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Wolfgang Jüttner: Der Zu-Leisetreter

Niedersachsen wählt und Niedersachsen wählt wohl Christian Wulff. Sein Kontrahent von der SPD, Wolfgang Jüttner, kämpft derweil um sein Profil. Dabei hat er den richtigen Stallgeruch und ist durchaus sympathisch. Es hört ihm nur einfach keiner zu.

Von Sebastian Christ

Um es gleich am Anfang zu sagen: Wolfgang Jüttner hatte seinen großen Auftritt. Einmal stand der niedersächsische SPD-Spitzenkandidat dort, wo er als oberster Wahlkämpfer bisher vergeblich hinzugelangen versuchte - im Mittelpunkt des Interesses. Verantwortlich dafür war ein Interview, das er zusammen mit seiner Frau Marion der Zeitschrift Bunte gab. Jüttner wurde auf Äußerungen des CDU-Ministerpräsidenten Wulff über Gerhard Schröders Scheidung von dessen Frau Hiltrud angesprochen. Er sagte: "Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen." Jüttner spielte damit auf Wulffs neue Beziehung zur PR-Frau Bettina Körner an. Seine Frau legte nach. "Er hat kein Problem, sich von seiner Frau Knall auf Fall zu trennen und gleichzeitig eine neue Frau zu präsentieren - die jetzt ein Kind erwartet, obwohl er nicht geschieden ist." Das hatte gesessen.

Leider drehte sich die öffentliche Meinung mal wieder gegen Wolfgang Jüttner. Plötzlich war die Rede davon, dass ein SPD-Mann als Spießer auftrete, und seinem konservativen Gegenkandidaten die Affären vorhalte. Verrückte Welt. Weshalb der bodenständige Sozialdemokrat zusammen mit seiner Frau diese Zitate autorisieren ließ, ist bis heute unklar. Am Ende jedenfalls war er wieder das, was er schon seit Monaten ist: die tragische Figur des niedersächsischen Landtagswahlkampfs.

Das Getöse ist so nah und liegt ihm doch so fern

Von Göttingen und Goslar aus kann man die Einschläge aus Hessen hören. Das Getöse, die Polemik. Man kann spüren, wie Menschen in einem emotionsgeladenen Wahlkampf politisiert werden, Meinungen bilden, Positionen beziehen. Wolfgang Jüttner reist zur gleichen Zeit durch sein Bundesland, und ja, er spricht, spricht, spricht. Es scheint bloß so, als hätte jemand den Ton zu seinen Lippenbewegungen abgeschaltet. Seine Auftritte verrauschen zwischen all den anderen Stimmen. Es soll nicht wenige Niedersachsen geben, die noch nie von ihm gehört haben. Dabei ist er beileibe kein Unsympath.

Christian Wulff kann das gerade Recht sein. Er braucht sich kein Profil zu bilden, er hat schon eins. Und so teilt der SPD-Mann Jüttner die Tragik all jener, die etwas zu sagen haben, aber in lauten Zeiten kein Gehör finden. Er gilt als sachlicher Politikertyp, manche meinen: zurückhaltend. Dieser Wahlkampf wird aller Voraussicht nach die letzte Chance seines Lebens sein, Ministerpräsident zu werden.

Sohn eines Eisenbahners und einer Verkäuferin

Wolfgang Jüttner wurde 1948 in Lüdersfeld (Kreis Schaumburg) geboren. Sein Vater war Eisenbahner, die Mutter Verkäuferin. Beide Eltern mussten bei Kriegsende aus Schlesien fliehen. Jüttner lebte bis zum Alter von zehn Jahren auf einem Bauernhof, in dem die Flüchtlingsfamilie einquartiert wurde. Erst 1958 konnten die Jüttners in eine Neubauwohnung nach Hannover ziehen. Nach seinem Abitur am Goethe-Gymnasium studierte er in Hannover Politologie und Germanistik. Danach arbeitete Jüttner als Lehrer an mehreren Schulen und als Dozent an der Heimvolkshochschule Springe. Parallel dazu schloss er ein Zweitstudium der Soziologie ab.

Seine Parteikarriere begann im Jahr 1970. Sieben Jahre später war er kurzzeitig geschäftsführender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten, nachdem Klaus Uwe Benneter aus der SPD geworfen und als Juso-Chef abgesetzt wurde. Bei der Neuwahl des Vorsitzenden verzichtete Jüttner zugunsten von Gerhard Schröder. Von diesem Punkt an kreuzten sich die Wege der beiden Politiker immer wieder, und stets war Schröder dem unkrawalligen Polittalent einige Karriereschritte voraus. Beide wurden 1986 erstmals in den Landtag gewählt, doch Schröder benötigte nur vier Jahre, ins Ministerpräsidentenamt aufzusteigen. Zunächst spielte Jüttner in der Kabinettsplanung des westfälisch-niedersächsischen Politzampanos keine Rolle. Dafür durfte dieser im selben Jahr Schröders Vorsitzendenposten beim SPD-Bezirk Hannover kommissarisch übernehmen.

Umweltminister unter Schröder

Als Schröder im Vorfeld der Bundestagswahlen 1998 die Landtagswahl in Niedersachsen haushoch gewann, berief er Jüttner schließlich zum Umweltminister. Der 59-Jährige amtierte jedoch nur fünf Jahre, bis zur Wahlniederlage der Sozialdemokraten 2003. Damals war Schröder schon viereinhalb Jahre Bundeskanzler. Bereits im Jahr 1999 scheiterte Jüttner im Kampf um die Nachfolge des gestürzten Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski an Sigmar Gabriel. Seine Chance kam später, als die Sozialdemokraten in die Opposition gehen mussten. Nachdem die SPD drei Ministerpräsidenten in fünf Jahren verschlissen hatte, war Jüttner wohl einfach an der Reihe. So schlicht das klingt. Seine Partei nominierte ihn im vergangenen Jahr mit mehr als 97 Prozent aller Stimmen zum Spitzenkandidaten.

Ein paar Tage vor der Wahl wissen viele Niedersachsen immer noch nicht, wofür Wolfgang Jüttner eigentlich steht. Zwar hat auch Andrea Ypsilanti in Hessen Schwierigkeiten, gegen Roland Koch inhaltlich zu punkten. Trotzdem gewinnt sie an Popularität. Jüttners Situation ist ungleich verzwickter, wohl auch, weil er mit Christian Wulff einen beim Volk äußerst beliebten Gegenspieler hat. Dabei sind Jüttners Positionen in weiten Teilen deckungsgleich mit denen der so erfolgreichen Genossin aus Rüsselsheim. Auch er kämpft für einen Mindestlohn, er engagiert sich gegen Studiengebühren und für die Gesamtschule. Bisher jedoch ohne Erfolg.

Holt Wulff die absolute Mehrheit?

In den Umfragen liegt die SPD zehn bis dreizehn Prozentpunkte hinter den Christdemokraten. Laut der aktuellen Prognose des ZDF könnte Wulff mit etwas Glück sogar die absolute Mehrheit erreichen.

Es ist nicht so, dass Wolfgang Jüttner das alles wortlos ertragen würde. Bis Sonntag wird er noch viele Reden halten, und er wird immer wieder sagen, dass die Wahlumfragen nicht das wahre Stimmungsbild in der Bevölkerung wiedergeben. Wahrscheinlich ist jedoch auch: Kaum jemand wird ihm dabei zuhören.

  • Sebastian Christ