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TV-Duell: Wischiwaschi von Wulff und Jüttner

Es hätte spannend sein können. War es aber nicht. Beim TV-Duell zwischen dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff und seinem Herausfoderer Jüttner gab es zwar massenhaft Fakten - aber keinen zündenden Funken.

Von Beate Flemming

Spannend: Gleich muss Wolfgang Jüttner (59, SPD-Spitzenkandidat) durch den Fleischwulff (48, amtierender CDU-Ministerpräsident). Vor laufenden Kameras. "Wolfgang Jüttner gegen Christian Wulff - ein verlorener Kampf?" hatte der NDR ein am Vorabend versendetes Doppelporträt der beiden niedersächsischen Wahlkämpfer überschrieben. Jeder drittklassige Boxpromoter kann seine Show besser verkaufen. Zum Leidwesen des zuschauerlichen Unterhaltungsbedürfnisses kann sich auch jeder Boxer besser verkaufen als Jüttner gestern Abend im NDR-Fernsehduell gegen Wulff.

Jüttner blieb blass

Dabei ist der vermeintlich aussichtslose Kampf eigentlich eine dramaturgisch vielversprechende Steilvorlage für den vorab zum Verlierer Erklärten - siehe David gegen Goliath, Scarlett O'Hara gegen ihre Liebe zu Rhett Butler.

Also: Erstmal hätte Jüttner grinsen müssen wie eine Bulldogge. Show ist Show. Oder geht es um was anderes? Stattdessen: Immer wenn Jüttner hätte beißen müssen, lächelte er. Wie eine verheißungsvolle Schlaftablette: Bin-bloß-froh-wenn-das-alles-vorbei-ist-und-ich-wieder-in-Ruhe-mein-Glas-Wein-trinken-und-ausschlafen-kann. Wulff dagegen: Breitbeinig. Beide Hände auf dem Tisch. Ernst: "Wir haben fünf Jahre hart gearbeitet." Der Fleischwulff funktionierte mal wieder perfekt. Ein Anti-Wulff-Argument rein - ob jetzt von NDR-Moderator Andreas Cichowitz oder von Jüttner - und viele Pro-Wulff-Argumente hinten raus.

Er heißt nicht umsonst "Wackel-Wulff"

"Wackel-Wulff" heißt der niedersächsische Ministerpräsident nicht umsonst: Für das gegliederte Schulsystem, aber nichts gegen Gesamtschulen. Gegen Mindestlöhne im Allgemeinen, aber im Speziellen dann doch dafür. Gegen laxe Strafen für kriminelle Ausländer, aber noch mehr für Integration und Prävention. Den Wackelwulff kann man genauso gut festnageln wie einen Wackelpudding. Das nennt man Opportunismus. Sowohl der NDR als auch Jüttner hatten kein Gegenkraut.

"Immer wenn's ernst wird, tauchen Sie weg", sagte Jüttner einmal. Sein stärkstes Argument. Aber Wulff verstand es, dieses schnell wegzuwischen. Mit Zahlen: 50.000 Arbeitsplätze entstanden, Verschuldung um 80 Prozent reduziert, Abiturientenquote bei über 40 Prozent. Jüttner warf Zahlen zurück. Andere. Aber welche stimmen denn jetzt? Da sich der Duell-Moderator an dieser entscheidenden Stelle hilflos zurückhielt, war der Zuschauer in Gefahr, sich dem Amtsträger mit der seriöser wirkenden dunkelblauen Krawatte (Wulff) anzuschließen. Jüttners war rot-orange. Dann bewarfen sich die Kontrahenten mit selbst für Eingeborene reichlich internen Interna und ollen Kamellen. Wen interessiert noch wirklich der niedersächsische Landeshaushalt aus dem Jahr 2003 und welcher Landesmininister schon damals... Während sich die Kontrahenten im Vordergrund mit Korinthen bewarfen, flimmerte die Studio-Projektion im Hintergrund tapfer "Das Duell".

And the winner ist... Wulff

Zu diesem Zeitpunkt hätte sie schon längst verkünden können: "The winner is...Christiaaaaaaan Wuuuuulff!" Zu schlau der Amtsinhaber mit vergifteten Anti-Jüttner-Pfeilen wie "Das ist Miesmacherei, die unserem Land nicht gerecht wird" oder "Den Erfolg haben wir Niedersachsen bewirkt, das war ja nicht ich". Zu wenig aggressiv der Herausforderer mit Statements wie: "Herr Wulff hat Recht". Und dass der auch noch toll Basketball spielen soll, dafür hat Jüttner "Respekt".

Schon beim Abspann ist Wulff körpersprachlich klar anzusehen, wen er für den Gewinner hält. Während Jüttner vor sich hin starrt, streckt Wulff großmütig seine Hand über sein Rednerpult wie ein Australian-Open-Gewinner übers Netz Richtung Jüttner. Der reicht darauf seine. Ohne aufzusehen.

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