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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Tschüss, BRD!

Ganz Deutschland feiert den Fall der Mauer vor 25 Jahren. Doch 1989 ging nicht nur die DDR unter - sondern auch die westdeutsche Bundesrepublik. Ein sentimentaler Nachruf auf ein putziges Land.

Von Tilman Gerwien

Katholisch. Pfälzisch. Verlässlich. Glaubten wir. Helmut Kohl, scheinbar ewiger Kanzler der BRD

Katholisch. Pfälzisch. Verlässlich. Glaubten wir. Helmut Kohl, scheinbar ewiger Kanzler der BRD

Ganz großes Staatstheater in diesen Tagen: Feuerwerke und Sinfoniekonzerte, getragene Reden, im Fernsehen eine Doku nach der anderen, und immer wieder das Wort "Waaaaahnsinn!". Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Das Land feiert das Jubiläum als eigentliche Geburtsstunde des neuen, vereinten Deutschlands. Überall Tränen und Tremolo.

Darf ich, ein gebürtiger Westdeutscher, dazwischen einen kleinen, harmlosen Beitrag aus anderer Perspektive platzieren? Denn mit dem Zusammenbruch der DDR, mit Mauerfall und Deutscher Einheit, verschwand ja auch ein anderes Land. Die Bundesrepublik Deutschland, von der "Aktuellen Kamera" im DDR-Fernsehen gerne "BRD" genannt - ein handtuchschmaler Gebietsstreifen auf der Westseite der Demarkationslinie. Es ist das Land, in dem ich groß geworden bin. Es ist mir vor 25 Jahren irgendwie abhanden gekommen. Ich habe es gar nicht richtig gemerkt. Aber in diesen Tagen muss ich manchmal an dieses längst untergegangene Gebilde denken. Es mein "Vaterland" zu nennen, wäre völlig unangemessen und geradezu kurios. Schon das sagt ja einiges.

Die "BRD" - es war ein kleines Land, fett nur in seinem Reichtum, ansonsten eher harmlos, ein bisschen langweilig und irgendwie, das Wort trifft es am besten: putzig. Die (provisorische) Hauptstadt: ein kleines Städtchen am Rhein, das sich auch als Kurort gut geeignet hätte. Die Regierungsgebäude in Bonn: eine Ansammlung von harmloser Sparkassen-Architektur. Im Bundestag hatten die Innenarchitekten für bunt-fröhliche Kita-Atmosphäre gesorgt. Diese BRD, das zeigte schon ihre Außendarstellung wollte niemandem wehtun und an die Welt keine großen Ansprüche stellen.

Die DDR war unendlich weit weg

Überhaupt herrschte eine gewisse Selbstgenügsamkeit: Kein Mensch wusste, was ein "Latte Macchiato" ist und das "draußen gibt’s nur Kännchen" der Kellner wurde klaglos akzeptiert. Die Läden schlossen unerbittlich um 18.30 Uhr, ein "Walkman" galt als echtes High-Tech-Gerät, Handys gab es nicht. Ach, wie viele Liebesdramen haben sich eigentlich abgespielt, weil man der Angebeteten im richtigen Moment das so Wichtige nicht sagen konnte - weil das Kleingeld für die Telefonzelle fehlte? Im Fernsehen gab es drei Programme zur Auswahl, spätestens um 24 Uhr schickte einen der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit dem Testbild ins Bett. An den Kioskbuden kostete das "Nogger" verlässlich eine D-Mark, überall hingen "Langnese"-Fahnen. Ich meine natürlich die alten, also die richtigen, die mit den vertikalen rot-weißen Streifen und dem hellblauen Kreis. Als Langnese sich vor ein paar Jahren vom alten Logo trennte und es durch ein dahingehauchtes Herz ersetzte - da erst starb für mich wirklich die BRD.

Über allem thronte für eine halbe Ewigkeit der dicke, gemütliche Helmut Kohl. Katholisch. Pfälzisch. Verlässlich. Die Rente war sicher, das glaubten wirklich alle. Wie überhaupt alle glaubten, dass dieses kleine Land, das von der Weltgeschichte nicht viel wollte und sich aus allen internationalen Konflikten fein raushielt, ewig bestehen würde, weil die DDR ewig bestehen würde. Diese DDR war unendlich weit weg, es gehört zur Wahrheit, dass die Masse der BRD-Bürger sich für dieses merkwürdige Land mit seinen merkwürdigen Autos (waren "Trabis" überhaupt Autos?) und seinem merkwürdig-verklemmten Brillenträger-Männchen an der Spitze nicht groß interessierte. San Francisco war uns näher als Suhl. Der kalte Krieger Gerhard Löwenthal galt mit seinem "ZDF-Magazin", in dem er regelmäßig "Hilferufe von drüben" verbreitete, als anachronistisch-kuriose Figur.

Dann fiel die Mauer. Und Menschen tauchten auf, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gegeben hatte: Mit merkwürdigen Jeans und merkwürdigen Dialekten und deutsch-deutschen Träumen, von denen wir nichts geahnt hatten, vielleicht auch nichts hatten ahnen wollen, all die Jahre nicht.

Deutschland ist protestantischer geworden

Die Regierung sitzt längst in Berlin, der mächtige Kubus des Kanzleramtes verbreitet alles, nur nicht fröhlich-bunte Kita-Atmosphäre. Deutschland ist groß und mächtig geworden und ein Ostdeutscher ist Bundespräsident, eine Ostdeutsche Kanzlerin. Die barocke Lebensfreude eines Helmut Kohl strahlen beide nicht aus, undenkbar, dass eine Angela Merkel ihre Staatsgäste zu schweren Gelagen bei Riesling und Saumagen in ein Etablissement wie den "Deidesheimer Hof" einladen würde. Ein protestantischer Ernst hat sich breit gemacht, der neuen krisenhaften Welt durchaus angemessen und folgerichtig herleitbar aus den Biographien: Joachim Gauck war evangelischer Pfarrer, Merkel ist Tochter aus lutheranischem Pfarrhaus.

Deutschland ist mächtiger, protestantischer, ernster und östlicher geworden. An die BRD, dieses längst untergegangene, etwas langweilige Land, in dem es ganz gemütlich und manchmal auch recht lustig war, denkt keiner mehr. Das ist nicht schlimm, alles hat seine Zeit. Vielleicht ist es auch ganz gut, wenn jetzt die Fernsehreporter nicht ausschwärmen und auch noch uns Westdeutsche nach unserer "Befindlichkeit" fragen und wie wir die "Wende" verarbeitet haben.

Mit Heldengeschichten von Widerstand, Stasi-Überwachung und Mauerflucht können wir ja auch nicht dienen. Wie übrigens, das muss dann doch gesagt werden, auch die Masse der ehemaligen DDR-Bürger nicht.

Egal: Ich werde am 9. November innerlich einmal ganz kurz winken. Und dann werde ich ganz leise flüstern: Tschüss, BRD!

Tilman Gerwien, 50, ist in Hamburg aufgewachsen, nur gut eine Autostunde von der ehemaligen Grenze zur DDR entfernt. Ein Unterschied zu vielen Westdeutschen gibt es: Gerwien war fleißiger Konsument des DDR-Fernsehens. Und schon vor der Wende reiste er mehrmals durch die DDR.