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Trauer um Paul Spiegel: Mahner und Brückenbauer

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, ist tot. Nach langer schwerer Krankheit starb er im Alter von 68 Jahren. "Er mahnte, wo viele stumm blieben", würdigte Bundeskanzlerin Merkel den Verstorbenen.

Kein zweites öffentliches Amt in der Bundesrepublik bringt wohl ein solches Wechselbad der Gefühle mit sich: Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, waren die Anstrengungen seines Amtes anzusehen. Am Sonntag ist der oberste Repräsentant von mehr als 100.000 Juden nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren gestorben. Als Nachfolger des von ihm hochverehrten Ignatz Bubis hatte der Düsseldorfer das Amt des Zentralratspräsidenten seit Januar 2000 inne.

Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, bezeichnete den Tod von Paul Spiegel als einen "schwerwiegenden und kaum zu beschreibenden Verlust" für Juden und Nicht-Juden in Deutschland. "Wir verlieren einen bedeutenden Juden und Europäer. Paul Spiegel war ein großer Brückenbauer", sagte Kramer. Er habe Vertrauen genossen, "weit über alle Konfessionsgrenzen hinaus und in allen gesellschaftlichen Gruppen". Zur Amtsnachfolge wollte sich Kramer noch nicht äußern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte mit Trauer und "tiefer Erschütterung" auf den Tod Spiegels. "Der verstorbene Präsident des Zentralrats der Juden war eine beeindruckende Persönlichkeit", sagte sie. Spiegel habe sich "mit großer Leidenschaft und all seiner Kraft für eine gute Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt".

Merkel sagte weiter: "Paul Spiegel hat sich konsequent zu den Grundfesten der Demokratie bekannt. Er mahnte, wo viele stumm blieben. Sein Einsatz für Zivilcourage, für Toleranz und gegenseitigen Respekt und gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus hat Maßstäbe gesetzt."

Herzprobleme belasteten seine Gesundheit

Der Düsseldorfer Unternehmer befand sich seit mehreren Wochen nach Herzproblemen im Krankenhaus. Zudem war eine Vorstufe von Leukämie festgestellt worden. Mitte April hatte der Zentralrat mitgeteilt, es gehe Spiegel wieder besser. Er sei nach einem längeren Koma wieder zu Bewusstsein gekommen. Nach Angaben von Kramer hatte sich der Gesundheitszustand Spiegels durch neue Infektionen in der vergangenen Woche aber erneut verschlechtert. Er sei am frühen Sonntagmorgen um 04.30 Uhr gestorben.

Höhepunkte und schmerzhafte Wunden

Spiegel, am 31. Dezember 1937 im westfälischen Warendorf geboren, war ein klarer Warner vor stets spürbaren antisemitischen Tendenzen. Er mahnte eine kämpferische Demokratie an und galt als konzilianter Brückenbauer zur nichtjüdischen Mehrheit der Deutschen. Jeder Angriff auf eine Minderheit "ist ein direkter Angriff auf unsere Demokratie und damit auf jeden Staatsbürger", lautete das Credo Spiegels, der als wohl letzter Zentralratspräsident zur Generation der Holocaust- Überlebenden gehört hat.

Paul Spiegel konnte sich im Januar 2003 über den Abschluss des ersten Staatsvertrages zwischen Zentralrat und Bundesregierung freuen. Dieser markierte nach seinen Worten eine "gesellschaftliche Anerkennung der Juden, die längst überfällig war". Auch der erste Besuch eines israelischen Staatspräsidenten bei einer Synagogen- Eröffnung auf deutschem Boden galt als ein Höhepunkt seiner Amtszeit.

Doch immer wieder rissen öffentliche Äußerungen wie das israel-kritische Flugblatt des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann oder das lange Eintreten des Autors Rolf Hochhuth für den Holocaust-Leugner David Irving erneut schmerzhafte Wunden auf. Längst, so Spiegels Diagnose, waren antisemitische Einstellungen "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen. Spiegel schaltete sich in die hitzige Debatte um die "deutsche Leitkultur" ebenso ein wie in die Diskussion um das Berliner Holocaust-Memorial. Er glaube nicht, dass es absehbar "Normalität" zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland geben könne, beschrieb Spiegel diplomatisch diese Spannungen.

Spaltung der Juden auf deutschem Boden verhindert

Die Zuwanderung zehntausender Juden aus dem ehemaligen Ostblock, die Spiegel oft das Wunder einer Wiederbelebung jüdischen Lebens auf deutschem Boden nannte, stellt die Gemeinden vor gewaltige finanzielle und interne Spannungen. Eine Integration der Zuwanderer, die zumeist ihrer religiösen Wurzeln entfremdet sind, hinterlässt Spiegel seinem Nachfolger als schwere Aufgabe.

Von der nicht-jüdischen Öffentlichkeit fast unbemerkt, gelang jedoch die Aufnahme der liberalen jüdischen Gemeinden, die ihren Anteil an den Bundesmitteln des Staatsvertrages eingefordert hatten, unter das Dach des Zentralrates. Damit war eine Spaltung der religiös pluralistischer werdenden Judenheit auf deutschem Boden verhindert.

Kindheit in der NS-Zeit

Wie fast bei allen deutschen Juden war auch der Lebenslauf Spiegels von Schrecken und Erinnerung geprägt. Den NS-Rassenwahn überlebte er als Kind versteckt im besetzten Belgien, während seine ältere Schwester in den Tod verschleppt wurde. Nach dem Vorbild seines Vaters, der drei Konzentrationslager durchlitten hatte, widmete er sich dem Aufbau des jüdischen Gemeindelebens.

Spiegel arbeitete von 1965 an als Redakteur und gründete 1986 auf Anregung des TV-Entertainers Hans Rosenthal eine Künstleragentur. Bereits in Spitzenpositionen jüdischer Organisationen, wurde Spiegel 1993 zunächst Vizepräsident des Zentralrates. Nach dem plötzlichen Tod von Bubis trat er 2000 dessen Nachfolge an. Zunächst lediglich als "Übergangspräsident" eingeschätzt, gewann er rasch eigene Kontur.

DPA / DPA