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Trauma Afghanistan: Von der Angst, über Gras zu laufen

Angst vor Menschenmassen, Angst, über Gras zu laufen, Angst vor der Zukunft. Viele Soldaten, die von Auslandseinsätzen zurückkehren - vor allem aus Afghanistan - haben psychische Probleme. Viel zu oft bleiben sie damit allein, obwohl es ein gutes Netz an Hilfsangeboten gibt.

Von Manuela Pfohl

Über eine Wiese laufen war anfangs unmöglich. "Ich habe immer einen Minenunfall vor mir gesehen, den ich 1999 im Kosovo miterlebt habe", sagt Dirk Schulze. Der 37-jährige Hamburger Fallschirmjägeroffizier hat einige Zeit gebraucht, ehe er sein persönliches Trauma Auslandseinsatz verarbeiten konnte, ehe er aus seinem Unterbewusstsein die Warnung "Vorsicht Minen" gelöscht hatte und wieder unbeschwert einen Spaziergang durch Wald und Wiesen genießen konnte. Er ist "gut durchgekommen". Vielen seiner Ex-Kameraden gelingt die Verarbeitung des Erlebten nicht.

Der vielbeachtete ARD-Film "Willkommen zuhause" thematisierte am Montagabend keinen Einzelfall - im Gegenteil: Die Zahl der Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert von einem Auslandseinsatz zurückkommen, steigt dramatisch. Wie das Verteidigungsministerium auf eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Elke Hoff bekanntgab, leiden vor allem Soldaten, die in Afghanistan stationiert waren, an den psychischen Folgen von Gewalterfahrungen. In den Jahren 2006 bis 2008 waren insgesamt 477 Soldaten betroffen. Demnach stieg die Zahl der Soldaten, die an einer "posttraumatischen Belastungsstörung" (PTBS) leiden, von 83 im Jahre 2006 auf 245 im vergangenen Jahr. Damit hätten sich die Zahlen in diesem Zeitraum verdreifacht. Die meisten psychischen Folgeschäden trugen Soldaten davon, die in Afghanistan eingesetzt waren. Dort stieg die Zahl von 55 im Jahre 2006 auf 130 im Jahre 2007 auf 226 im vergangenen Jahr. Laut Ministerium entspricht die Gesamtzahl von 477 Fällen in den vergangenen drei Jahren bei fast 62.000 Soldaten im Einsatz einer Häufigkeit von 0,77 Prozent. Knapp ein Prozent also - das klingt nach einem überschaubaren Randproblem.

Eskalation nicht auszuschließen

Der Sprecher des Bundeswehrverbandes, Wilfried Stolze, glaubt, dass niemand weiß, wie viele es wirklich sind. Die Dunkelziffer sei hoch. Vermutlich gebe es eine Reihe von Soldaten, die sich nicht trauen, über ihre Nöte zu sprechen. Den Einsatz nicht ohne Probleme bewältigt zu haben, lasse sich für viele Soldaten nicht mit ihrem Männerbild vereinbaren.

Auch Dirk Schulze, der 2002 für sechs Monate im Afghanistan-Einsatz war, ist überzeugt, dass die Zahl der traumatisierten Soldaten viel höher ist, als das Verteidigungsministerium angibt. "Ich kenne seriöse israelische Studien, die davon ausgehen, dass nach Kriegseinsätzen bis zu 60 Prozent der Soldaten mit psychischen Belastungen nach Hause gehen. Bis zu 20 Prozent seien so gefährdet, dass eine Eskalation nicht auszuschließen ist. US-amerikanische Studien gehen von 30 Prozent aus."

