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Kommentar

Rücktritt von Regierungsamt: Ursula von der Leyen setzt alles auf eine Karte

Die Verteidigungsministerin gibt ihr Amt auf – um zu zeigen, dass sie unbedingt EU-Kommissionschefin werden will. Sie steht jetzt mit Haut und Haaren zur Wahl oder zur Nichtwahl.

Vor Wahl zur EU-Kommisionschefin: Von der Leyen kündigt Rücktritt als Verteidigungsministerin an

Sie hätte abwarten können, was Dienstagabend passiert. Ob es für sie bei der Wahl zur Präsidentin der EU-Kommission im Europäischen Parlament reicht oder nicht. Und wenn nicht, dann wäre sie eben Ministerin in Berlin geblieben. Sie hätte ein wenig schmollen können, ihr Leben wäre erstmal weitergegangen wie bisher. Macht sie aber nicht. Sie gibt ihr Regierungsamt auf. Sie zeigt allen: Da ist eine, die will diesen Job, die hat keinen Plan B, die steht jetzt mit Haut und Haaren zur Wahl oder zur Nichtwahl.

Ursula von der Leyen legt jedes Wort auf die Waage

Ursula von der Leyen spricht bei ihrer Bewerbungsrede vor den Abgeordneten des Europaparlaments

Von der Leyen ist seit bald 14 Jahren Bundesministerin. Viel kann man ihr vorwerfen, gerade was die Arbeit im Verteidigungsministerium angeht. Eines gehört sicher nicht dazu: mangelnde Härte. Die zeigt sie auch gegen sich selbst. Sie ist keine, die in ihrer Komfortzone verharrt.

Beratungen der Staats- und Regierungschefs, die wenig mit dem Ergebnis der Europawahl zu tun hatten, haben ihr die größte Chance ihres Lebens ermöglicht – den Sprung an die Spitze der Europäischen Kommission. Sie kämpft, um den Job zu kriegen. Sie braucht dafür eine Mehrheit im Parlament, die keineswegs sicher ist (warum, lesen Sie hier). Die über das Verfahren frustrierten Abgeordneten lockt sie mit Angeboten etwa zur Klimapolitik und zum Mindestlohn; sie versucht, niemanden vor den Kopf zu stoßen und legt jedes Wort auf die Waage.

Die Frau hat verstanden, wie Politik funktioniert

Natürlich erinnert sie sich daran, wie ihr einst hoch gehandelter Kollege Norbert Röttgen dann doch eine etwas bescheidenere Karriere machte, weil er in Nordrhein-Westfalen zwar für den Job des Ministerpräsidenten angetreten war, aber jeder wusste, dass er im Fall des Scheiterns lieber Bundesminister bleiben wollte als Oppositionsführer in Düsseldorf zu werden. Am Ende war er auch nicht mehr lange Minister.

Die Frau hat verstanden, wie Politik funktioniert. Dass es immer auch um den Menschen geht – und wenn der sich inhaltlich nicht festlegen kann, dann erst recht. Wer von der Leyen in den letzten Tagen beobachtet hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass es ihr nicht unangenehm ist, mit hohem Einsatz zu spielen. Ihre Hand hat nicht gezittert. Das wollte sie zeigen. Morgen im Parlament muss sie eine große Rede folgen lassen. Und wenn sie dann verliert, kann sie aufrecht gehen. Kaum vorstellbar, dass ihre Kollegen in der GroKo einen ähnlich starken Abgang hinkriegen, wenn es mit dieser Regierung einmal vorbei sein sollte.