Regierungsumzug Was macht eigentlich Bonn?


Vor neun Jahren sind die Mächtigen vom kleinen Bonn ins große Berlin gezogen. Nur einen Tross von Regierungsbeamten haben sie zurückgelassen, am Rhein sollten nicht alle Lichter ausgehen. Doch entgegen aller Befürchtungen gedeiht die Stadt prächtig - so prächtig, dass die Stimmen lauter werden, die der teuren Bonn-Berlin-Pendelei ein Ende bereiten wollen.
Eine Ortsbegehung von Ulrike Klode

Im Treppenhaus hängt ein Bild aus vergangener Zeit: Willy Brandt, eine Zigarette in der Hand, neben ihm seine Frau Rut, daneben Rainer Barzel. Dahinter ein Mann mittleren Alters, der ein Tablett mit Malteser Aquavit reicht: Alain Otto. Das Schwarz-Weiß-Foto stammt aus den Zeiten der Bonner Republik. Auch der Mann, der in dem Haus wohnt, in dem das Bild hängt, gehört in diese Zeit. Er nimmt das Foto von der Wand, um es besser erklären zu können. Alain Otto war 39 Jahre Kellner im Restaurant "Maternus" in Bonn. Während dieser Zeit galt ein ehernes Gesetz: "Was im 'Maternus' gesagt wird, dringt nicht nach außen": Der 66-Jährige sagt diesen Satz an diesem Morgen im Juli mehrfach. Er sitzt in seinem Wohnzimmer und blickt auf die Hügel der Voreifel.

Die Zeiten der großen Bonner Politik sind vorbei, die politischen Geheimnisse sind ausgewandert. Seit neun Jahren spielt die Musik in der neuen Hauptstadt Berlin, auch wenn der Bundestag Bonn einen harten Übergang erspart hat. Denn noch immer haben sechs Bundesministerien ihren Erstsitz am Rhein, 20 Bundebehörden sind erst dorthin umgezogen, rund 9000 Beamte sind in der beschaulichen Provinz geblieben. Diesen pfleglichen Umgang mit der alten Hauptstadt lässt das Parlament den Steuerzahler einiges kosten, vor allem zig Bonn-Berlin-Flüge in der Woche, Grundlage ist das Bonn-Berlin-Gesetz von 1991. Dass es an dieser Art der kostspieligen pro-rheinischen Sozialpolitik auch Kritik gibt, vor allem im Haushaltsausschuss des Bundestags, ist wenig verwunderlich. Erst in der vergangenen Woche verabschiedeten die Abgeordneten einen Antrag, der die Frage aufwarf, ob es denn klug und wirtschaftlich sei, von zwei Orten aus zu regieren. Es gebe doch noch erhebliches Sparpotenzial - und auch das Bonn-Berlin-Gesetz ist nicht mehr unantastbar. Offen ist allein die Frage, was aus Bonn wird, wenn erst der letzte Bundesbeamte dort das Licht seines Büros für immer ausgemacht hat. Muss die Stadt ernsthaft bangen?

Rheinländer lassen sich nicht unterkriegen

Bärbel Dieckmann muss es wissen. Und Bärbel Dieckmann wirkt nicht verzagt. Sie ist die Oberbürgermeisterin der Stadt. Seit 1994 residiert die SPD-Politikerin im Alten Rathaus in der Bonner Innenstadt. "Die Entscheidung für Berlin war für alle ein Schock", erinnert sie sich. "Es war klar: Wir müssen hart arbeiten, um diesen Wegzug auszugleichen". Doch Rheinländer lassen sich so schnell nicht unterkriegen: "Schnell machte sich bei uns die Stimmung breit: Wir schaffen das - mit Unterstützung des Bundes." Die Regierung ließ sich nicht lumpen und zahlte 1,4 Milliarden Euro als Ausgleichsmittel. Der größte Teil des Geldes floss, wie im Bonn-Berlin-Gesetz geregelt, in Wissenschaft und Forschung, außerdem wurden Verkehrsprojekte finanziert wie die bessere Anbindung an den Flughafen Köln-Bonn und neue Gewerbegebiete erschlossen.