Bei Dirk Schulze waren es anfangs größere Menschenansammlungen, die ihm zu schaffen machten. "Der monatelange Druck, jede Sekunde hundertprozentig konzentriert sein zu müssen, die permanente Angst, dass man eine Gefahr übersieht, dass ein harmlos am Straßenrand stehendes Auto eine Sprengfalle sein kann, dass der freundliche Afghane vielleicht ein Selbstmordattentäter ist und man im Ernstfall nicht rechtzeitig reagiert, lässt sich nicht so einfach abschütteln, wenn man wieder in Deutschland ist. Wenn dann niemand da ist, der dich auffängt, der dir zuhört und versteht, was gerade in deinem Kopf vorgeht, wird es schwierig."

Angst, sich zu outen

"Man merkt es, dass man nicht mehr offen reden, nicht mehr lachen kann, in dem Moment, wo man eigentlich lachen sollte", berichtet ein Soldat auf der Internetseite www.angriff-auf-die-seele.de, die sich mit Unterstützung des Wehrbeauftragten der Bundeswehr an Soldaten richtet. Als Kummerkasten und Tippgeber zugleich. Denn die Sorgen der "Kriegsrückkehrer" gleichen sich, wie die Angst, sich damit zu outen und anschließend vor den anderen als Weichei dazustehen.

Gewaltausbrüche gegen andere, psychosomatische Erkrankungen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Persönlichkeitsveränderungen, die schleichend beginnen und oft erst nach Monaten oder gar Jahren so massiv sind, dass sie als Krankheit von außen wahrgenommen werden, machen den Kameraden das Leben schwer. Und genau das, sagt Schulze, sei das große Problem. "Wenn die Leute aus dem Einsatz zurückkommen, gibt es ein Nachbereitungsseminar bei der Bundeswehr. Ein, zwei Tage, in denen bis zu zwanzig Soldaten im Raum sitzen und über ihre Erfahrungen und Eindrücke reden können - aber in den seltensten Fällen wollen. Das war's. Danach bleibt jeder sich selbst überlassen."

Zwar gibt es bei der Bundeswehr ein gutes Netz an Betreuung und professioneller Hilfe für Trauma-Opfer. Allerdings müssten die Betroffenen diese Hilfe gezielt anfordern. Eine Hemmschwelle, die für viele offenbar zu hoch ist. Der Bundeswehrarzt und Psychiater Peter Zimmermann wünscht sich, dass zur Vorbereitung von Einsätzen psychologische Trainings verbindlicher als bisher dazugehörten. Eine Voraussetzung für die spätere Einsicht, dass es nichts Ehrenrühriges ist, sich Hilfe zu suchen, wenn man sie braucht.

Bundeswehr muss ihre Verantwortung wahrnehmen

Schulze fordert, es müsse mehr Psychologen als Ansprechpartner und Multiplikatoren in den Kompanien geben, und die müssten viel offensiver an das Thema Traumabewältigung herangehen. "Vorgesetzte brauchen mehr Kompetenz, um psychische Auffälligkeiten bei Soldaten zu erkennen. Posttraumatische Belastungsstörungen dürfen innerhalb der Truppe nicht mehr als "Ausrutscher" totgeschwiegen werden. Es muss endlich klar werden, dass sie zum Alltag von Menschen dazu gehören, die sich beruflich oft in Ausnahmesituationen befinden." Doch auch in rechtlicher Hinsicht sei noch einiges zu regeln. "Es kann nicht angehen, dass die Bundeswehr mit Soldaten, die durch ihren Einsatz Schäden erlitten haben, um ihre Wehrdienstbeschädigung feilscht und bei den Untersuchungen teilweise entwürdigende Schauspiele ablaufen." Die Bundeswehr müsse außerdem ihrer Verantwortung auch für diejenigen Soldaten gerecht werden, die zwar inzwischen aus der Bundeswehr ausgeschieden sind, aber an Traumata aus ihren Einsätzen leiden.

In einem gemeinsamen Antrag von SPD und CDU heißt es, dass für die Bundeswehr Handlungsbedarf bestehe und bessere Hilfe für Betroffene nötig sei. Der Antrag soll kommende Woche im Bundestag verabschiedet werden.