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Union im Umfrage-Tief: Deutschland, bräsig Vaterland

Die Union ist nach fünf Jahren Merkel in einen Dämmerzustand verfallen - das Wahlvolk straft sie dafür in der jüngsten stern-Umfrage ab. Erinnerungen werden wach - an Helmut Kohl.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Anfang der Woche hat die CDU ihren neuen Generalsekretär Hermann Gröhe mit 96,7 Prozent ins Amt gewählt. Doch, doch, das ist ein achtbares Ergebnis. Der groteske Beweis der inneren Geschlossenheit, war, nun ja, der Höhepunkt eines kleinen Parteitags, bei dem selbst die Gutwilligsten bereits nach einer halben Stunde gegen bleierne Müdigkeit ankämpfen mussten. Nicht wenige vergeblich. Andererseits: Das aufmerksame Zuhören hätte sich auch nicht gelohnt - kein innovativer Politikentwurf, nirgends.

Die CDU im Jahr fünf der Kanzlerschaft Angela Merkels ist in einen bizarren Dämmerzustand verfallen. Eine eigentümliche Mischung aus Angststarre und Einfallslosigkeit hat sie ergriffen; es ist, als ob die drohende Wahlniederlage im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen in Berlin zu einer ganz besonderen Bewegungslosigkeit geführt hat. Sehr weit vorn dran: Angela Merkel.

Miserable Umfrage-Werte

Die Kanzlerin wirkt derzeit so, als ob sie ihren Vor-Vorgänger Helmut Kohl kopieren wolle. Deutschland, bräsig Vaterland. Mit dem Unterschied allerdings, dass der Alte aus Oggersheim die Langsamkeit als Politikstil entdeckte, als er seine Herzensanliegen Deutsche Einheit und Euro weitgehend über die Bühne gebracht hatte. Merkel, irritierend genug, hat dieses Stadium schon früher erreicht.

Mittlerweile ist auch das Wahlvolk nicht mehr bereit, sich dies uneingeschränkt gelangweilt anzuschauen. Der Unmut wird sichtbar. Die Union ist im Sinkflug. Im neusten stern-RTL-Wahltrend fällt sie mit 32 Prozent auf den niedrigsten Wert seit der Bundestagswahl.

Zusammen mit der FDP erreicht die schwarz-gelbe Schlingerkoalition nur noch 40 Prozent der Stimmen - weniger gab es für Schwarz und Gelb zusammen zuletzt Anfang 2000. Damals - apropos Kohl - versenkte die CDU-Spendenaffäre die Union tief in der Wählerungunst.

Bleierne Jahre

Das sind deprimierende Werte. Die Frage ist, ob sie Angela Merkel auf Trab bringen. Das sollten sie - und nicht nur um der CDU willen. Nur noch 19 Prozent der Bundesbürger trauen nämlich laut Forsa der Union zu, mit den Problemen in Deutschland am besten fertig zu werden. Vier von fünf Befragten halten also nichts von der stärksten Regierungspartei, fast zwei Drittel (64 Prozent) trauen überhaupt keiner Partei in dieser Hinsicht etwas zu.

Setzt sich dieser Trend fort, dann kann das sogar ein die Demokratie gefährdendes Ausmaß einnehmen. Permanentes Aussitzen - das hat das Beispiel des späten Helmut Kohl gezeigt, ist keine Lösung.

Vielleicht sollte sich Angela Merkel ein Wort Joschka Fischers zu Herzen nehmen. Der hat mal gesagt: "Man kann dieses Land nicht regieren, wenn man Angst hat, Wahlen zu verlieren." Für NRW kommt dieser Hinweis womöglich zu spät. Danach aber wäre ein bisschen mehr Bewegung schon angesagt. Sonst drohen dreieinhalb bleierne Jahre.