Mit freundlicher Unterstützung der Bundesregierung hat sich die Stadt verändert, sich geschmeidig angepasst an die neue Situation. Bonn hat ein neues Gesicht, auch mitten im Regierungsviertel. Der Bundestag am Rhein ist nun ein "World Conference Center", und auf der Großbaustelle dahinter entsteht eine Halle für 5000 Besucher. Die Stadt will sich so als Konferenzstandort profilieren. Hinter der Baustelle ragt der "Lange Eugen" mit seinen 29 Stockwerken hervor. Das ehemalige Abgeordnetenhaus war ein Wahrzeichen der Bonner Republik, jetzt steht der "Lange Eugen" für das neue Bonn: Auf seinem Dach prangt nun das blaue Logo der Uno, ein weiterer Beleg für den Versuch der Stadt, sich als Uno-City hervorzutun. Bonn ist die einzige deutsche Uno-Stadt, 17 Organisationen haben sich mittlerweile hier niedergelassen, mit 700 Mitarbeitern, Tendenz steigend. Zuletzt tagte hier im Mai die Uno-Naturschutzkonferenz, im Juli war Generalsekretär Ban Ki Moon zu Besuch.

Fast alle Uno-Mitarbeiter haben ihren Sitz im "Langen Eugen", für das Klimaschutzsekretariat wird gerade ein anderes ehemaliges Abgeordnetenhochhaus umgebaut, ganz modern, ganz öko. 55 Millionen Euro lässt sich die Bundesregierung die Sanierung kosten, genauso viel hatte Berlin bereits in den Umbau des "Langen Eugen" für die Uno investiert. Für Bonn - und die Uno - ist das ein gutes Geschäft. Die Regierung stellt die Gebäude den Vereinten Nationen mietfrei zur Verfügung.

Den Beamten der Weltorganisation und ihren Zuarbeitern jedenfalls scheint es am Rhein zu gefallen. Sagt zumindest Harald Ganns. Der Mann kennt beide Gesichter der Stadt: Zu Hauptstadtzeiten hat er im Auswärtigen Dienst gearbeitet. Jetzt arbeitet er für das neue Bonn: Er leitet die gemeinsame Pressestelle der Uno-Organisationen. Im "Langen Eugen" hat er sein Büro - mit Aussicht auf den Rhein. Die Stadt komme bei seinen ausländischen Kollegen gut an, berichtet er. "Die Arbeitsbedingungen sind hervorragend, in keiner anderen Uno-Stadt ist die Infrastruktur so gut." Die Lebensbedingungen seien ebenfalls gut, lobt er: Bonn habe eine niedrige Kriminalitätsrate, Rassismus sei hier kein Problem, die Bonner tolerant. "Auch Leute aus anderen Kulturkreisen fühlen sich hier gut aufgehoben", sagt Ganns.

Telekom-City an der Friedrich-Ebert-Allee

Ganz ohne finanzielle Anreize haben zudem zwei Großunternehmen in Bonn investiert, auch wenn es sich um ehemalige Staatsbetriebe handelt: die Post und die Telekom. Auch sie sind maßgeblich am neuen Gesicht der Stadt beteiligt, der moderne Glasbau des "Post-Towers" ist mit seinen 162 Metern sogar höher als der Kölner Dom. Rechts und links der vierspurigen Friedrich-Ebert-Allee ist zudem eine regelrechte "Telekom-City" entstanden, inklusive zwei eigener U-Bahnstationen und einer gesponserten U-Bahn-Linie, dem "Telekom-Express". Etwa 13.000 Menschen arbeiten hier für die Telekom und ihre Tochterunternehmen, die Post beschäftigt 6500 Menschen.

