsfelde (später wurde er als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt, aber das tut hier nichts zur Sache). Günter Schabowski aus dem ZK der SED sei eben im Fernsehen gewesen, rief Gartenschläger uns ziemlich aufgeregt zu. Er habe angekündigt, dass jeder ab heute Abend die Grenze zu West-Berlin überqueren dürfe! Nach meiner Erinnerung fiel der Name des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße.

Man muss es so hart sagen: Keiner nahm Gartenschläger ernst. „So ein Quark!“ soll einer in unserer Runde geantwortet haben. Jedenfalls schrieb das später die Autorin Doris Wiesenbach in einer literarisch verfremdeten Nacherzählung der Szene.

Wir redeten also weiter über die bevorstehende Parteigründung. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich am Ende des Gesprächs einen Teilnehmer versuchte zu überreden, mit mir zur Heinrich-Heine Straße zu fahren und uns die Sache anzugucken. Der Mann - ich glaube er war bei der Organisation "Demokratie jetzt" aktiv - fotografierte damals öfter für die taz. Aber an diesem Abend hatte er für die taz keine Zeit. Er sei mit seiner Freundin verabredet, beschied er mich; das habe Vorrang.

Jetzt gab auch ich es auf, setzte mich in die U-Bahn und fuhr zurück zum Grenzübergang im Bahnhof Friedrichstraße. Irgendetwas Auffälliges bemerkte ich dort nicht. Alles schien normal.

Das änderte sich erst, als ich einige Zeit später in meiner damaligen Wohngemeinschaft nahe dem Kottbusser Damm im West-Berliner Bezirk Neukölln ankam. Dort traf ich auf meine Wohnis, wie man das im lokalen Slang nannte. Sie saßen vor dem Fernseher – und schauten Mauerfall.

Mit einer von ihnen bin ich dann zum Moritzplatz gefahren, auf der westlichen (oder eigentlich südlichen) Seite des Übergangs Heinrich-Heine-Straße.

Es war dann doch noch ein bewegendes Erlebnis.

Hans-Martin Tillack können Sie auf Twitter folgen unter: @hmtillack