HOME

Trauerfall: Ex-CDU-Chef Rainer Barzel gestorben

Der frühere CDU-Bundesvorsitzende und Bundestagspräsident Rainer Barzel ist tot. Der langjährige CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag starb im Alter von 82 Jahren nach langer, schwerer Krankheit.

Der im Alter von 82 verstorbene Rainer Barzel war eine der schillerndsten Figuren der CDU auf dem bundespolitischen Parkett. Der promovierte Jurist zählte wegen seiner Bissigkeit und Angriffslust zu den gefürchtetsten Rednern im Bundestag, dem er 30 Jahre lang angehörte. Triumphe konnte er allerdings nie feiern: sein wichtigstes Ziel - das Kanzleramt - blieb ihm denkbar knapp verwehrt.

Als Fraktionschef der Union organisierte Barzel 1972 ein konstruktives Misstrauensvotum gegen den damaligen Kanzler Willy Brandt (SPD), verfehlte die erforderliche Mehrheit aber um zwei Stimmen aus dem eigenen Lager. Die Umstände dieser dramatischen Abstimmung sorgten noch lange für Aufruhr. Mittlerweile steht fest, dass zumindest einer der beiden Unions-Abgeordneten von der DDR-Führung bestochen worden war. Auch als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl Ende desselben Jahres scheiterte Barzel. Das höchste politische Amt seiner Karriere - den Posten des Bundestagspräsidenten - trat er im März 1983 an. Doch schon eineinhalb Jahre später gab er es wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit der Flick-Affäre wieder auf.

Angespanntes Verhältnis zu Kohl

Lange nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 1987 kehrte Barzel im Sommer vergangenen Jahres zu einem besonderen Anlass ins Parlament zurück: Auf der Zuschauertribüne verfolgte er von einem Platz in der ersten Reihe neben Kanzler-Gattin Doris Schröder-Köpf die Abstimmung über die Vertrauensfrage des damaligen Regierungschefs Gerhard Schröder. Zweimal in seiner Laufbahn, die er Mitte der 1950er Jahre als Redenschreiber für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold (CDU) begann, war Barzel selbst an einer Vertrauensabstimmung beteiligt gewesen.

Den Unions-Fraktionsvorsitz übernahm er 1963, nachdem er zuvor als 38-Jähriger für ein Jahr Minister für gesamtdeutsche Fragen im Bundeskabinett von Konrad Adenauer geworden war. Rasch entwickelte er sich zur Schaltstelle der Regierungspolitik von Kanzler Ludwig Erhard. In der großen Koalition ab 1966 arbeitete er eng mit SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt zusammen, mit dem er bis zuletzt befreundet war. 1971 wurde Barzel CDU-Vorsitzender. Nach seinem Scheitern beim Misstrauensvotum und der Bundestagswahl von 1972 musste Barzel auch eine schwere Abstimmungsniederlage in der Unions-Fraktion über den Beitritt der Bundesrepublik zu den Vereinten Nationen hinnehmen: Als Konsequenz verzichtete er im Frühjahr 1973 auf den Fraktionsvorsitz und kurz darauf auch auf den Chefposten bei der Bundes-CDU. Sein Nachfolger wurde dort Helmut Kohl, der zwei Jahre zuvor Barzel unterlegen war.

1982 gelang es der Union, Kanzler Helmut Schmidt mit einem Misstrauensvotum zu stürzen. In Kohls Kabinett wurde Barzel Minister für innerdeutsche Beziehungen, das Verhältnis zu Kohl blieb allerdings angespannt. Später warf Barzel dem Parteichef mangelnde politische und geistige Führung vor. Auch nach dem Ende seiner Parlamentarierzeit sparte Barzel nicht mit Kritik an der Regierungspolitik Kohls und am Zustand seiner CDU. So warnte er schon früh vor Staatsverdrossenheit auf Grund mangelnder Glaubwürdigkeit der Politik. Im Bundestagswahlkampf im Sommer vorigen Jahres machte sich der für seine schneidende Rhetorik bekannte CDU-Politiker für eine große Koalition stark, die eine große Verfassungsreform auf den Weg bringen müsse - wenige Monate später wurde das Regierungsbündnis besiegelt.

Claudia Kade/Reuters