All diese Neuerungen lassen Bonn, die vermeintlich verlassene Stadt, regelrecht aufblühen. In einem Ranking der Unternehmensberatung Ernst & Young zur Zufriedenheit der Unternehmen in zwanzig deutschen Städten landet die Stadt auf Platz zwei. 1991, als der Umzug beschlossen wurde, gab es in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis 248.149 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, 2007 ist die Zahl auf 269.907 gestiegen. Bonns Einwohner sind im Schnitt heute deutlich jünger als früher, in Bonn gibt es mehr Geburten als Sterbefälle.

Uno-City, Telekom-City, ein Neubau hier, einer da. Auch Michael Swoboda kennt diese Erfolge. Und ein bisschen ist er auch auf stolz darauf. Sowboda ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg."Zu Zeiten des Umzugs hieß es: In Bonn gehen die Lichter aus", erinnert er sich in seinem Büro in der Bonner Südstadt. "Doch die Region hat den Strukturwandel geschafft." Aber es bleiben Zweifel, Zweifel vor allem daran, wie nachhaltig der Wandel ist. Was etwa passiert, wenn auch die letzte Stütze, wenn die letzten Bundesbeamten gen Berlin entschwinden? "Wo soll die Kraft herkommen, es noch einmal zu schaffen, wenn die Ministerien wirklich gehen sollten?", fragt Swoboda. Denn noch, Uno hin, Telekom her, beflügeln die Regierungsbürokraten das Geschäft, nähren scheinbar verschiedene Branchen: Den Taxifahrer etwa, der den Staatsekretär zum Bahnhof fährt, oder den Kellner, der den Referatsleiter und seine Frau beim Italiener bedient. Mit seinen Zweifeln ist Swoboda nicht alleine: Mehr als ein Drittel der Bonner Unternehmen rechnet bei einem Komplettumzug mit negative Folgen. Das ergab eine Umfrage der IHK.

Glanz der Mächtigen ist verblasst

Der Bonner Blues ist es auch, der sich breit macht, wenn die Einheimischen sich anderen großen Verlust vergegenwärtigen, den sie erlitten haben: Der Glanz von Macht und Mächtigen ist rapide verblasst. Ablesen lässt sich das gut an der Entwicklung des "Maternus". Vorbei sind die Zeiten, als die Straßen rund um das Restaurant im Bonner Stadteil Bad Godesberg abgesperrt waren, weil ein US-Präsident sein Dinner hier einnehmen wollte. Vorbei die Zeiten, als Wirtin Ria Maternus Strippen zog und zwei Gäste rein zufällig so nebeneinander platzierte, dass beide Seiten etwas davon hatten. Vorbei die Zeiten, als Helmut Schmidt am Vorabend seiner Kanzler-Wahl im Bundestag Wirtin Ria Maternus um Rat fragte, ob er die Wahl denn überhaupt annehmen solle.

Sicher, Mitarbeiter und Manager von Telekom, Post, Postbank und Uno kommen noch, auch noch mancher Beamter. Aber der ganz große Glamour ist verflogen. Zu den wenigen Prominenten, die das "Maternus" noch regelmäßig frequentieren, gehört Hans-Dietrich Genscher. Der Ex-Außenminister ist dem Restaurant treu geblieben, sitzt immer, wenn er kommt, wie eh und je an Tisch Nummer fünf, vorne links neben dem Eingang. Die anderen sind alle weggezogen - oder tot. "Von Rias Stammgästen sind 80 Prozent verstorben", sagt Erwin Drescher-Maternus, seit dem Tod der Wirtin 2001 der neue Chef.

Alain Otto bedient schon lange nicht mehr im "Maternus". Ende 2006 ist er in den Ruhestand gegangen. Jetzt sitzt er im Wohnzimmer seines Hauses, betrachtet das Schwarz-Weiß-Foto und erzählt Geschichten und Geschichtchen aus dem alten Bonn. Aber auch der ehemalige Kellner verharrt nicht lange in der Vergangenheit. Er hat neue Aufgaben - der Nachbarshund wartet darauf, Gassi geführt zu werden, wie jeden Tag. Deshalb muss das Foto schnell wieder an die Wand gehängt werden.


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